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Aus der Quarantäne getürmtFilmreife Corona-Flucht von Sam Querrey: Was wirklich geschah

Nachdem der Amerikaner in Russland positiv getestet worden war, setzte er sich im Morgengrauen mit dem Privatjet ab. Nun schildert er, wie verzwickt seine Lage war.

Am Pranger: Sam Querrey, zwölffacher Preisgeldmillionär und einst die Nummer 11 der Welt, wehrt sich für seinen Ruf.
Am Pranger: Sam Querrey, zwölffacher Preisgeldmillionär und einst die Nummer 11 der Welt, wehrt sich für seinen Ruf.
Foto Yifan Ding (Getty Images)

Die Empörung war gross und das Verdikt rasch gefällt, als die Geschichte im vergangenen Oktober bekannt wurde: ein egoistischer, verwöhnter Tennisstar, der sich vor seiner Verantwortung drückt. Sam Querrey hatte St. Petersburg in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in einem Privatjet verlassen, nachdem er im Rahmen des ATP-Turniers positiv auf Corona getestet worden war.

Seither war der 33-jährige Amerikaner untergetaucht. Die ATP hatte seine Flucht als «ernsten Protokollverstoss» eingestuft, was eine lange Sperre und bis zu 100’000 Dollar Busse nach sich ziehen könnte. Bevor er diese Woche am ATP-Turnier von Delray Beach auf die Tennistour zurückkehrt, hat der 56. der Weltrangliste nun sein Schweigen gebrochen und dem US-Magazin «Sports Illustrated» erzählt, was damals in Russland wirklich geschah.

«Ich bin nicht einfach zu meiner Frau gegangen und habe gesagt: ‹Lass uns von hier wegschleichen.›»

«Es ist nicht so einfach wie: Oh, ich habe Covid, und dann bin ich zu meiner Frau gegangen und habe gesagt: Lass uns von hier wegschleichen›», sagte Querrey. Die Wahrheit ist komplizierter – und deshalb wolle er erklären, was effektiv passiert sei. «Wenn die Leute mich dann immer noch hassen, ist das in Ordnung.»

Was also ist passiert? Querrey war mit seiner Frau Abby und ihrem im letzten Februar zur Welt gekommenen Baby Ford nach der Ankunft in St. Petersburg zuerst negativ auf Corona getestet worden. Drei Tage später, kurz vor dem Turnier, brachte ein zweiter Test das positive Resultat. Die beiden wurde angewiesen, auf ihrem Zimmer zu bleiben und den Room-Service zu benutzen.

Sie wären bereit gewesen, die zweiwöchige Isolation im Hotel abzusitzen, sagt Querrey. «Wir gingen in Quarantäne, sie brachten Essen in To-go-Boxen, legten neue Laken vor die Tür, es schien kein grosses Problem zu sein. Wir fühlten uns sicher, wir waren im Turnierhotel, alles war gut.»

Zwei Tage später habe ihn dann aber ein ATP-Angestellter angerufen: «Hey, ihr dürft nicht länger im Hotel bleiben. Zwei Ärzte werden auf euer Zimmer kommen, einer für dich und deine Frau und ein Kinderarzt für euer Baby. Sie werden feststellen, ob ihr symptomatisch seid oder nicht.» Falls ja, müssten alle drei für mindestens zwei Wochen in ein Krankenhaus.

Seine Frau habe das Gespräch über Lautsprecher mitgehört und sei in Panik geraten. Fragen über Fragen, ohne Antworten zu bekommen. Was für Ärzte sind das? Welches Krankenhaus erwartet sie? Werden sie zusammenbleiben können? «Ausserdem war unser Sohn da sieben Monate alt, er zahnte und hatte ein bisschen Fieber.» Es sei 22 Uhr gewesen, und zumindest habe die ATP sich einverstanden erklärt, die Ärzte erst zwölf Stunden später ins Zimmer kommen zu lassen, erzählt Querrey.

«Uns war zwar eine Wohnung angeboten worden, aber sie wollten mir nicht sagen, wo sie war, wie wir Essen bekommen sollten.»

Darauf habe er seinen Agenten John Tobias angerufen. «Ich musste irgendwie eine Entscheidung treffen, zwischen 22 Uhr und 10 Uhr am nächsten Tag.» Er habe sich wegen der Familie nicht wohl gefühlt, Angst davor gehabt, getrennt zu werden. «Also beschlossen wir, ein Flugzeug zu chartern und abzureisen».

Der Kalifornier kontaktierte dann einen Jet-Broker, der ihnen einen Privatjet fand, der sie frühmorgens von St. Petersburg nach London flog. «Wir verliessen das Hotel früh am Morgen, um nicht gesehen zu werden, gingen direkt zum Terminal des Privatjets und flogen nach London.» Unterwegs hätten sie ihre Masken nie abgenommen und niemanden gefährdet, beteuert Querrey. «Als wir landeten, gingen wir direkt in ein Haus, das ich gemietet hatte, und blieben dort zwei Wochen in Quarantäne.» Allein der Flug habe ungefähr 40’000 Dollar gekostet.

«Uns war zwar eine Wohnung angeboten worden, aber sie wollten mir nicht sagen, wo sie war, wie wir Essen bekommen sollten. Und das nur, wenn die Ärzte festgestellt hätten, dass wir drei keine Symptome haben.» Symptomlos waren sie aber offenbar nicht. «Auf einer Skala von 1 bis 10 lagen unsere Symptome bei 1,5 bis 2. Halsschmerzen, eine laufende Nase. Drei Tage, nachdem wir in London angekommen waren, ging es uns wieder gut.»

Die Ohnmacht der ATP-Tour

Das Problem sei gewesen, dass die ATP die Sache aus den Händen habe geben müssen und die lokalen Behörden zuständig gewesen seien, sagt der zwölffache Preisgeldmillionär und zehnfache Turniersieger. Immerhin wurde er von der Profitour nach einer kurzen Untersuchung praktisch reingewaschen: Die Geldstrafe wurde auf 20’000 Dollar angesetzt und wird «unter Berücksichtigung mildernder Umstände» nur fällig, sollte Querrey in einer sechsmonatigen Bewährungsfrist erneut gegen Covid-19-Protokolle verstossen.

Vorerst reist er ohne Familie an die Turniere.

9 Kommentare
    Frank Baumann

    In Russland wollte ich unter diesen Umständen meine Quarantäne auch nicht absitzen. ABER: die Aussage: "Der Kalifornier kontaktierte dann einen Jet-Broker, der einen Privatjet fand, der sie frühmorgens von St. Petersburg nach London flog." Und das dann $40'000.– gekostet habe ist schon "etwas" Komisch. Denn was steht denn da gut lesbar als Werbung auf seinen Shirt: "WHEELS UP". Und das ist – genau – ein internationaler Privatjet Broker…

    $40'000.–…Wirklich? Echt jetzt?

    Ein Schelm, wer böses denkt :-)