Zum Hauptinhalt springen

Faszination Fliegenfischen«Fisch gelandet!»

Das Fliegenfischen erobert Schweizer Bäche, Flüsse und Bergseen. Der Bündner Renato Vitalini zeigt, wie man die Rute schwingt und die Forelle erfolgreich fängt.

Fliegenfischen in der abgeschiedenen Natur im  Val S-charl auf über 2000 Metern über Meer.
Fliegenfischen in der abgeschiedenen Natur im Val S-charl auf über 2000 Metern über Meer.
Foto: Moritz Hager

«Bütscha la Ritscha!», wünscht Renato Vitalini. Petri Heil! Der Bündner hat uns in die Kunst des Fliegenfischens eingeführt jetzt warten wir auf unseren ersten Biss. Halt, falsch! Beim Fliegenfischen gibts kein Warten. Im Gegensatz zum herkömmlichen Angeln ist man permanent aktiv und immer in Bewegung. «Man ist mehr Jäger als Fischer», sagt der Instruktor.

Fliegenfischen gilt als Königsdisziplin des Angelsports und ist gerade bei jüngeren Männern, die das Abenteuer in der abgeschiedenen Natur suchen, angesagt. Renato Vitalini, 42, ist seit über 15 Jahren Fliegenfischer, gleich beim ersten Versuch habe er zwei Forellen erwischt, seitdem hat es ihn gepackt.

Fliegenfischen ist Filigranarbeit: Renato Vitalini setzt den Köder behutsam und präzise an der gewünschten Stelle ab.
Fliegenfischen ist Filigranarbeit: Renato Vitalini setzt den Köder behutsam und präzise an der gewünschten Stelle ab.
Foto: Moritz Hager

Von Schuls im Unterengadin hat er uns durch den Schweizer Nationalpark auf die Alp Astras im Val S-charl geführt, wir fischen auf über 2000 Metern über Meer. Eine wunderbare Landschaft: Die Clemgia schlängelt sich durch Alpweiden und Flachmoore, Enziane leuchten, der God da Tamangur zuhinterst im Tal ist der höchstgelegene reine Arvenwald Europas. Der Bach plätschert, Kuhglocken bimmeln, der grelle Pfiff eines Murmelis ertönt. Noch ist kein Wanderer unterwegs. Kürzlich sei er um ein Haar auf eine Kreuzotter getreten, erzählt Vitalini, «sie war sicher einen Meter lang».

Er startet mit der Wurfschulung, Fliegenfischen ist Filigranarbeit, technisch anspruchsvoll, die Rute ist federleicht und biegsam. Fliegenfischer fischen weder nach noch mit Fliegen. Bei den «Fliegen» handelt es sich um künstliche Köder, die Insekten, Kleinfische oder Larven imitieren sollen, je nach Vorliebe des lokalen Fisches, «match the catch», wie der Profi sagt. Im Gegensatz zu den üblichen Lockmitteln, den Mädli und Würmern, müssen diese Köder also nicht im Kühlschrank gelagert werden.

Erfolgreiche Fliegenfischer lesen das Wasser und verstehen die Beute.
Erfolgreiche Fliegenfischer lesen das Wasser und verstehen die Beute.
Foto: Moritz Hager 

Vitalini machts vor, behutsam und präzise setzt er den Köder an der gewünschten Stelle ab, sodass die künstliche Fliege wie ein natürliches Insekt auf der Wasseroberfläche landet. Erfolgreiche Fliegenfischer lesen das Wasser, und sie verstehen die Beute: Der Fisch verbraucht möglichst wenig Energie, um Nahrung aufzunehmen, erklärt Vitalini, deshalb soll der Köder ins ruhige und nicht ins sprudelnde Gewässer gelegt werden.

Nur zwei, drei Versuche an der gleichen Stelle, und weiter gehts den Bach hinauf. Immer gegen die Strömung, damit uns der schlaue Fisch nicht kommen sieht. Die Clemgia ist so schmal, dass wir nicht wie auf den typischen Fotos von Fluganglern im Wasser stehen müssen. Der Instruktor bleibt an unserer Seite, er korrigiert die Haltung beim Wurf, «aus dem Ellbogen, ja genau», und spornt an zur Genauigkeit: «Fliege trocknen, perfekt!» Zwei Stunden vergehen wie im Flug allerdings ohne Fang.

Ein Wohlfühlhotel mit Bio-Zmorge

Renato Vitalini ist nicht nur Fliegenfischinstruktor, sondern auch Hotelier in Schuls. Das Wohlfühlhotel Curuna, nicht Corona, ist nach Feng-Shui eingerichtet, ein ganzes Arsenal von Engeln, Buddhas und Quarzen soll für harmonische Schwingungen sorgen. Bergamotte-Essenz «Sonnige Zuversicht» strömt aus dem Duftbrunnen im Treppenhaus. Das Frühstücksbuffet ist achtsam bestückt: Alles bio, der Käse aus der Region, unzählige Teesorten, die Konfitüre ist selbst gemacht, die Früchte stammen aus Vitalinis Garten.

Renato Vitalini, Fliegenfischinstruktor und Hotelier in Schuls: Das Fliegenfischen hat ihn ruhig und gelassen gemacht.
Renato Vitalini, Fliegenfischinstruktor und Hotelier in Schuls: Das Fliegenfischen hat ihn ruhig und gelassen gemacht.
Foto: Moritz Hager

Das Fliegenfischen habe ihn Geduld gelehrt, sagt Vitalini. Beim Fliegenfischen vergesse er Zeit, Hunger, Durst. Es sei schon vorgekommen, dass er zwölf Stunden lang nonstop gefischt habe. So ruhig und gelassen war er nicht immer. Früher, bevor er den Familienbetrieb übernahm, hat er Jahre in Zürich gelebt, Computer verkauft und als DJ aufgelegt. Die Berge aber habe er immer vermisst.

Seit sechs Jahren bietet er die Fischexkursionen nun an, diesen Sommer sei die Nachfrage so gross wie nie zuvor. Nicht immer reicht der Fang für einen feinen Znacht. Kürzlich führte er ein Grüppchen Junggesellen auf die Alp Astras. Fazit: zwei Bisse, null Fische.

Fliegenfischen galt als elitär, ähnlich wie Golf

Früher galt Fliegenfischen als elitär, ähnlich wie Golf, ein Hobby der Adligen und Reichen. US-Präsidenten von Carter über Bush Senior bis Obama haben die Rute geschwungen. In den USA und Skandinavien ist Fliegenfischen jedoch längst ein Sport für jedermann. Der Kinofilm «A River Runs Through it» aus dem Jahr 1992 mit Brad Pitt als Fliegenfischer machte diese Art des Angelns auch in der Schweiz bekannt.

Der Fliegenfischer von heute trägt eine polarisierte Sonnenbrille, damit er die Fische im Wasser besser sieht. Und moderne Outdoorkleidung weg vom traditionellen Olivgrün, die Farben aber bleiben dunkel, «ein weisses Shirt ist der Killer», sagt Vitalini. Fliegenfischen ist ein teures Hobby, die Ausrüstung geht ins Geld, mit 1000 Franken muss man rechnen.

Renato Vitalini ist auch Rutenbauer: «Was gibt es Schöneres, als einen Fisch mit der selbst gebauten Rute zu überlisten?»
Renato Vitalini ist auch Rutenbauer: «Was gibt es Schöneres, als einen Fisch mit der selbst gebauten Rute zu überlisten?»
Foto: Moritz Hager
Match the catch: Die Fliegen imitieren Insekten, Kleinfische oder Larven, je nach Vorliebe des lokalen Fisches.
Match the catch: Die Fliegen imitieren Insekten, Kleinfische oder Larven, je nach Vorliebe des lokalen Fisches.
Foto: Moritz Hager

Vitalini ist auch Rutenbauer, seine Angelruten sind wahre Schmuckstücke. «Was gibt es Schöneres, als einen Fisch mit der selbst gebauten Rute und der selbst gebundenen Fliege zu überlisten?», fragt er. Die Grösse der Forellen, Saiblinge oder Äschen sei dabei nicht entscheidend. Und doch, immer wieder werden aus dem Unterengadin kapitale Fänge gemeldet: Im Frühling 2013 zog Duri Caviezel bei Ramosch eine 12,5 Kilo schwere, 92 Zentimeter lange Bachforelle aus dem Inn Schweizer Rekord!

Erlaubt sind höchstens vier Fische pro Tag - wir haben noch keinen einzigen. Seit vier Stunden pirschen wir bachaufwärts. Geduckt schleicht Vitalini dem Ufer entlang, rutscht auf den Knien zum Wasser. Biss! Endlich! Behutsam zieht er eine 30 Zentimeter lange Bachforelle aus dem Wasser. «Biss!», ruft auch der Fotograf. Den Fisch aber zu behalten, das ist die wahre Kunst. «Fisch gelandet!», freut sich Vitalini der Instruktor scheint enorm erleichtert, dass er uns dieses Erfolgserlebnis bieten konnte. Jetzt nur noch ein Foto unseres Fangs, unserer besonders prächtigen, weil selbst gefangenen Forelle.

Fisch gelandet:  Eine besonders schöne, weil selbst gefangene Bachforelle.
Fisch gelandet: Eine besonders schöne, weil selbst gefangene Bachforelle.
Foto: Moritz Hager