Flach wie Abziehbildchen von Superhelden

Krimi der Woche: Zum siebten Mal lässt das Autorenduo P. J. Tracy in «Cold Kill. Nichts ist je vergessen» vier paranoide Computerfreaks in Minneapolis von der Leine.

Schrieben seit 2003 gemeinsam Krimis: Die 2016 verstorbene Patricia Jean Lambrecht-Platz (r.) und ihre Tochter Traci Lambrecht. (Bild: Pamela Stege/Penguin Random House)

Schrieben seit 2003 gemeinsam Krimis: Die 2016 verstorbene Patricia Jean Lambrecht-Platz (r.) und ihre Tochter Traci Lambrecht. (Bild: Pamela Stege/Penguin Random House)

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Der erste Satz
Steckt man ein Dutzend Wissenschaftler und Ingenieure in eine scheinbar endlose Wüste voller Sand und ohne jede Freizeitbeschäftigung, dann machen sie sich unweigerlich daran, einen Golfplatz zu planen und zu bauen.

Das Buch
«Cold Kill. Nichts ist je vergessen» ist der siebte Band der Monkeewrench-Reihe von P. J. Tracy. Es ist ein Kriminalroman, der sich einfach und rasch liest und der unkomplizierte, leichte Unterhaltung bietet. Das Buch ist zudem ein typisches Beispiel für zwei Sachen, die mich bei Krimis nerven. Die eine geht auf die Kappe der Autoren, die andere auf die der deutschsprachigen Verlage.

Zum Ersten: Immer mehr Krimiautoren meinen, unter einer Bedrohung für die ganze Welt oder doch zumindest bedeutender Landstriche gehe es nicht mehr. Ich sehne mich nach Krimis mit ganz normalen Verbrechen, wie sie tatsächlich tagtäglich geschehen: Betrügereien, eine Einbruchserie, Mord und Totschlag im Milieu usw. Die Krimischreiber, die nicht einen möglichst abstrusen Serienmörderfall aushecken, erfinden heute immer öfter eine Bedrohung für einen Grossteil der Menschheit. Die dann von dem oder den Helden natürlich abgewendet wird.

Zum Zweiten: Es ist zwar etwas besser geworden, aber immer wieder nerven deutsche Titel von übersetzten Büchern. Der vorliegende Krimi heisst im Original «The Sixth Idea», «Die sechste Idee». Daraus machte der Verlag «Cold Kill. Nichts ist je vergessen». Wohl weil es im Buch Winter ist in Minnesota und Menschen umgebracht werden. Und weil Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse eine Rolle spielen.

Die Reihe von Romanen um das Team von Monkeewrench, das von vier paranoiden aber steinreichen Computerfreaks in Minneapolis gebildet wird, hat das Mutter-Tochter-Team P. J. und Traci Lambrecht unter dem Autorennamen P. J. Tracy 2003 gestartet. Die schrägen Figuren einerseits, anderseits das damals noch recht neue Einbringen neuester Computertechnologien in die Kriminalliteratur war originell und hat sowohl bei vielen Kritikern wie bei den Lesern Anklang gefunden. Doch leider haben sich die Figuren in den folgenden Romanen nicht weiterentwickelt, sie blieben darum so flach wie Abziehbildchen von Superhelden.

Im siebten Roman der Reihe geht es um eine Idee, welche die Erfinder der Wasserstoffbombe in der Zeit des Kalten Krieges hatten, um nur Anlagen lahmzulegen, aber Menschen zu verschonen. Diese «humane» Bombe wurde seither heimlich weiterentwickelt und bedroht nun die Welt. Darauf stossen die Monkeewrench-Leute, als sie ihren Freunden von der Polizei helfen, die rätselhaften Morde an Nachkommen der Wasserstoffbombenerfinder zu klären. In welchem Verhältnis die Entwickler der neuen Bombe zur (US-)Regierung stehen, wird im Roman im Ungefähren und somit Unverbindlichen gelassen. Man will nicht politisch werden.

Die Wertung

Die Autorinnen
P. J. Tracy ist das Pseudonym eines Autorenduos, das von Patricia Jean Lambrecht-Platz, geboren 1946, gestorben 2016 in Stillwater, Minnesota, und ihrer Tochter Traci Lambrecht, geboren 1967, gebildet wurde. P. J. Lambrecht begann als Hausfrau Kurzgeschichten zu schreiben; die erste veröffentlichte sie in der Zeitschrift «The Saturday Evening Post» als Tochter Traci 8-jährig war. Traci Lambrecht studierte Russistik am St. Olaf College in Northfield, Minnesota. Der erste gemeinsame Roman «Monkeewrench» («Spiel unter Freunden») war 2003 der Auftakt zu einer erfolgreichen Krimireihe, die inzwischen acht Bände umfasst, davon sind bisher sieben auf Deutsch erschienen. Mutter P. J. Lambrecht ist kurz vor Weihnachten 2016 nach langer Krankheit 70-jährig gestorben. Traci Lambrecht will die Monkeewrench-Reihe weiterführen. Sie lebt ausserhalb von Minneapolis in Minnesota.

P. J. Tracy: «Cold Kill. Nichts ist je vergessen» (Original: «The Sixth Idea», G. P. Putnam's Sons, New York, 2016). Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels. Rowohlt/rororo, Reinbek, 2017. 336 S., ca. 14 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2018, 10:32 Uhr

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