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Fleece ist in ModeWieso die Wanderjacke plötzlich cool wurde

Der Fleece wurde für Outdoor-Freaks entwickelt, doch mittlerweile prägt der Stoff unseren Kleideralltag über den Sport hinaus. Nun wird die Innovation 40.

Die US-Komiker Jon Stewart (rechts) und Stephen Colbert bei einem Auftritt 2010 im patriotischen Fleece-Motiv.
Die US-Komiker Jon Stewart (rechts) und Stephen Colbert bei einem Auftritt 2010 im patriotischen Fleece-Motiv.
Foto: Reuters

Für das US-Magazin «Time» zählt die Erfindung zu den 100 wichtigsten des 20. Jahrhunderts: der Fleece. Das können Millionen von Menschen nur bestätigen: Ob im Büro, beim Skifahren oder Museumsbesuch, dieser angenehme, wärmend-leichte Stoff hat sich seit seiner Erfindung gerade in Jackenform so flächendeckend durchgesetzt, dass er das wohl erfolgreichste Produkt aus der Welt des Sports darstellt. Schliesslich wurde er einst für Berggänger entwickelt. Im kommenden Winter feiert der Fleece sein 40-Jahre-Jubiläum.

Ein kurzer Rückblick

Die ersten dieser Fleece-Wunderjacken von Patagonia.
Die ersten dieser Fleece-Wunderjacken von Patagonia.
Foto: Patagonia

Wolle hält warm und ist robust. Bloss wird sie oft schwer wie ein Sack, wenn es zu regnen beginnt – und den Schweiss mag auch nicht jede Wolle so recht abtransportieren. Wer zudem ein bisschen sensibel ist, weiss: Sie kann ganz schön kratzen. Darum experimentierten die Gründer der (späteren) Outdoor-Marke Patagonia, Yvon Chouinard und seine Frau Malinda, schon Mitte der 1970er-Jahre mit Alternativstoffen.

Der Durchbruch kam 1981 dank der US-Textilfirma Malden Mills. Sie stellte aus Polyester in einem komplizierten Verfahren den ersten Fleece her. Seine Hauptvorteile: Er ist leicht, wärmend, trocknet schnell und führt Schweiss gut vom Körper ab. Auch ist er robust und kratzt nicht. Beim Fleece handelt es sich übrigens nicht um einen Faserpelz. Dieser wird anders hergestellt.

Weg vom Erdöl

So populär Fleece sein mag, er basiert auf dem Kunststoff Polyester, dieser wiederum auf Erdöl. Wird ein Fleece gewaschen, lösen sich Kleinstpartikel, welche ins Abwasser und letztlich in die Umwelt gelangen. Diese Rückstände landen auch in uns Menschen, weil wir sie beispielsweise über unseren Fischkonsum aufnehmen.

Die Industrie kehrt darum verstärkt zum Ursprungsprodukt zurück: Wolle. Primär in Form von Merino lassen sich Fleecekleider entwickeln, die deutlich umweltfreundlicher sind – und ebenfalls über viele wünschenswerte Eigenschaften des Kunstfleece verfügen.

Von der Jacke bis zum Pischi

Laut gebrüllt, Pischi-Fleece-Löwen: Anhänger der Detroit Lions feuern ihre Footballer an.
Laut gebrüllt, Pischi-Fleece-Löwen: Anhänger der Detroit Lions feuern ihre Footballer an.
Foto: Getty Images

Auch wenn die Fleece-Jacke das Pionierprodukt bildet, sind der Verwendung kaum Grenzen gesetzt. Darum hat sich selbst die Kategorie der «Wellness Fleece» etabliert, der besonders weichen Fleece-Stoffe also. Verwendet werden sie für alles, das kuschelig sein soll: Decken, Kissen, Bademäntel, Jackenfutter oder Kuscheltiere.

Im Sport findet diese besondere Fleece-Form ebenfalls begeisterte Anhänger. Im Merchandise-verrückten Amerika führen viele Profiteams nämlich Fankleider aus Fleece, im Bild äusserst stilvoll von Fans der Detroit Lions (Football) als Pyjamas getragen.

Der modische Untergang der Menschheit?

Auch Modebewusste finden: Fleece ist cool. Getragen an der Milan Fashion Week 2020.
Auch Modebewusste finden: Fleece ist cool. Getragen an der Milan Fashion Week 2020.
Foto: Getty Images

Die Fleece-Jacke mag ein Klassiker sein. Modebewusste Zeitgenossen aber trugen sie maximal beim Wandern – und rümpften lange die Nase, wenn sie im Alltag präsent war. Mittlerweile hat der Wind gedreht, selbst Designer mit hohem Coolnessfaktor bauen sie in ihre Kollektionen ein. Der Fleece ist damit in der Modewelt angekommen, was in einer Zeit, die immer rauer wird, von Küchenphilosophen gern als «neue Lust an Gemütlichkeit» interpretiert wird.

Dem Fleece-Träger kann dieser Überbau egal sein, weil er weiss: Fast alles wird in der Modebranche irgendwann wieder hip, man muss nur lange genug warten. Darum werden für originale Fleece-Jacken (von Patagonia oder North Face) aus den 1980er- oder frühen 1990er-Jahren mittlerweile auch einmal ein paar Hundert Franken hingeblättert.

Die unbeliebten Tech-Grössen

Stilpionier im Silicon Valley: Amazon-CEO Jeff Bezos mit seiner geliebten Fleece-Weste.
Stilpionier im Silicon Valley: Amazon-CEO Jeff Bezos mit seiner geliebten Fleece-Weste.
Foto: Reuters

Fleece-Pionier Patagonia wurde der Hype um das eigene Produkt irgendwann zu viel. Primär seine Weste entwickelte sich nämlich bei den Grössen des Silicon Valley zur Uniform. Stilbildend war Amazon-CEO Jeff Bezos. Zumal er in Kombination mit einem T-Shirt aller Welt zeigen konnte, wie durchtrainiert seine Oberarme inzwischen sind.

Weil Bezos und seine Millionärs- bis Milliardärskollegen aber stets auch der Zweifel der Gier umweht – und sie im Gegensatz zu Patagonia-Gründer Chouinard eher nicht als besorgte Umweltturbos aufgefallen sind –, entzog ihnen Patagonia die Liebe: Das Unternehmen entschied, für bestimmte Firmen keine Westen mit Logos mehr zu produzieren.

Ewig stottert der Pionier

Malden Mills mag uns den Fleece geschenkt haben. Doch das Textilunternehmen konnte von der Innovation nur mässig profitieren – auch weil es bewusst nie ein Patent dafür anmeldete. Ein Feuer zerstörte 1995 zudem fast die gesamte Anlage. Beim raschen Wiederaufbau übernahm sich die Firma und musste 2001 Konkurs anmelden – zum zweiten Mal nach 1983 (der Fleece hatte das Unternehmen damals gerettet).

Ein Kreditgeber übernahm die Firma, der 2007 das Geld erneut ausging und die noch einmal übernommen wurde. Polartec heisst das Unternehmen mittlerweile – und arbeitet neben vielen anderen noch immer mit Patagonia zusammen.