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Ungenügendes Krisenmanagement im Corona-Hotspot IschglNicht nur die Tiroler Behörden versagten, sondern auch die Regierung Kurz

Eine Untersuchungskommission benennt Fehleinschätzungen und Versäumnisse im Umgang mit dem Pandemie-Ausbruch im Winterferienort.

Tausende Corona-Infektionen in ganz Europa haben hier ihren Ursprung: Ischgl, beliebter Winterferienort im österreichischen Paznaun.
Tausende Corona-Infektionen in ganz Europa haben hier ihren Ursprung: Ischgl, beliebter Winterferienort im österreichischen Paznaun.
Foto: Reuters

Der Vorsitzende der Ischgl-Untersuchungskommission brauchte am Montag in Innsbruck eine knappe Stunde, um bis zu dem Punkt seines Vortrags zu gelangen, an dem er einen Teil der Verantwortung für das Chaos in Ischgl und Umgebung, das im März zu einer rasanten Ausbreitung von Covid-19 geführt hatte, in Wien verortete – und damit ganz oben. Tausende Infektionen in ganz Europa sollen auf Ischgl zurückzuführen sein.

Der Jurist Ronald Rohrer, Leiter der unabhängigen Kommission zur Untersuchung des Corona-Managements in Tirol, hatte sich, Befund für Befund, bei seiner Fehleranalyse bereits durch die Verantwortung der lokalen Behörden, der Bezirkshauptmannschaft Landeck und des Landes Tirol gearbeitet, bis er bei Kanzler Sebastian Kurz und der Bundesregierung ankam.

Der Bürgermeister von Ischgl liess den Skibetrieb zu spät einstellen.

Er hatte bereits darauf hingewiesen, dass Informationen über infizierte Ischgl-Rückkehrer nach Island und eine steigende Anzahl von Corona-Infektionen in Ischgl selbst zu folgenschweren Fehleinschätzungen geführt hätten. So hätten die Behörden die Après-Ski-Lokale, in denen sich das Virus rasend schnell ausbreiten konnte, zu spät geschlossen. Die Öffentlichkeitsarbeit des Landes, das ebendiese Infektionsgefahr durch das Virus heruntergespielt habe, sei «unwahr und daher schlecht» gewesen.

Der Skibetrieb ist laut Bericht zu spät eingestellt worden. Druck aus der Tourismusindustrie, etwa von den Seilbahnbetreibern, sei aber nicht nachweisbar gewesen. Allerdings spielte offenbar der Bürgermeister von Ischgl eine fatale Rolle.

Er liess die am 12. März 2020 ergangene Verordnung, mit der die Schliessung der Seilbahnen angeordnet wurde, erst anderthalb Tage später aushängen, obwohl er das sofort hätte tun müssen. Man habe, so Rohrer, diese Erkenntnis an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Die ermittelt ohnehin bereits gegen den Bürgermeister und drei andere Verantwortliche.

Nur noch weg: Abreise-Chaos nach der Verhängung der Quarantäne über die Region um Ischgl am 13. März.
Nur noch weg: Abreise-Chaos nach der Verhängung der Quarantäne über die Region um Ischgl am 13. März.
Foto: Getty Images

Durchaus brisant, wenngleich nicht völlig neu wurde es dann, als die vom Land Tirol eingesetzte Untersuchungskommission zur Verantwortung der Regierung in Wien kam. Kanzler Kurz hatte dann am 13. März, nachdem er am Morgen mit Landeshauptmann Günther Platter telefoniert hatte, auf einer Medienkonferenz in Wien erklärt, dass man eine Quarantäne über die Region verhängen werde. Kurz habe damit «überraschend, ohne Zuständigkeit und ohne Vorbereitung» eine Ankündigung gemacht, die das Abreise-Chaos, das kurz danach ausbrach, offenbar mit auslöste.

Eigentlich habe die Quarantäne erst einmal nur für Touristen aus Österreich, das Personal in den Skibetrieben und die lokale Bevölkerung gegolten. Weil aber nicht deutlich gemacht worden war, dass Ausländer über das Wochenende hinweg Zeit haben würden, geordnet und geplant abzureisen, hätten Tausende In- und Ausländer fluchtartig das Tal verlassen, teils unter Zurücklassung ihres Hab und Guts in den Hotels.

Als dann auch noch kurzzeitig die Stromversorgung der Lifte ausfiel, Polizeikontrollen angekündigt wurden, Kontaktformulare und Informationsblätter fehlten und die Bahn entschied, nicht mehr in St. Anton zu stoppen, sei kein Halten mehr gewesen.

Überraschender Quarantäne-Entscheid

Zu spät gehandelt, zu schlecht geplant: So lautete, alles in allem, die Schlussfolgerung der Kommission, was sie aber unter anderem auch auf ein Problem auf Bundesebene zurückführte. Das Gesundheitsministerium in Wien habe es verabsäumt, eine überarbeitete Fassung des aus dem Jahr 1950 stammenden Epidemiegesetzes zu veröffentlichen. Das alte Gesetz aber sei nicht an die Notwendigkeiten und Realitäten einer modernen, mobilen Gesellschaft angepasst gewesen. Das habe die Arbeit der Landes- und Bezirksebene sehr erschwert.

Rohrer und seine Kollegen, die mehrere Dutzend Zeugen aus Medizin, Politik, Tourismus und Journalismus befragt hatten, sagten auf Nachfrage, sie hätten keine Zuständigkeit gehabt, das Verhalten von Kanzler Kurz am 13. März zu untersuchen. Der Bericht sei auf Tirol begrenzt gewesen.

Kurz selbst habe bei seiner Befragung angegeben, er sei davon ausgegangen, dass «die Stäbe» die Quarantäne-Entscheidung getroffen hätten. Die Tiroler wiederum sagten, sie seien damit überrascht worden. (Lesen Sie zum Thema den Artikel «Was Tirol Tourismus aus dem Ischgl-Albtraum gelernt hat».)

1 Kommentar
    Sacha Meier

    Da Schuldige zu finden, dürfte erfahrungsgemäss sehr, sehr schwierig werden. Ein Quarantäne-Entscheid ohne Unterstützung durch Polizei und Militär hätte in jedem Fall zu einem Exodus samt Massenverbreitung des Erregers geführt. Egal, ob das nun ein, oder zwei Tage früher bekanntgegeben worden wäre. Die eigentlich technisch sinnvollste Lösungen hingegen hat niemand ins Auge gefasst: Nach dem Bekanntwerden der ersten Erkrankungen eine allgemeine, strafbewehrte Schutzmaskenpflicht einführen. Und die Lüftungsanlagen in den Après-Ski nach asiatischem Vorbild notfallmässig mit einer UV-Desinfektionsstufe ausrüsten. So etwas kann im Notfall wirklich jedes interdisziplinäre Bauhandwerkerteam aus einem HKL-Monteur und einem Elektriker. Es genügt, die äussere Glashülle einer handelsüblichen Quecksilber-Hochdrucklampe au dem Arsenal einer Strassenmeisterei zu zerschlagen, diese in eine passende Fassung einzuschrauben und richtig verdrahtet mit Vorschaltgerät in den Zuluftkanal zu montieren.