Selber geoutet: Das ist der Whistleblower der Football Leaks

John, der richtig Rui Pinto heisst, spielte dem «Spiegel» 70 Millionen Dokumente zu. In der Folge wurden Steuertrickser enttarnt. Sein Schicksal ist ungewiss.

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Der Mann, den die portugiesische Staatsgewalt um jeden Preis fassen will, hat die Haftzelle bereits wieder verlassen – vorerst zumindest. Ein aktuelles Foto zeigt Rui Pinto und seine drei Anwälte (mit William Bourdon und Vincent Brengarth zwei Franzosen, sowie dem Ungar David Deak) beim Nachtessen, die Weingläser sind fast leer, im Hintergrund läuft ein Fussballspiel.

Das Bild zeigt von links nach rechts William Bourdon, Rui Pinto, David Deak und Vincent Brengarth.

Pinto war Mittwoch letzter Woche in Budapest verhaftet worden; nun steht er bis zu einem Entscheid über seine Auslieferung nach Portugal unter Hausarrest.

Der 30-Jährige und seine Rechtsvertreter haben einen wichtigen Entscheid gefällt – Pinto outet sich heute selbst als Whistleblower der Enthüllungsplattform Football Leaks: «Rui Pinto ist John», sagt sein Anwalt William Bourdon im Interview mit dem «Spiegel» und dem Recherche-Netz European Investigative Collaborations (EIC).

John war das Pseudonym, unter dem Pinto in der Öffentlichkeit und gegenüber den Journalisten des EIC-Konsortiums aufgetreten war. Nur «Spiegel»-Journalist Rafael Buschmann hatte direkten Kontakt zu ihm gehabt.

Laut Anwalt Bourdon war es Rui Pinto, der dem «Spiegel» mehr als 70 Millionen Dokumente aus dem Innenleben des Weltfussballs zugespielt hatte. Das deutsche Nachrichtenmagazin hatte die Daten mit EIC geteilt, zu dessen Partnern auch das Recherchedesk von Tamedia gehört.

Strafverfahren auch in der Schweiz

Die Enthüllungen hatten in der Fussballwelt seit Ende 2015 Erdbeben um Erdbeben ausgelöst. Topspieler wurden als Steuertrickser enttarnt, Topclubs sahen Fake-Sponsoringverträge ans Licht gezerrt, bei Paris Saint-Germain tauchte ein rassistisches Scouting-System auf, für das sich der Verein umgehend entschuldigte.

In mehreren Ländern sind wegen Football Leaks Strafverfahren angelaufen, so auch in der Schweiz: Ein ausserordentlicher Staatsanwalt untersucht, ob ein Walliser Oberstaatsanwalt von Fifa-Präsident Gianni Infantino unrechtmässige Vorteile erhalten hat. Rui Pintos Anwalt Bourdon sagt, er stehe mit dem Sonderermittler Damian Graf in Kontakt. Der dementiert das auf Anfrage nicht. Auch in anderen Ländern interessieren sich Strafverfolger für das Material.

Oder sie sind schon weiter. Fast gleichzeitig mit Pintos Verhaftung stand diesen Dienstag in Madrid Überfussballer Cristiano Ronaldo wegen Steuerhinterziehung vor Gericht – auch dieses Verfahren ist auf Football Leaks zurückzuführen. Ronaldo kassierte eine bedingte Gefängnisstrafe von zwei Jahren und muss dem Fiskus 18,8 Millionen Euro zahlen.

«Pintos Kriminalisierung ist künstlich aufgeblasen.»William Bourdon, Anwalt

Rui Pintos Schicksal dagegen ist offen. Die portugiesischen Behörden werfen ihm Datendiebstahl und versuchte Erpressung vor. Besonders schwer wiegt die Anschuldigung, Pinto habe von einer portugiesischen Sportagentur Geld verlangt, ansonsten er belastende interne Dokumente publizieren würde.

William Bourdon weist diesen Vorwurf zurück und spricht von einem «kindlichen Streich»: Pinto habe testen wollen, wie weit die Agentur gehen würde. Sein Mandant habe am Ende selbst von dem Plan Abstand genommen. Geld sei nie geflossen: «Pintos Kriminalisierung ist künstlich aufgeblasen.»

Die Anwälte wollen sich nun auf Pintos Status als Whistleblower berufen, um dessen Auslieferung zu verhindern. Aussergewöhnlich ist, dass der 30-Jährige anders als frühere Whistleblower nicht Dokumente aus einer Organisation mitgenommen hat, für die er arbeitete. Er war ein Aussenstehender. Ein Fussballfan.

Am Anfang stand die Liebe zum Fussball

Für William Bourdon ändert das nichts an der Sache: Pinto erfülle alle Bedingungen für Whistleblower, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte aufgestellt habe. «Ich halte dies für einen historischen, europaweit beispiellosen Fall», sagt der Rechtsanwalt, der früher NSA-Whistleblower Edward Snowden verteidigte.

Die ungarischen Behörden beschlagnahmten bei Pinto Festplatten und Computer. Auf die Frage, ob sein Mandant die Football-Leaks-Dokumente durch Hacking erlangte, will der Anwalt nicht antworten: «Ich kann nicht erklären, wie er an die Dokumente gekommen ist. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass am Anfang der Geschichte die Liebe zum Fussball stand.» Diese sei von dem, was er entdeckt habe, verletzt worden.

«Daraus wurde ein Dominoeffekt: Je mehr Zugang er zu Dokumenten hatte, desto empörter und angewiderter war er», sagt Bourdon. Pinto sei allerdings nur «ein Teil» von Football Leaks: Es gebe natürlich noch weitere Quellen.

Erstellt: 25.01.2019, 14:00 Uhr

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