Fifa bremste Doping-Jäger aus

Geheime Dokumente zeigen, wie der Weltverband vor der WM 2018 eine Untersuchung gegen russische Spieler verhindert hat.

Mann mit vielen Ämtern: Witali Mutko war russischer Sportminister, Mitglied des Exekutivkomitees der Fifa, Cheforganisator der Fussball-WM 2018 in Russland sowie Präsident des russischen Fussballverbandes.

Mann mit vielen Ämtern: Witali Mutko war russischer Sportminister, Mitglied des Exekutivkomitees der Fifa, Cheforganisator der Fussball-WM 2018 in Russland sowie Präsident des russischen Fussballverbandes. Bild: Sergei Karpukhin/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der kanadische Rechtsanwalt und Dopingexperte Richard McLaren plante Ende August 2017 eine Reise nach Zürich. Dort wollte er unter anderem María Claudia Rojas treffen, die Leiterin der Untersuchungskammer der Fifa-Ethikkommission. McLaren wollte mit ihr über ­Witali Mutko sprechen, lange ein Schwergewicht der internationalen Sportpolitik. Mutko war russischer Sportminister und Mitglied des Exekutivkomitees der Fifa gewesen – und Cheforganisator der Fussball-WM 2018 in Russland sowie Präsident des russischen Fussballverbandes.

Im Gepäck hatte McLaren happige Vorwürfe gegen Mutko. Er wollte der Fifa-Ermittlerin ­Rojas Unterlagen zeigen, die Mutko als einen der Drahtzieher eines staatlich verordneten Dopingsystems belasteten. In zwei viel beachteten Untersuchungsberichten hatte McLaren 2016 russisches Staatsdoping nach­gezeichnet.

Darin hielt McLaren fest, dass Mutko die Manipulation von positiven Dopingproben in Russland «gelenkt, koordiniert und überwacht» habe. Auch die von Profifussballern. Doch zwei Tage vor dem Treffen in Zürich liess die Fifa-­Ermittlerin sich entschuldigen. «Frau María Claudia Rojas kann in dieser Woche nicht nach Zürich reisen», richtete ihr Sekretariat McLaren per E-Mail aus. Stattdessen schickte sie drei untergeordnete Mitarbeiter.

Das war der Anfang einer langen Intrige gegen den renommierten Dopingjäger McLaren. Dokumente zeigen, wie Rojas ihn während Monaten ausbremste, sodass er den Dopingvorwürfen im russischen Fussball nicht nachgehen konnte. Die Dokumente stammen aus dem Datenleck Football Leaks, das das deutsche Magazin «Der Spiegel» mit dem Journalistenkollektiv European Investigative Collaboration (EIC) geteilt hat. Schweizer Partner im Projekt ist Tamedia.

Hin und her und her und hin

Für die Fifa war die Personalie Mutko im Jahr vor der Fussball-WM in Russland höchst brisant. Wer will es sich schon mit der Gastgebernation verscherzen? Gegenüber McLaren erweckte Rojas zunächst aber den Eindruck, als wollte sie ihn tatsächlich als Sonderermittler gewinnen, trotz ihrer Terminabsage. Mitte September 2017 bat sie ihn um konkrete Vorschläge für die Zusammenarbeit. McLaren versprach, bis Ende des Monats ein Exposé auszuarbeiten. Er schloss mit den Worten: «Danke für Ihr Interesse, uns zu beauftragen.»

McLarens Konzept ging am 29. September an die Ethikkommission. Als bis am 10. Oktober keine Rückmeldung kam, hakte der Kanadier nach, ob er weitere Informationen einreichen solle oder anderweitige Unterstützung liefern könne. Keine Antwort. Wochen verstrichen.

Am 23. November legte McLaren auf Bitte von Rojas ein überarbeitetes Ermittlungskonzept vor. Er bestand auf Grundsätzen, die für ihn nicht verhandelbar waren. Darunter Interviews mit Whistleblowern und Zeugen sowie die erneute Analyse verdächtiger Dopingproben aus russischen Labors. Rojas lehnte den Vorschlag nur wenige Tage später ab. Der Ermittlungsansatz ging ihr zu weit. Da reagierte McLaren harsch. Er verbat sich die Einflussnahme: «Ich bin bereit, mit Ihnen über ein angemessenes Mandat zu diskutieren, und ich kann Ihnen mitteilen, dass mein überarbeitetes Konzept das ist, was ich mir unter einer unabhängigen Unter­suchung vorstelle», schrieb er.

Nun ruderte Rojas zurück. Am 12. Dezember gab sie McLaren grünes Licht. Ihr Büro verfasste einen Brief. «Nach sorgfältiger Prüfung stimmt Frau Rojas Ihrem überarbeiteten Konzept zu», heisst es darin. Es müsse nur noch ein Vertrag aufgesetzt ­werden: «Wir werden Ihnen in Kürze einen Entwurf zukommen lassen.» Dann geschah wieder: nichts. Als er am 20. Dezember noch ­immer keine rechtliche Arbeitsgrundlage hatte, schrieb McLaren an Rojas’ Sekretariat: «Die Zeit drängt. Diese Aufgabe wird zunehmend schwierig, wenn wir nicht sehr bald damit beginnen.» Es werde Januar 2018 mit dem Vertragsentwurf, beschied man ihm in einem Fünfzeiler. «Danke für Ihr Verständnis.»

Im neuen Jahr folgten weitere Kontakte. Dann änderte Fifa-Frau Rojas plötzlich die Strategie. Ende Januar liess sie einen Brief an die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada verfassen. Die Wada habe ja viel Erfahrung im Kampf gegen Doping, heisst es darin. Ob es möglich sei, drei ­unabhängige Unternehmen oder Personen zu empfehlen, die auf Dopingermittlungen spezialisiert seien.

Das war ein Affront. McLaren gilt weltweit als Doping-Sonderermittler schlechthin. Danach war Rojas für McLaren nicht mehr zu erreichen. «Können Sie mir bitte mitteilen, was hier los ist?», schrieb der Kanadier Ende Februar. Nun ordnete Rojas ihre Mitarbeiter an, McLaren zu erwidern, sie sei die falsche Ansprechpartnerin: Die Ethikkommission sei gar nicht zuständig für Doping-Ermittlungen, sondern die Anti-Doping-Abteilung. Damit war die Sache endgültig beerdigt.

Ein «Spiegel»-Journalist traf McLaren und zeigte ihm die Unterlagen aus Football Leaks. Sein Fazit: «Wenn ich jetzt zurückschaue, denke ich, sie wollten niemals wirklich eine Untersuchung bei der Fifa – und am Ende ist es genau das, was sie hinbekommen haben.»

Die Fifa kannte die Namen

Rojas beantwortete eine Anfrage nicht im Detail. Sie liess die Fifa-Pressestelle lediglich ausrichten, dass «aufgrund der Höhe des Investments, das für die Dienste von Herrn McLaren nötig gewesen wäre», auch andere mögliche Dienstleister kontaktiert worden seien. Am Ende sei man zum Schluss gekommen, «dass keine zusätzliche Hilfe von aussen nötig war».

Es gibt ein internes Fifa-Dokument, das am 13. Februar 2018 auf den neuesten Stand gebracht wurde. Es enthält vorgefertigte Antworten auf unbequeme Fragen zu Doping und Russland. Die Botschaft lautete: Die Fifa hat alles im Griff. Ja, der Weltverband habe «weitgehende Untersuchungen» angestellt. Und nein, «es gab keine Verzögerungen bei unseren Ermittlungen. Vom ersten Moment an hat die Fifa umfassende Massnahmen ergriffen, um herauszufinden, welche Spieler involviert waren.»

Tatsächlich hatte der russische Fussballverband der Fifa eine Liste mit den Namen von elf Profis geschickt, die unter Dopingverdacht standen, darunter zwei Stammspieler der Nationalmannschaft. Allerdings fehlten die Protokolle der jeweiligen Dopingtests. Diese habe die Anti-Doping-Agentur in Moskau «aus Gründen der Vertraulichkeit» leider nicht herausgegeben, so die Begründung der Russen.

Am 22. Mai 2018, gut drei ­Wochen vor WM-Beginn, veröffentlichte die Fifa eine Pressemitteilung. Der Verband gab darin bekannt, dass er alle Untersuchungen gegen Spieler der russischen Nationalmannschaft wegen des Verdachts auf Dopingmissbrauch «aus Mangel an Beweisen» eingestellt habe. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.11.2018, 18:03 Uhr

Artikel zum Thema

Bundesanwalt Lauber hält an umstrittenen Treffen fest

Nach der Kritik an zwei informellen Treffen mit Fifa-Präsident Gianni Infantino äusserte sich Michael Lauber erstmals öffentlich. Mehr...

Nähe zu Fifa-Mitarbeiter wurde Chefermittler zum Verhängnis

Die Vorwürfe gegen den freigestellten Oliver Thormann waren von Anfang an dünn. Hat Bundesanwalt Michael Lauber überreagiert? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Umstrittene Staatsoberhäupter: Bewohner von Pyongyang verneigen sich zu Ehren des siebten Todestags des nordkoreanischen Dikdators Kim Il Sung vor seiner Statue und deren seines Nachfolgers Kim Jong Il. (17. Dezember 2018)
(Bild: KIM Won Jin) Mehr...