«Ich erhalte Todesdrohungen»

In seinem ersten Interview erzählt Whistleblower Rui Pinto, warum er die Football Leaks publizierte – und wie er mit Fussfesseln lebt.

Angewidert vom «schmutzigen Fussballgeschäft»: Rui Pinto in seiner Wohnung in Budapest. Video: Tamedia mit Material des NDR

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Budapest, VII. Bezirk. Das Portal, das in den Hinterhof eines Altbaus führt, lässt sich nur mit einem Zugangscode öffnen. Das Treppenhaus ist zugig und dunkel, im zweiten Stock versperrt ein Gittertor den Weg zur Wohnungstür.

Hier wohnt er, der Whistleblower der Football Leaks, der seit zwei Wochen unter Hausarrest steht. Der Mann, der drei Jahre lang als Phantom unter dem Decknamen «John» das Fussballbusiness erschütterte. Sein bürgerlicher Name: Rui Pinto. Der 30-jährige Portugiese wartet auf die Entscheidung eines ungarischen Gerichts, ihm droht die Abschiebung nach Portugal.

Pinto öffnet das Gittertor. Er lächelt verlegen. An den Füssen trägt er Pantoffeln, sein Hosenbein wölbt sich am linken Knöchel. «Das ist mein neuer Freund», sagt er, auf seine Fussfessel zeigend. Dort ist ein GPS-Empfänger eingebaut, der Whistleblower darf seine Wohnung nur bis zum Gittertor verlassen. Die Wohnung ist winzig, eineinhalb Zimmer, schmale Küche, enges Bad.

Rui Pinto, sind Sie ein Hacker?
Ich betrachte mich nicht als Hacker, sondern als Bürger, der im öffentlichen Interesse gehandelt hat. Meine einzige Absicht war es, verbotene Praktiken auf­zudecken, die die Welt des Fussballs betreffen.

Können Sie uns sagen, wie Sie an über 70 Millionen Dokumente aus der Fussballbranche gelangt sind?
Ich habe eine spontane Bewegung für Enthüllungen über die Fussballindustrie gegründet. Ich bin also nicht der Einzige, der daran beteiligt ist. Im Laufe der Zeit sind immer mehr neue Quellen dazugekommen, die ihr Material mit mir geteilt haben. So ist die Datensammlung gewachsen.

Die Staatsanwaltschaft Lissabon hat einen Haftbefehl gegen Sie ausgestellt. Sie sind der Cyberkriminalitätbeschuldigt. Es geht um den Verein Sporting Lissabon und die Veröffentlichung vertraulicher Mails im Jahr 2015. Was sagen Sie dazu?
Diese Darstellung weise ich zurück. Ich bin allerdings gern bereit, alles zur rechten Zeit und vor Gericht zu erklären.

Ihnen wird auch vorgeworfen, Sie hätten versucht, die Agentur Doyen im Herbst 2015 mit Ihrem Insiderwissen zu erpressen.
Ich habe nur mit Doyen Kontakt aufgenommen, um die Unrechtmässigkeit ihrer Handlungen bestätigt zu bekommen. Diese wurde deutlich angesichts des Geldbetrags, den sie zu zahlen bereit waren, um die Veröffentlichung zu verhindern.

Das klingt wie Erpressung.
Nein, ich wollte nur sehen, wie hoch der Wert, wie gross die Bedeutung der Dokumente und Informationen für Doyen war. Ich dachte, ich könnte das herausfinden, indem ich erfahre, wie viel es Doyen sich kosten liesse, mich zum Schweigen zu bringen. Ich hatte nie die Absicht, das Geld anzunehmen. Ich wollte Doyen nur vorführen.

Haben Sie mit Ihrem Wissen über kriminelle Geschäfte im Fussball jemals Geld gemacht?
Eine klare Antwort: nein, niemals.

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Gegner werfen Ihnen vor, Ihre Dokumente seien nicht verwertbar, weil sie illegal beschafft worden seien.
Andere behaupten, die Daten seien manipuliert, gefälscht oder aus dem Kontext gerissen. Sie seien deshalb vor Gericht auch nicht als Beweise zulässig. Ich halte das alles für Unsinn. Die Dokumente sind authentisch. Darauf kommt es an – und auf die Inhalte.

Haben Sie bei der Beschaffung Ihrer Daten eine Agenda verfolgt?
Ich habe recherchiert, wer die Hauptakteure im schmutzigen Fussball­geschäft sind, welche Agenten und Berater am häufigsten in schmutzige Deals ver­wickelt sind. Diese Vorgänge wollte ich ­offenlegen.

Hatten Sie irgendwann das Gefühl, dass Sie etwas Illegales tun?
Nein, bis heute nicht. In den vergangenen Jahren haben sich das EU-Parlament, Medien in ganz Europa sowie viele Ermittlungsbehörden mit meinen Daten beschäftigt. Ich bin überzeugt davon, dass ich das Richtige getan habe.

Über Sie ist bislang nur wenig bekannt. Wo sind Sie aufgewachsen?
Ich komme aus Vila Nova de Gaia, einer Stadt am Atlantik, nahe bei Porto.

Was sind Ihre Eltern von Beruf?
Mein Vater ist Rentner, er war über 30 Jahre lang Schuhdesigner und ist sehr viel durch Europa gereist. Meine Mutter blieb zu Hause. Als ich elf Jahre alt war, starb sie an Krebs.

«Fussball wird eines Tages dein Leben ruinieren»: Rui Pinto erzählt eine Geschichte aus seiner Kindheit. Video: Tamedia mit Material des NDR

Sie haben Ihr Geschichtsstudium nie abgeschlossen. Warum?
Im Studium änderte sich mein Verhältnis zu Portugal. Viele meiner Freunde verliessen das Land, weil sie im Zuge der Wirtschaftskrise keine Perspektive mehr sahen. Politiker und gierige Unternehmer hatten ein einst erfolgreiches Land ruiniert.

Wie gingen Sie mit der Situation um?
Ich wählte zunächst ein Erasmus-Semester in Budapest. Ich liebe diese Stadt. Das Licht, die Donau, die Schlösser und Brücken. Ich würde gern für immer hierbleiben.

Wie kamen Sie im Herbst 2015 darauf, Ihre Webseite Football Leaks zu starten?
Ich bin seit Kindesbeinen Fussballfan, habe aber früh kapiert, dass sich der Fussball in eine völlig falsche Richtung entwickelt. Die besten jungen Spieler wanderten nur noch zu Spitzenteams ab, der gesamte Wettbewerb verschob sich zugunsten der Topvereine. Der Hauptaus­löser war dann 2015 der Fifa-Skandal. ­Parallel zu den Verhaftungen beim Weltverband sah ich, dass es bei zahlreichen Transfers in Portugal zu Unstimmigkeiten gekommen war. Dass immer mehr Investoren in den Markt drängten. Ich fing an, Daten zu sammeln.

Wie und wo nahm man Sie fest?
Es war am frühen Abend des 16. Januar. Mein Vater, der mit meiner Stiefmutter zu Besuch bei mir war, und ich kamen vom Einkauf in einem Supermarkt zurück. Als wir in die Strasse einbogen, in der meine Wohnung liegt, steuerten zwei Beamte in Zivil auf mich zu. Sie kontrollierten meinen Ausweis, ich musste meine Taschen und den Rucksack leeren. Dann zeigten sie mir den europäischen Haftbefehl, alles auf Ungarisch, und legten mir Handschellen an.

Hat die Polizei in Ihrer Wohnung Gegenstände beschlagnahmt?
Meinen Computer, etwa zehn Festplatten, drei Mobiltelefone und noch ein paar andere elektronische Geräte.

Um welche Datenmenge handelt es sich?
Um zehn Terabyte, etwa sechs davon habe ich noch nicht weitergereicht.

Worauf hoffen Sie nun?
Ich erwarte, dass sich Staatsanwaltschaften in ganz Europa zusammentun werden und den ungarischen und portugiesischen Behörden aufzeigen, dass meine Informationen von hohem öffentlichen Interesse sind. Dass sie diese Dokumente für ihre Ermittlungen brauchen, um Verbrechen zu ahnden – Verbrechen, die wesentlich schwerer wiegen als Whistleblowing.

Mit welchen Ermittlungsbehörden stehen Sie in Kontakt?
Mit mehreren. Ich weiss, dass mein französischer Anwalt, William Bourdon, mit Staatsanwaltschaften in Belgien und der Schweiz in Kontakt steht. Aber getroffen habe ich mich bislang nur mit den französischen Ermittlern.

«Das Einzige, das für mich zählt, sind die wahren Tatsachen»: Rui Pinto über seine Rolle als Whistleblower. Video: Tamedia mit Material des NDR

Fürchten Sie sich vor einer möglichen Gefängnisstrafe in Portugal?
Ich bin nervös, weil ich ein Angriffsziel bin, vor allem für Fans von Benfica ­Lissabon. Seit dem letzten Herbst erhalte ich auf Facebook Todesdrohungen. Als ich mich mit den französischen Ermittlern traf, habe ich sie ihnen gezeigt. Sie sagten, die Drohungen seien sehr ernst zu nehmen. Ich fürchte, dass, wenn ich ein portugie­sisches Gefängnis betrete, vor allem eines in Lissabon, ich dort nicht lebend herauskomme.

Football Leaks: die Recherche

Im Herbst 2015 erschien im Netz eine merkwürdige Webseite, auf der Unbekannte brisante Dokumente aus dem Hinterzimmern von Fussballclubs, Agenturen und Anwaltsbüros zu publizieren begannen. «Football Leaks» nannten die Macher ihr Projekt, dass die Fussballbranche in Aufregung versetzte, weil plötzlich verräterische Steuerkonstrukte und Geheimverträge für jeden Fan einsehbar waren. Und für jede Behörde.

Rafael Buschmann gelang es, Kontakt zu Football Leaks aufzubauen. Ein junger Mann, der sich «John» nannte, übergab dem «Spiegel»-Journalisten bei zahlreichen Treffen über 70 Millionen Dokumente. Das deutsche Nachrichtenmagazin teilte das Material mit dem Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC). Der Recherchedesk von Tamedia war ab 2018 als Schweizer Partner am Projekt beteiligt.

John sprach nie über die Details seiner Arbeit – weder darüber, wie er an die Daten kam, noch wie viele Mitstreiter ihm dabei geholfen haben. Die EIC-Journalisten entschieden sich dennoch, mit den Dokumenten zu arbeiten. Drei Punkte sind entscheidend: Die Daten sind authentisch, sie sind von hohem öffentlichen Interesse, und John mischte sich nie in die Prüfung der Dokumente ein, er liess die Reporter unabhängig recherchieren. Im Umgang zwischen dem «Spiegel« und dem Whistleblower gibt es eine rote Linie, die nicht überschritten wurde: Das Magazin hat Pinto nie darum gebeten, irgendwelche Dokumente zu beschaffen, weder auf legalem noch auf illegalem Weg.

Am 16. Januar verhaftete die ungarische Polizei John in Budapest. Seine Anwälte legten danach seine wahre Identität offen.

Erstellt: 01.02.2019, 14:06 Uhr

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