Organspende ohne ausdrückliches Ja? – diskutieren Sie mit!

Die Forderung nach einer Widerspruchslösung wirft viele Fragen auf – die sich nicht alle eindeutig beantworten lassen.

Rund 1500 Patienten warten derzeit auf ein Spenderorgan: Ärzte bei der Entnahme eine Niere.

Rund 1500 Patienten warten derzeit auf ein Spenderorgan: Ärzte bei der Entnahme eine Niere. Bild: Manuel Balce Ceneta/AP Photo//Keystone

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Hat sich ein möglicher Organspender zu Lebzeiten nicht gegen eine Entnahme von Organen im Fall seines Todes ausgesprochen, soll dies als stillschweigende Zustimmung gewertet werden. Die Einführung einer solchen Widerspruchslösung verlangt die am Dienstag lancierte Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten». Wie die Debatte unter TA-Lesern in den Kommentarspalten und den sozialen Medien zeigt, wirft der Vorschlag viele Fragen auf. Manche davon lassen sich nach dem Stand der Wissenschaft recht präzise beantworten, andere wiederum sind stark von Wertvorstellungen abhängig.

Kann Schweigen ein Ja sein?

Die grundlegende Frage, die sich hinter dem Initiativbegehren versteckt, wird auch in Fachkreisen unterschiedlich beantwortet. Ist es zulässig, das Schweigen möglicher Spender als Zustimmung zu werten? Eine Leserin hat genau diese Frage aufgeworfen:

«Wenn es Menschen nicht interessiert, ist das vielleicht auch ein Entscheid – einer, den es zu achten gilt – genauso, wie jene, die auf die Patientenverfügung verzichten – vielleicht, weil sie einfach überfordert sind. Aus dieser Überforderung ein Ja für die Organspende abzuleiten, finde ich nicht korrekt.»

Genau hier haben auch manche Ethiker und Rechtswissenschaftler bedenken. Sie gehen davon aus, dass die Wertung eines Schweigens als Nein voraussetzt, dass der Betroffene sich bewusst ist, welche Konsequenzen sein Schweigen hat. Nun wird man einräumen müssen, dass dies nicht bei jedem einzelnen Menschen in der Schweiz der Fall sein wird. Allerdings wird auch in vielen anderen Bereichen des Rechts davon ausgegangen, dass der Bürger die Gesetze kennt und versteht.

Stehen finanzielle Interessen hinter den Transplantationen?

Eine Frage, die verschiedene TA-Leser aufgeworfen haben, ist jene nach den Profiteuren von Transplantationen. So schreibt eine Leserin:

«Was für eine abstruse Idee. Es wird noch nach dem Ableben mit dem toten Körper Geld gemacht. Freie Organspende ja, aber bitte mit etwas Respekt.»

Wird mit Toten Geld gemacht? In Bezug auf den Verkauf von Organen hat die Bundesverfassung hierzu eine klare Antwort: «Der Handel mit menschlichen Organen ist verboten», besagt Artikel 119a. Bei den Transplantationen lässt sich hingegen nicht sagen, dass niemand Geld daran verdient: Ärzte und Spitäler müssen entschädigt werden, hinzu kommen die Kosten für nötige Behandlungen der Empfänger mit Immunsuppressiva, um die Abstossung des Organs zu verhindern.

Den Spenderausweis gibt es inzwischen auch in elektronischer Form: Ein Arzt zeigt den elektronischen Ausweis vor. (Bild: Laurent Gilliéron/Keystone)

Sind die Spender bei der Entnahme wirklich tot?

In der Debatte über die Widerspruchslösung werden auch grundsätzliche Bedenken gegen die Organspende laut. So fürchten manche Leser, Spender könnten zum Zeitpunkt der Entnahme noch nicht wirklich tot sein. So hat eine Leserin geschrieben:

«Ableben ist ein schöner Begriff. Ich denke, dass das Ableben nicht gleich Hirntod ist, deshalb heisst es ja Ableben. Das ist ein Prozess. Wer hirntot ist, hat noch nicht abgelebt. Er ist dabei abzuleben.»

Die Medizin stellt heute auf den Ausfall der Gehirnfunktionen ab, um den Tod eines Patienten zu bestimmen. Auch danach kann der Körper zwar noch auf gewisse Reize reagieren – doch nach Ansicht der Medizin ist ausgeschlossen, dass der Betroffene noch etwas empfinden oder dass sich sein Gehirn noch erholen könnte. Der Tod kann nur durch zwei Ärzte mit entsprechender Weiterbildung festgestellt werden, wobei Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften zu beachten sind.

Was halten Sie von der Initiative zur Einführung einer Widerspruchslösung bei Organspenden? Welche Bedenken haben Sie, welche Chancen sehen Sie? Diskutieren Sie unten in der Kommentarspalte mit! (mw)

Erstellt: 19.10.2017, 18:25 Uhr

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