Wie krank ist unser Körper wirklich?

Schöne Körper, schöne Gedanken: Täglich beantworten Philosophen in unserer Sommerserie Fragen.

Krankheitsphänomen: Heute soll jeder «trotz Erkältung mitten im Leben stehen».

Krankheitsphänomen: Heute soll jeder «trotz Erkältung mitten im Leben stehen». Bild: Karl-Josef Hildebrand/Keystone

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Bereits vor dem morgendlichen Blick in den Spiegel ist alles klar: Die Nase ist dicht, die Glieder schmerzen, und der Kopf brummt. Letzte Woche noch prahlte man mit seinem mühevoll auf Hochglanz polierten Immunsystem vor seinen hustenden und schnäuzenden Kolleginnen und Kollegen im Büro. Schliesslich hat man viel Zeit und Geld in ausgefallene Sportarten, Sportkleidung und gesunde Ernährung investiert. Das müsste sich eigentlich auszahlen. Doch Viren sind nur sehr bedingt mit grünen Smoothies und teuren Laufleggings zu bestechen. Und so hat es einen nun doch selbst erwischt.

Die Kapselmaschine lässt man daher lieber einmal ausgeschaltet, und statt Coffee- to-go wird es heute ein Paracetamol-to-go zum Frühstück tun müssen. Denn, so wirbt schliesslich ein bekannter Hersteller symptomatischer Grippemittel in seinem Fernsehspot, man könne ja auch «trotz Erkältung, mitten im Leben stehen».

Angemessen und vernünftig dosiert, sind Grippemittel eine gute Sache. Sie nehmen den Schmerz, lindern die Symptome und lassen uns durchschlafen, sodass wir einen grippalen Infekt vielleicht nicht gerade angenehm, aber doch sicher angenehmer überstehen können als ohne sie. Grippemittel sind daher nichts anderes als biochemisch nützliche Wirkstoffe. Doch Werbung für Grippemittel kommuniziert weitaus mehr als nur diese biochemische Funktionsweise. Sie erzählt kleine und unscheinbare, aus dem Alltag gegriffene Geschichten, die jeder von uns kennt. Diese Geschichten sind dabei viel mehr als die vernachlässigbare Rahmung der Werbekommunikation, da man ja irgendetwas erzählen muss, um den Laien nicht unnötig mit komplizierten chemischen Strukturformeln zu belasten. Diese Geschichten enthalten spezifische Vorstellungen darüber, was es genau heisst, krank zu sein.

Medikamente, wohin das Auge sieht: Die Werbung zeigt uns, was wir alles einnehmen sollten . (Bild: Keystone / Zacharie Scheuer)

Werbung greift dazu, um überhaupt funktionieren zu können, bereits bestehende Vorstellungen und Erzählungen von Krankheit und Gesundheit auf, was Louis Althusser Interpellation nennen würde. Die Werbung «ruft» förmlich nach uns, und wir sind reflexähnlich darauf trainiert, darauf zu reagieren.

Werbung lässt dazu in ihren kurzen und oft schmucklosen Geschichten Krankheit und Gesundheit als zwei scharf voneinander getrennte Sphären erscheinen, die nichts miteinander zu tun haben und in denen Krankheit die unangenehme, zu vermeidende und bestenfalls kurz andauernde Ausnahme darstellt und Gesundheit der um jeden Preis erwünschte und dauerhafte Normalfall ist. Wirft man jedoch einen Blick auf die Statistik des Nationalen Gesundheitsberichtes 2015 der Schweiz, so liest man, dass bereits in der Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren knapp jeder Fünfte an einer chronischen Krankheit leidet. Ab 75 Jahren ist es bereits jeder Zweite. Ab einem bestimmten Alter ist es daher für uns alle mehr als unwahrscheinlich, einen vollständig gesunden, makellosen und immer perfekt funktionsfähigen und selbstgenügsamen Körper zu haben, sodass die scharfe Trennung von gesunden und kranken Körpern höchst kritisch zu hinterfragen ist.

Wenn also die Mehrheit der Menschen den Grossteil ihres Lebens nicht ganz gesund verbringen wird und überhaupt immer mehr Menschen irgendwie mehr krank als gesund sind, wie lässt sich dann die von der Werbung suggerierte scharfe Trennung vom gesunden und kranken Körper überhaupt aufrechterhalten?

Nun liesse sich einwenden, dass eben genau aus diesem Grund – zumindest in der Schweiz, in den USA sieht es da anders aus – Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente verboten ist und es eben «nur» Grippemittel sind, für die in öffentlichen Medien geworben werden darf. Das mag sein. Doch in welch anderen Medien ausser den öffentlichen Werbeblöcken werden uns Geschichten von Krankheit und Gesundheit überhaupt erzählt?

Arztserien und -filme, die das Fernsehprogramm nahezu überspülen, konzentrieren sich ähnlich wie Arzneimittelwerbungen ebenfalls vorrangig auf die Erzählung der Krankheit als dramatische Ausnahme, der dann mit ebenso dramatischen Mitteln durch einen genialen chirurgischen Eingriff begegnet werden muss. Es ist schlichtweg spannender, Krankheit so zu erzählen, als den 40 Jahre andauernden Krankheitsverlauf eines moderaten Diabetikers darzustellen, der am Ende seines Lebens den Folgen einer multiplen, nicht mehr eindeutig zu diagnostizierenden Komorbidität erliegt. Die Ökonomie des Erzählens verläuft hier ganz ähnlich wie in der Werbung.

Zeigen Krankheiten als dramatische Ausnahme: Arztserien wie «Dr. Sommerfeld». (Bild: Keystone / Michael Probst)

Krankheitstagebücher über und von echten Patienten und Patientinnen, wie beispielsweise Audre Lordes Krebstagebuch «Auf Leben und Tod» (im Englischen «The Cancer Journals»), die mittlerweile nicht nur als Buch, sondern auch online in unzähligen Blogs zu finden sind, zeigen da einen realistischeren, ungeschönten und vor allem auch differenzierteren Zugang. Doch anders als bei Werbungen für Grippemittel, kommen sie im öffentlichen Raum schlichtweg weniger häufig vor. Darüber hinaus zeigen diese Krankheitstagebücher eindrücklich, wie sehr Patienten an den Folgen der scharfen Trennung von Gesundheit und Krankheit zu leiden haben.

Denn diese Trennung führt vor allem zu, dass der kranke Körper in seinem Leiden im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbar gemacht wird. Nicht nur, weil der chronische oder schwer kranke Körper viel zu selten in den Medien repräsentiert wird und es auch kein Produkt gibt, das als magische Lösung für solche Happy-End-befreiten Körper verkauft werden kann, sondern vor allem auch, weil die öffentlichen Zugänglichkeiten nach wie vor mehr als bescheiden organisiert sind. Jeder, der schon mal auf Krücken gehen musste, weiss, wie wichtig Aufzüge und Niederflurtrams sein können, und es ist kein Zufall, dass in manchen Stadtteilen und Gebäuden eben nicht alle trotz Krankheit im wahrsten Sinne des Wortes «mitten im Leben stehen» können.

Nicht alle können stehen, nicht alle können gehen. Krankheit, das bedeutet aber oftmals den nicht nur partiellen und vorübergehenden, sondern den ultimativen und dauerhaften Autonomie- und Machtverlust. Krank zu sein, erinnert uns in letzter Instanz daran, dass wir als Menschen immer Gefahr laufen, verletzlich zu sein, und dadurch auf die Gemeinschaft und Hilfe von anderen angewiesen sind. Genau deshalb ist der kranke Körper eine permanente Herausforderung des modernen Individualismus und setzt ihm eine als bedrohlich wahrgenommene Grenze entgegen, sodass man nicht gerne an seine eigene Bedürftigkeit und Verletzlichkeit erinnert wird.

Dabei ist es gar nicht immer der eigene verletzliche Körper, der uns krank macht, sondern es sind vor allem die von Menschen gemachten Umgebungen, Infrastrukturen, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die uns erst so richtig krank fühlen lassen. Trotz Krankheit «mitten im Leben stehen» kann man eben nicht nur dann, wenn man sich die entsprechende Pille kaufen kann und überhaupt die Beine dazu hat, sondern vor allem dann, wenn eine Gemeinschaft es all ihren Mitgliedern jederzeit und überall ermöglicht.

Erstellt: 20.07.2016, 14:13 Uhr

Die Sommerserie

Wie beeinflussen ästhetische Fragen das Leben? Wann gefällt uns etwas? Werden wir unvernünftig, wenn es um schöne Dinge geht?

In unserer Sommerserie beschäftigen sich Philosophen mit dem Thema Schönheit. Zwischen dem 18. und dem 27. Juli lesen Sie auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet werktäglich einen Text hiesiger Philosophen dazu. Die Fragen stammen teils von Lesern, teils von der Kulturredaktion, teils von den Autoren selber.

Die Serie ist in einer Kooperation mit dem Schweizer Onlineportal für Philosophie, Philosophie.ch, entstanden. Das Portal hat kostenlose Dossiers zu grossen, aber auch alltäglichen Themen erstellt – so etwa zu Mensch, Gesundheit oder Zukunft. (lsch)

Sabine Baier ist seit August 2014 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Collegium Helveticum tätig. Darüber hinaus ist sie im Rahmen eines Lehrauftrags der Professur für Philosophie an der ETH in der Lehre aktiv. (Bild: zvg)

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