Ist diese Art von Entwicklungshilfe sinnvoll?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Nächstenliebe.

Ist es sinnvoll, jemanden mit einer Geldspende persönlich in Kenia zu unterstützen? Foto: Keystone

Ist es sinnvoll, jemanden mit einer Geldspende persönlich in Kenia zu unterstützen? Foto: Keystone Bild: AFP

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Vor etlichen Jahren habe ich über einen Zeitungsartikel einen jungen Mann im Südsudan (von ferne) kennen gelernt und unterstützte ihn einige Male mit 100 Franken. Er machte eine Ausbildung als Elektriker. Dann hörte ich nichts mehr von ihm. Vor einigen Wochen kontaktierte er mich über Facebook und erzählte von der Not in seinem Lager in Kenia (Kakuma). Ich sandte ihm 100 Franken, und er bedankte sich - das wars eigentlich. Nun erzählte ich davon mir ganz nahestehenden Menschen. Deren Reaktion war überraschend: Das machst du ganz falsch, denn der Mann wird aus der Masse herausgehoben, es gibt Neid, besser wäre es, eine NGO zu unterstützen. Meine Meinung: Ich helfe einer Familie konkret und lindere deren Not, statt über die «ganze Wiese» zu mähen.
A.B.

Lieber Herr B.

Ich habe an dieser Stelle schon einmal darüber geschrieben, was ich davon halte, die Aufrechterhaltung gesellschaftlich notwendiger Infrastruktur (wie z.B. Kinderspitäler, Krebsforschung) von privater Charity abhängig zu machen. Nämlich nichts. Solche Aufgaben sind durch Steuern zu finanzieren.

Aber der von mir kritisierten Brustkrebsschleifchen-Fraktion, die sich gerne fotografieren lässt, wenn sie nach durchtanzter Ballnacht übergrosse Checks für einen guten Zweck überreicht, steht offensichtlich eine andere Gruppe gegenüber, die mir bisher noch nicht besonders aufgefallen ist und zu denen Ihre Freunde gehören: die schmallippigen Verteilungsgerechten, die keinen Rappen lockermachen würden, wenn dieser auf dem Weg zu den Bedürftigen nicht den korrekten «sozialistischen Gang» (Wolf Biermann) durch die Institutionen geht.

Selbstverständlich gibt es nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie diesen jungen Mann unterstützen. Man nennt das ein Geschenk, und Sie sind frei, jedem so viel zu schenken, wie Sie wollen. Sie behaupten ja nicht, einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung des Welthungers geleistet zu haben. Es wäre natürlich auch nicht schlimm, wenn Sie das Geld einer kenianischen NGO gegeben hätten. Aber die Behauptung, dass es falsch ist, jemand Einzelnem mit einer einzelnen Gabe etwas unter die Arme zu greifen, ist schlicht Bullshit.

Wenn Sie darauf bestanden hätten, Sprüngli-Pralinés nach Afrika zu verschiffen, um den Leuten im Lager eine Freude zu machen, hätte man Ihnen sagen können, das sei eine nette Geste, aber aus klimatischen und lebensmitteltechnischen Gründen nicht sehr hilfreich; aber das haben Sie nicht. Sie haben mit Ihren 100 Stutz wohl auch kaum die dörfliche Infrastruktur so nachhaltig zerstört, dass Sie das Elend mittelfristig nur vergrössert haben. Sie waren einfach freundlich.

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Erstellt: 24.07.2019, 12:08 Uhr

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