Warum bin ich mit den Frommen strenger?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Doppelmoral.

Kein Mensch kann seine moralischen Ansprüche immer einhalten: Betender in einer Kirche. Foto: Alesandro Della Bella (Keystone)

Kein Mensch kann seine moralischen Ansprüche immer einhalten: Betender in einer Kirche. Foto: Alesandro Della Bella (Keystone)

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Mir fällt auf, dass ich bei frommen, oder sagen wir religiösen Menschen viel härter reagiere, wenn diese ihren Glauben in der Praxis nicht leben, als wenn Sozialisten ihren Maximen untreu werden. Gibt es da eine rationale Erklärung dafür? Natürlich weiss ich, dass es mir in keinem Fall zusteht, hier den Richter zu spielen, aber es geschieht halt trotzdem. Vielleicht muss ich noch hinzufügen, dass ich mich selber eher zu den Linken zähle, bilde mir aber ein, das genügend abstrahieren zu können.
H. S.

Lieber Herr S.

Ich will Ihnen gerne zugestehen, dass Ihre grössere Milde mit den Sozis nicht daraus resultiert, dass Sie selber einer sind. Zumal das ja auch zu einer grösseren Abscheu vor den schwarzen Schafen in den eigenen Reihen führen könnte. Dann wäre die Frage, was sind eigentlich die Maximen der Linken im Unterschied zum Glauben der Frommen und auf welche Art können die einen und die anderen ihren Grundsätzen untreu werden. Weder religiöse Menschen noch Linke gehen davon aus, dass der Mensch und damit auch jeweils sie rundum gut sind. (Sofern sie das tun, haben beide gleichermassen denselben Hau weg. Das gilt allerdings ganz unspezifisch auch für Rechte und für Atheisten.)

Ein gewisses Mass an Toleranz für ein gewisses Mass an Diskrepanz zwischen Sein und Schein müsste eigentlich für jeden Anhänger ­jeder Weltanschauung (die unangenehmen Fundis ausgenommen) drinliegen. Jeder, der alle Tassen im Schrank hat, weiss, dass Menschen Fehler haben und machen, aber beides verständlicherweise nicht an die grosse Glocke hängen wollen. Etwas Bigotterie muss für alle möglich sein, um ein gedeihliches Miteinander zu ermöglichen.

Soweit sind wir beide uns wohl einig. Wann aber ist die Grenze zur nicht mehr tolerierbaren Doppelmoral überschritten? Und warum (in Ihrem Fall) bei den Frommen früher und bei den Sozialisten erst später? Vielleicht weil die Linke keinen Katechismus hat? Und aus dem Linkssein keineswegs (obwohl das immer wieder gern behauptet wird) eine bestimmte Form zu leben abgeleitet werden kann? Zum linken Credo gehört (behaupte ich jetzt mal idealisierenderweise), dass Solidarität und der Anspruch auf freie Lebensgestaltung kein Widerspruch sein sollen. Das ist eine Maxime, die man «pragmatisch» begründen kann und die viel Interpretationsspielraum lässt.

Wer hingegen fromm ist, muss sich letztlich – auf welchen Umwegen auch immer – auf Gottes Willen berufen. Dieser muss natürlich auch herbeiinterpretiert werden, aber schliesslich ist es doch eben Gottes Wille und nicht bloss eine ungefähre Richtungsangabe. Möglicherweise also ist Ihre grössere Genervtheit bei den Frommen eine Mischung aus ein wenig Neid und ein wenig überheblicher Erleichterung. Neid auf die Gewissheiten der Religiösen (bzw. das, was Sie so erleben); Erleichterung von oben herab, weil wir Linken auch ohne diese auskommen (können/müssen/sollen/dürfen – Mehrfachnennungen sind möglich).

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2018, 11:16 Uhr

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