Wieso reden Paare so wenig über Sex?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Sexualität.

Jetzt ist es ja vielleicht noch prickelnd, aber später?

Jetzt ist es ja vielleicht noch prickelnd, aber später? Bild: AFP

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Kürzlich sagte der Paartherapeut Holger Kuntze, es sei unglaublich, wie wenig Ehepartner miteinander über Sex sprächen. Mich erstaunt sein Erstaunen – und ich frage mich, ob ein Paar, dem die Erotik wegen zu viel Nähe abhanden gekommen ist, diese wiedergewinnt, wenn es sich vor dem Sex jeweils austauscht, wie man es denn bitteschön gern hätte. Den gegenteiligen Rat erteilt in einem ihrer Therapie-Podcasts Esther Perel: Sie rät einem sexmüden Paar, es solle sich «scheiden lassen» und nochmals eine Affäre beginnen. Das dünkt mich einleuchtender – und völlig unpraktikabel: Wie soll man jemandem, den man (zu) gut kennt, gegenübertreten, als lernte man sich eben erst kennen?
M.H.

Lieber Herr H.

Ich teile Ihr Staunen über das Staunen und ihre Einschätzung der Impraktikabilität der «sex affair reloaded» und füge gerne noch meine Genervtheit über das ganze Sex-Rede-Gedöns (1000-mal gehört, 1000-mal ist nix passiert) hinzu. Manchmal (wie jetzt) möchte ich zu derlei Tipps, Klagen und Analysen am liebsten nur noch sagen: Ach, machts euch doch alle selber oder auch nicht selber, aber bitte kein Gesalbader mehr, wie man die sexuelle Begierde sein Leben lang mit demselben Partner aufrechterhält.

Kaum ein Schwein schafft das, und wenn doch, dann umso besser, und meine herzliche Gratulation dazu. Kein Mensch mit ein bisschen Lebenserfahrung dürfte sich allzu sehr darüber wundern. Genitaler Sex mit jemandem, den man noch nicht so richtig kennt, ist (manchmal) sehr prickelnd; die erste pubertäre Fummelei das Nonplusultra an Erregung, dem man noch lange hinterherhechelt. Aber der Flash lässt nach, die Erregungskurve wird flacher, die Dosis lässt sich nicht wie beim Kokain gegebenenfalls immer noch ein wenig steigern.

Apropos Kokain: Als Freud den «Sex» in den Mittelpunkt seiner Theorie stellte, handelte er von der Tendenz ungerichteter, unzentrierter («polymorph-perverser») Lust, sich in alles Mögliche einzumischen, das eigentlich der Lebenserhaltung dient. Daraus ist eine Sex-ist-ganz-wichtig-Ideologie geworden, in welcher der Sex so aussieht, wie ihn sich die Liebhaber(innen) von sog. Erotikthrillern vorstellen.

Ich aber sage euch: so euch der Schwanz oder die Möse juckt und es euch gelüstet, über die Frau Nachbarin oder den Herrn Nachbar genau so herzufallen, wie ihr es aus dem Fernsehen kennt, dann tuet so; aber denket auch daran, dass das möglicherweise Ärger mit dem Mann vom Herrn Nachbarn oder seiner Frau oder dem Mann von der Frau Nachbarin (vom eigenen Gatten oder der festen Freundin o.Ä. noch abgesehen) geben kann.

Apropos juckende Genitalien: Diese gehören unbedingt in die Hand der Fachperson.

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Erstellt: 16.07.2019, 15:54 Uhr

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