Darf Arbeitgeberin nach Lohnforderung einfach kündigen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Arbeitsrecht.

In der Schweiz herrscht zwar Kündigungsfreiheit, aber sogenannte Rachekündigungen sind missbräuchlich. Foto: Daniel Grill (Getty Images)

In der Schweiz herrscht zwar Kündigungsfreiheit, aber sogenannte Rachekündigungen sind missbräuchlich. Foto: Daniel Grill (Getty Images)

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Im Sommer letzten Jahres hat mir meine Arbeitgeberin ein ausgezeichnetes Zwischenzeugnis ausgestellt. Daraufhin habe ich – erstmals nach neun Jahren Tätigkeit – um eine Lohnerhöhung gebeten. Diese wurde kommentarlos abgelehnt. Vor kurzem fand das alljährliche Mitarbeitergespräch statt – wieder bekam ich gute bis sehr gute Qualifikationen für meine Arbeit. Die gesetzten Ziele hatte ich allesamt erfüllt, das Arbeitsverhältnis wurde als unbefristete Weiteranstellung eingestuft. Als ich zum Abschluss des Gesprächs nochmals um eine Lohnerhöhung nachfragte, wurde mir anschliessend gekündigt mit der Begründung, ich sei unzufrieden und eine Weiter­beschäftigung sei deshalb nicht mehr möglich. Darf eine Arbeitgeberin so vorgehen?

Ihre Frage verlangt nach einer zweigleisigen Antwort. Zum einen ist festzuhalten, dass in der Schweiz grundsätzlich Kündigungsfreiheit herrscht. Das bedeutet, dass eine Arbeitgeberin, abgesehen von wenigen Ausnahmen – etwa während einer Schwangerschaft oder eines Militärdienstes –, jederzeit Mitarbeitende auch ohne Grund entlassen kann.

Zum andern spielen – wie Sie es in Ihrer Frage antönen – sehr wohl auch moralische Aspekte bei einer Kündigung eine Rolle, insofern, als diese missbräuchlich sein kann. Für die Betroffenen ist das indes ein schwacher Trost, zumal auch eine missbräuchliche Kündigung gültig ist. Sie haben in einem solchen Fall nur Anspruch auf eine Entschädigung.

«Rachekündigung»

In Ihrem Fall gibt es klare Hinweise auf eine missbräuchliche Entlassung. Demnach hat die Arbeitgeberin Ihnen gekündigt, unmittelbar nachdem Sie sich nach einem besseren Lohn erkundigt hatten und nachdem Sie kurz davor noch gute bis sehr gute Qualifikationen für Ihre Arbeitsleistung erhalten hatten. Diese Chronologie weist auf eine ­«Rachekündigung» hin. Eine solche liegt vor, wenn ein Mitarbeiter entlassen wird, weil er Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis geltend macht. Nun gehört die Forderung nach einem besseren Lohn streng genommen zwar nicht zu den vertraglichen Ansprüchen, zumal es kein Recht auf Lohnerhöhung gibt. Dennoch hat das Bundesgericht ­anerkannt, dass eine Kündigung nach der Bitte um mehr Lohn auch eine ­«Rachekündigung» sein kann.

Sie sollten deshalb noch während der Kündigungsfrist gegenüber Ihrer Chefin schriftlich Einsprache gegen Ihre Entlassung erheben. Bleibt die Chefin bei ihrem Entscheid, können Sie innerhalb von 180 Tagen nach Ende des Arbeitsverhältnisses vor Gericht eine Entschädigung einklagen. Viel dürfen Sie indes nicht erwarten, in der Praxis fallen die Entschädigungen kaum je höher aus als zwei bis drei Monatslöhne.


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Erstellt: 30.05.2016, 08:15 Uhr

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