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Darf man auf «Wie gehts» lügen?

Nicht immer sagen wir die Wahrheit bei der Frage nach unserem Wohlbefinden. Die Antwort auf eine Stilfrage.

Die beiden sprechen wohl eher selten über ihr persönliches Wohlbefinden: Wladimir Putin und Barack Obama. Bild: Reuters
Die beiden sprechen wohl eher selten über ihr persönliches Wohlbefinden: Wladimir Putin und Barack Obama. Bild: Reuters

Auch wenn man sich nicht so gut kennt, ist die Frage nach dem Wohlbefinden üblich, insbesondere wenn man sich lange nicht gesehen hat. Meistens lautet die Antwort «Gut!». Wir wissen aber, dass das manchmal nicht der Wirklichkeit entspricht. Als mehrheitlich ehrlicher Mensch widerstrebt es mir, unwahre Antworten zu geben, und dennoch will ich, wenn es mir einmal nicht so gut geht, nicht jedem gleich meine Verfassung auf die Nase binden. Zudem kann es sein, dass man bei einer ehrlich negativen Antwort sein Gegenüber in eine missliche Lage bringt: Soll es nach den Gründen fragen, sein Bedauern ausdrücken oder nur etwas betreten zu Boden schauen und das Thema wechseln? Was raten Sie: ehrlich sein oder ausweichen oder gar lügen?

C. C.

Lieber Herr C.,

Lügen! Erst recht, wenn man jemanden nicht gut kennt. Sie müssen jetzt aber nicht befürchten, deswegen in einen Konflikt mit Ihrem aufrichtigen Gemüt zu geraten, sondern das so sehen: Auf Englisch heissen Notlügen wunderbarerweise «white lie». Da schwingt das Unschuldige schon mit, weil sich diese Form des kreativen Umgangs mit der Wahrheit durch Abwesenheit jedwelcher bösen Absicht auszeichnet.

Wenn Sie also auf «Wie gehts?» nicht ehrlich antworten, dann handelt es sich um durch und durch redliches Schwindeln. Sie schaden damit niemandem, Sie handeln vielmehr rücksichtsvoll und höflich, indem Sie das Gegenüber, wie Sie feinsinnig anmerken, emotional nicht derangieren wollen.

Zumal die Frage ja meist nicht wörtlich zu verstehen ist. Das ist nicht schlimm und deutet auch nicht auf eine zunehmende Kälte in der Gesellschaft hin, man macht das halt so. Es ist eine Floskel, weshalb man auch getrost floskelhaft antworten kann. Zudem sind wir hier in dieser unserer kleinen Rubrik im Zweifelsfall immer für Diskretion und dafür, gewisse Dinge für sich zu behalten – wie etwa die Details von Untersuchungen im Darmbereich, die für den Mitmenschen in der Regel nur von mässigem Interesse sind.

«Überall nur ‹Tuble›»

Sollte man einen ganz ungefreuten Tag haben und sich ausserstande sehen, seine schlechte Laune zu verbergen – es also nachgerade kurios wäre, «Danke, gut» zu sagen, da man offensichtlich nervlich am Ende ist –, gibt es noch die Option, sich in Allgemeinplätze zu retten. Wie zum Beispiel «der Chef» oder «viel zu tun» oder «überall nur ‹Tuble›».

Letzteres ist mein Favorit, weil das Gegenüber meist sofort nickt und seinerseits freudig von den «Tuble» in seinem Leben zu berichten beginnt, und da es davon ja eine Menge gibt, ist man fein raus und muss gar nicht weiter auf das eigene Befinden eingehen.

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