Haben Psychoanalytiker eine «psychoanalytische Identität»?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema berufliche Identitäten.

Psychotherapeuten können keine besondere Menschenkenntnis für sich in Anspruch nehmen. Foto: Getty Images

Psychotherapeuten können keine besondere Menschenkenntnis für sich in Anspruch nehmen. Foto: Getty Images

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Nicht nur als Leser, sondern auch als Psychologe (Achtung Identität!) musste ich schon etwas schmunzeln, dass Sie sich – obwohl Sie in Ihren Kolumnen als «Psychoanalytiker» etikettiert werden – von «psychoanalytischer Identität» abgrenzen. Wo würden die Frauen oder auch wir Psychologen stehen, wenn sie/wir uns nicht mit einer eigenen Identität positionieren würden? M.R.

Lieber Herr R.

Was soll so schmunzelerregend widersprüchlich daran sein, wenn man einerseits in einem bestimmten Zusammenhang mit seiner Berufsbezeichnung firmiert, andererseits aber nicht einsieht, weshalb man eine ganz besondere Berufs-Identität haben sollte?

Der Satz «Lassen Sie mich durch, ich bin Psychoanalytiker» gehört zwar zu meinem Repertoire von running gags, aber ich bin mir bewusst, dass es eben nur ein (inzwischen ziemlich abgelutschter) Gag ist. Die Wahrheit allerdings, die in diesem Scherz liegt, ist, dass eine Identität als «Frau» oder «Psychologe» einer der besten Garanten für unfreiwillige Komik und Peinlichkeit ist.

Wenn jemand einen Leserinnenbrief anfängt mit «Gerade ich als Frau und Psychologin weiss ...», dann weiss ich, dass ich gar nicht erst wissen will, was die Frau&Psychologin weiss, denn es wird entweder irgendein Schwurbel oder eine Binsenweisheit sein, die man auch als Transsexueller&Gärtner auf die Reihe gebracht hätte. Insbesondere die «psychoanalytische Identität» ist ein Quell solch peinlicher Wichtigtuerei, die sich selbst für den Ausdruck eines besonders geschulten Erkenntnisvermögens hält, leider aber nur epistemische Selbstüberschätzung ist.

«Als Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker erfahren wir in unserer täglichen Praxis die Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen von kindlichen Entwicklungsbedingungen.» So beginnt das Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung gegen den in Deutschland geplanten Kinderkrippenausbau. Man kann ja von mir aus finden, eine Krippe sei nicht gut fürs eigene Kind, aber diese Begründung ist pure Anmassung.

Man erfährt tatsächlich allerlei in seiner psychoanalytischen Praxis (deshalb mag ich meinen Beruf), und man erfährt auch, wie die Kindheit ins Erwachsenenalter hineinspielt. Aber «Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen» gehören wohl eher in den Bereich der Arbeitsmediziner und der Behandlung von Asbestschäden. Wenn ich meinerseits etwas in der Praxis erfahre, dann von den Problemen von Eltern, ihr Leben mit dem Krippenstundenplan zu synchronisieren. – Ähm ... verstehen sie jetzt besser, warum ich allergisch auf dergleichen Fachpersonen-Identitäten reagiere?


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tamedia.ch

Erstellt: 01.10.2019, 11:32 Uhr

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