Ist die Floskel «Ich persönlich» doof?

Eine Leserfrage zu einem allfälligen Pleonasmus.

«Ich persönlich finde...»: Der frühere australische Innenminister Peter Dutton bei einer Pressekonferenz.

«Ich persönlich finde...»: Der frühere australische Innenminister Peter Dutton bei einer Pressekonferenz. Bild: AFP

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Manche verwenden bei Auftritten im Fernsehen usw., wenn sie ihre Meinung vertreten wollen, aber auch privat, die einleitenden Worte «Ich persönlich». Dies ist für mich eine totale Absurdität und vergleichbar mit einem Pleonasmus. Kann sich jemand von Ihrem Team mit diesem Thema beschäftigen?
R. L.

Lieber Herr L. Da muss ich Ihnen – hier sitze ich und kann nicht anders – leider widersprechen. Ganz so dumm und pleonastisch doppelt gemoppelt, wie Sie meinen, ist diese Floskel nicht. Zum Beispiel dort nicht, wo jemand mit dieser Formel zum Ausdruck bringt, dass er damit nicht die Meinung der Regierung, der Arbeitgeberin oder einer anderen Institution zum Ausdruck bringt, der er angehört.

(Auf Twitter finden Sie zum Beispiel in den Account-Beschreibungen von Journalist*innen oft den Hinweis, dass jemand hier seine «ganz persönliche» Meinung von sich gebe.) Natürlich kann man sagen, dafür reichte auch ein einfaches «ich» aus, aber das «persönlich» wirkt hier als (auch so verstandene) rhetorische Verstärkung.

Bedeutet «nicht schlecht» dasselbe wie «gut»?

Interessanter als diese erste Kategorie finde ich eine zweite Gruppe von Äusserungen, in denen «ich persönlich» eine Funktion hat, die man dieser Wendung auf den ersten Blick gar nicht zutrauen würde. Nämlich die einer Selbstdistanzierung. Wie denn das?, werden Sie fragen: Ist «ich persönlich» nicht schliesslich der Ausdruck eines völligen Ganz-bei-sich-Sein gerade ohne jedwede Distanz zwischen dem Sprecher und dem Ausgesprochenen?

Nö, antworte ich und beeile mich, das auch zu begründen. Item: Es gibt Wörter und Wendungen, die logisch zwar gleichbedeutend sind, rhetorisch jedoch nicht. Nehmen Sie zum Beispiel die beiden Ausdrücke «nicht schlecht» und «gut». Rhetorisch ist «nicht schlecht» etwas besser als «gut», denn es konnotiert (gespielten) Neid auf die Leistung eines anderen, es enthält ein implizites «wow!».

Wenn ich sage: «Ich mag XY nicht», dann ist das ein apodiktisches Urteil, möglicherweise sogar ein krudes, diskriminierendes Vorurteil. Wenn ich aber sage: «Ich persönlich mag die englische Küche nicht», dann steckt darin eben auch: «Aber andere mögen sie, und sie haben dafür möglicherweise gute Gründe. Es ist halt eine ganz persönliche Überempfindlichkeit, die mich zu diesem Urteil kommen lässt, und niemand möge sich davon abschrecken lassen.»

Lesung mit Peter Schneider am Montag, 8. Oktober, um 20 Uhr im Festsaal des Kaufleuten Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2018, 09:25 Uhr

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