Muss ich an Hochzeiten im Ausland?

Die Antwort auf eine Stilfrage zu Ferien und anderen Opfern.

Ein rauschendes, unvergessliches, Instagram- und Facebook-taugliches Fest: Hochzeit am Strand. Foto: Geoff Culp (Flickr)

Ein rauschendes, unvergessliches, Instagram- und Facebook-taugliches Fest: Hochzeit am Strand. Foto: Geoff Culp (Flickr)

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Im letzten Jahr wurde ich zweimal an eine Hochzeit eingeladen. Beide Male musste ich dafür ins Ausland reisen. Das wäre ja noch zu akzeptieren, aber jetzt bekam ich erneut eine Einladung: Wir sollen dafür bereits am Donnerstag anreisen, weil es ein Programm gibt bis Sonntag, die Hochzeit selbst findet am Samstag statt. Ich habe mir nun herausgenommen, erst am Samstag dazuzustossen, denn ich finde es eine Zumutung, wie einfach davon ausgegangen wird, dass man für eine Hochzeit zwei Tage Ferien sowie insgesamt vier Tage seiner spärlichen Freizeit zu opfern bereit ist. Das nimmt man mir nun übel. Daher meine Frage: Ist mein Verhalten stillos?
A. B.

Liebe Frau B.,

wo denken Sie hin! Nichts da mit stillos, ich bin voll und ganz auf Ihrer Seite und sage unverblümt: Reisen Sie in aller Seelenruhe erst am Samstag an. Denn es artet ja neuerdings ein wenig aus mit dieser Hochzeiterei. Das ist mir nicht ganz geheuer, und ich meine, bitte: Wer heiratet denn heutzutage noch?

Aber wir wollen hier nicht ausholen zum Wesen der Vermählung an und für sich, sondern uns konkret der Problematik dieser mehrtägigen Auslandsfestivitäten widmen. Und da geht es vor allem um eines: dass das ein rauschendes, unvergessliches, Instagram- und Facebook-taugliches Fest werden soll. Das ist ja schon recht, schreit aber auch ein wenig unangenehm: ich, ich, ich beziehungsweise natürlich wir, wir, wir.

Es wird in einer grandiosen Eitelkeit davon ausgegangen, dass alle Gäste bereit sind, für dieses Fest vier Tage Freizeit zu opfern und irgendwohin zu reisen. Da wird nicht überlegt, ob das für diese mühsam sein könnte – die Gäste interessieren eben gerade nicht, sie sollen vielmehr die bewundernden Statisten für das strahlende Paar abgeben. Wir könnten jetzt hier den um sich greifenden Narzissmus beklagen und in einen Kulturpessimismus verfallen, aber das wäre nicht unsere Art.

Was noch hinzukommt: Es genügt ja nicht mehr, sich in Wigoltingen oder Boppelsen zu verheiraten, weil man so ein bisschen jetsetig sein will. So total speziell und exklusiv und so. Auch dagegen ist nichts einzuwenden. Vorausgesetzt, und das ist entscheidend: Wer einlädt, zahlt. Da kann man nicht schmürzelig eine Liste mit Hotels und Flugdaten verschicken, aus der sich die Gäste dann die Reise selbst zusammenstellen und finanzieren sollen, sondern die Kosten werden selbstverständlich vom Jetset-Paar übernommen.

Wer glamourös sein will, muss generös sein.


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Erstellt: 29.08.2016, 12:22 Uhr

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