Muss ich einen Dieb in meinem Arbeitsumfeld anzeigen?

Ein Leser hat jemanden im Verdacht, Kunstwerke vom Kanton Zürich gestohlen zu haben. Muss er das melden?

Verpfeifen ist unschön. Wann sollte man es trotzdem tun? Foto: iStock

Verpfeifen ist unschön. Wann sollte man es trotzdem tun? Foto: iStock

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Bitte nennen Sie meinen Namen nicht, ich möchte nicht erkannt werden. Der Kanton Zürich sucht einige Hundert Kunstwerke. Diese wurden an kantonale Institutionen ausgeliehen und sind irgendwann abhandengekommen. Dort, wo ich arbeite, hiess es schon vor Jahrzehnten, eine bestimmte Person habe solche Kunstwerke nach Hause mit­genommen. Soll ich beim zuständigen Amt melden, dass ich von solchen Gerüchten gehört habe? Soll ich Namen nennen? Warum habe ich das bisher nicht gemacht? Warum finde ich ­Verpfeifen unschön, kann mich aber mit dem Status quo nicht zufrieden­geben? X. Y.

Lieber Herr Y.

Fangen wir mal mit Ihrer letzten Frage an, denn die Antwort darauf scheint mir ziemlich einfach zu sein: weil Sie ­keinem Gauner-Ehrenkodex verpflichtet sind, in dem «Verpfeifen» bestenfalls mit Verachtung, im schlimmsten Fall mit einem Betonblock an den Füssen geahndet wird.

Welchen Grund sollte es dafür geben, jemanden nicht anzuzeigen, der sich auf diese Weise unrechtmässig bereichert hat? (Es geht ja nicht um jemanden, der ab und zu Nachschub aus dem Büro für seinen privaten Bostitch mit nach Hause nimmt.) Der einzige vernünftige Grund kann sein, dass Sie vom Kunstdiebstahl nur gerüchteweise gehört haben. Und wer beschuldigt schon gern jemanden aufgrund von Gerüchten? Sollte es sich dabei um Fehlinformationen handeln, bliebe an Ihnen der Makel der falschen Anschuldigung kleben. Das ist die einzige Zwickmühle, in der Sie stecken.

Die Whistleblower-Variante: Spektakulär, aber nicht ohne Risiko.

Es gibt nun mehrere Varianten, wie Sie der Zwickmühle entkommen können, ohne dass Sie der Gelackmeierte sind. Sie stecken die Geschichte der Presse mit möglichst vielen Insiderinformationen. Das ist die Whistleblower-Variante. Spektakulär, aber nicht ohne Risiko. Denn Ihren Verdacht von Journalisten abklären zu lassen, bevor Sie ihn selbst mit Ihren Vorgesetzten besprochen haben, könnte für Sie sogar strafrechtliche Folgen haben, ungeachtet ­davon, ob Sie recht haben oder nicht.

Oder Sie wenden sich direkt an die Staatsanwaltschaft. Dadurch verlieren Sie allerdings die gewünschte Anonymität. Desgleichen, wenn Sie sich an Vorgesetzte oder den internen Rechtsdienst wenden.

Die letzte Variante, die mir am schonendsten sowohl für Ihr Gewissen als auch für Ihre Anonymität erscheint, ist: Sie wenden sich an eine Anwältin Ihres Vertrauens und lassen sich von ihr beraten und geben ihr gegebenenfalls den Auftrag, in Ihrem Sinne, aber eben nicht in Ihrem Namen bei der Staatsanwaltschaft zu intervenieren. Somit sind Sie selbst durch das Anwaltsgeheimnis geschützt, freilich nicht gegen Gerüchte, dass Sie die undichte Quelle gewesen sein könnten.

Ich wünsche Ihnen viel Glück, entschuldige mich für die unautorisierte Rechtsberatung und schliesse jede Haftung aus.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 12:49 Uhr

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