Noch mal: Ist Trump ein Psycho?

Unser Experte verzichtet weiter auf eine Ferndiagnose, kann einem launigen US-Präsidenten aber auch etwas abgewinnen.

Blosses Imponiergehabe? Schön wärs! Foto: Carolyn Kaster (AP, Keystone)

Blosses Imponiergehabe? Schön wärs! Foto: Carolyn Kaster (AP, Keystone)

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Ihre ausweichende Antwort letzten Mittwoch zum psychopathischen Background Trumps erinnert mich an «Star Trek»: die Szene, in der Captain Kirk nach Ausfall des Computers Spock um eine Schätzung bittet, dieser jedoch ablehnt, da Schätzen keine exakte Wissenschaft sei und ihm genaue Daten für eine exakte Berechnung fehlten. Um die Enterprise zu retten, muss sich Spock dennoch zu einer Schätzung herablassen, was ihm dann doch ganz gut gelingt. Trump redet und handelt derart unlogisch, dass sich viele fragen, ob er überhaupt ein persönliches Ziel verfolgt oder einfach nur irre ist. Natürlich fehlen Ihnen die Grundlagen für eine echte Psychoanalyse, aber ich glaube, Ihre grosse Menschenkenntnis könnte Sie dennoch zu einer guten Schätzung befähigen, die viele auch noch gern lesen würden, wenn die Wahrscheinlichkeit ihres Zutreffens nicht viel besser wäre als die der Wetterprognose.
K. D.

Lieber Herr D. Ich fühle mich durchaus geschmeichelt vom Vergleich mit dem grossen Vulkanier. Aber die Gründe, warum ich mich solchen Diagnosen in der politischen Auseinandersetzung verweigere, haben nichts damit zu tun, dass ich mich nicht zu Schätzungen «herablassen» möchte, weil diese keine «echte Psychoanalyse» wären. Ich sehe nur nicht ein, was mit der Diagnose «Psychopath» gewonnen ist, wenn sie doch nur ein etwas vornehmeres Wort für «Arschloch» darstellt.

Man braucht – entgegen einer in vielen Medien vorherrschenden Ansicht und Praxis – keine meteorologische Fachperson, um festzustellen, dass es draussen regnet, und den Schluss zu ziehen, dass man daher ohne Schirm mit grosser Wahrscheinlichkeit nass werden wird.

Was soll ich also mit angeblich langjähriger Berufserfahrung und vermeintlich grosser Menschenkenntnis auftrumpfen, wenn diese doch auch nicht mehr zustande bringt, als all die bekannten und berechtigten Vorwürfe gegen Trump – dass er zum Beispiel ein sehr loses Verhältnis zur Wahrheit hat, dass seine Aussagen häufig widersprüchlich sind –, die für jedermann offensichtlich sind, in eine psychiatrische Floskel zu verpacken?

Wenn sich manches von dem, was Trump angekündigt hat – die Mauer zu Mexiko, die Wiedereinführung der Folter, die Zerschlagung von Obamacare – als blosses Imponiergehabe entpuppen sollte, so würde das die Psychopathie-Diagnose möglicherweise bekräftigen. Aber politisch wäre diese Unzuverlässigkeit ein Segen, und man könnte sich darüber freuen, dass mit Trump wenigstens kein charakterfestes, konsequentes Arschloch gewählt wurde, sondern ein launiger Psychopath, der nur die Hälfte des Schadens angerichtet hat, der möglich gewesen wäre.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

Erstellt: 30.11.2016, 08:13 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.

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