Sechseläuten-Blumen für die Damen?

Die Antwort auf eine Stilfrage betreffend Tradition und Emanzipation.

Blumen und Küsschen für die Zünfter – und bald auch für die Zünfterinnen?

Blumen und Küsschen für die Zünfter – und bald auch für die Zünfterinnen? Bild: Doris Fanconi

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Den Zünftern werden am Sechseläuten-Umzug bekanntlich von begeisterten Zürcherinnen Blumen geschenkt. Nun marschieren jedes Jahr auch weibliche Ehrengäste mit. Darf man als Mann am Strassenrand einem weiblichen Ehrengast am Umzug Blumen überreichen? Wenn ja, welche Art und wie viele? Und wie macht man das diskret und stilvoll? Ein Gentleman kann ja nicht wie die Zürcher Damen mit überfüllten Körbchen aufmarschieren. P. H.

Lieber Herr H., jetzt wollen wir dank Ihrer Frage grad etwas Schwung in diese verstaubte Veranstaltung vom kommenden Montag bringen. Das hat die bitter nötig; die rockt ja irgendwie nicht richtig mit diesen bestrumpften Männern, die da mit geschwellter Brust rumstolzieren und sich Blumen überreichen lassen; man weiss auch gar nicht, wofür eigentlich.

Aber wir wollen nicht daran herummäkeln, sondern die Sache subversiv unterwandern. Deshalb: Selbstverständlich dürfen Sie den Damen Blumen überreichen. Und wie Sie können! Sie sollten diese nachgerade mit selbigen überhäufen, weil das Florale nämlich die Währung ist am Sechseläuten. Sprich: Je mehr davon jemand überreicht bekommt, desto populärer ist er. Oder eben: sie.

Womit wir bei der Unterwanderung wären: Wenn da sämtliche weiblichen Gäste des Umzugs mit umwerfenden Bouquets daherkommen, die Zunftmannen aber nur so kümmerlich-traurige Besen tragen oder gar nicht wissen, wohin mit ihren leeren Händen, dann ist das eine Botschaft, dann ist das eine Art passiver Widerstand, dann setzen Sie damit ein Zeichen für die Frauen und die Modernität und so. Am besten packen Sie ein ganzes Leiterwägeli voll und rüsten floral so richtig auf. Sie wollen nicht nur die meisten Blumen haben, lieber HerrH., sondern auch die schönsten, Sie müssen das kompetitiv sehen.

Welche Art? Solche, die zäh sind beziehungsweise gut ohne Wasser auskommen. Tulpen scheiden demnach aus, die sehen nach kurzer Zeit aus wie tote Martinigänse, wenn die so den Hals lampen lassen. Auch schlecht: kurze Sträusse, die man nicht gut halten kann oder vom Arm rutschen. Es empfiehlt sich daher der Klassiker: Rosen (aber unbedingt darauf achten, dass die keine Dornen haben). Und zwar so richtig schöne, üppige, nicht so schmürzelige, kleine.

Wenn Sie die überreichen, dann strahlen Sie, das reicht schon. Deuten Sie den Kuss nur an, Frauen mögen nicht einen ganzen Tag lang fremden Spöiz auf ihre Wangen verteilt bekommen, das ist ja auch bazillenmässig ein Albtraum.

Reservieren Sie also umgehend Ihr Arsenal, und bringen Sie sich in Stellung. Meinerseits habe ich Ihretwegen schon jetzt diesen elend-lüpfigen Sechseläuten-Marsch im Ohr.


Haben Sie Fragen? Schicken Sie sie an gesellschaft@tagesanzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2018, 10:29 Uhr

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