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Sind englische Einsprengsel schlicht Angeberei?

Die Antwort auf eine Leserfrage zur sich ausbreitenden Mode, in ein Gespräch einzelne Wörter oder ganze Sätze auf Englisch einzustreuen.

Das Englische ist auf dem Vormarsch: Ein Mann in Windsor, kurz vor der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. (19. Mai 2018)
Das Englische ist auf dem Vormarsch: Ein Mann in Windsor, kurz vor der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. (19. Mai 2018)
Clodagh Kilcoyne, Reuters

Mir fällt auf, dass alte Bekannte während des Gesprächs mit mir immer öfter englische Wörter oder ganze Sätze auf Englisch einstreuen. Ich frage mich, tun sie das, weil ihnen heute Englisch näherliegt, oder ist es schlicht Angeberei? Sie können mir diese Frage bestimmt beantworten, denn auch Sie fielen schon ins Englische, obwohl dies gar nicht nötig gewesen wäre. In einer Leser-fragen-Kolumne schrieben Sie z. B. «Dazu braucht es just a little help from your friends.»? W. G.

Lieber Herr G.

Fangen wir mal mit mir an: Im Alter von 14 Jahren durfte ich für drei Wochen zu einer Gastfamilie nach Oxford. Als ich von dort zurückkehrte, flocht ich eine Weile lang ab und zu englische Wörter anstelle der deutschen in meine Sätze ein. War das An­geberei? Vielleicht; vor allem war es aber wishful thinking (Wunschdenken). Nämlich, dass man schon nach so kurzer Zeit in England eher nach den deutschen als (wie gewöhnlich in der Schule) englischen Vokabeln suchen müsste. Ich tat also, als sei ich nach langer Zeit wieder in die Heimat zurückgekehrt und müsse mir die alte Muttersprache erst langsam wieder an­eignen. Bescheuert und altklug, aber irgendwie doch auch härzig, oder?

Was nun «das bisschen Hilfe von den Freunden» angeht, so war das sicher keine Angeberei, sondern bloss ein Zitat. Nämlich des Songs (Lieds) der Beatles (Käfer) «With a Little Help from My Friends», von 1967, das dann 1968 erfolgreich von Joe Cocker (Josef Schwanzer) gecovert (bedeckt) wurde. «Dazu braucht es just a little help from your friends» ist nicht dasselbe wie «Dazu braucht es nur ein bisschen Hilfe von Ihren Freunden.» Der erste, halb englische Satz verweist nicht auf konkrete Hilfe durch konkrete Freunde; der zweite schon. Der erste ist eine rhetorische Untertreibung für: So was schafft man nicht alleine. Das Englische ist hier also ein Stilmittel.

Mit Ihrer Vermutung, dass uns heute das Englische näher ist als zum Beispiel das Französische, das seine grosse Zeit als eingesprengselte Sprache in Europa verloren hat, haben sie sicher recht. Französische Wörter sind entweder wie das Trottoir eingebürgert oder haben ihre rhetorische Funktion eingebüsst. Und natürlich gibt es diesen furchtbaren Bullshit-Sprech (Bullenscheiss-Sprech), der bloss ein englisch durchsetztes Bluff- bzw. Blöff-Gehabe ist. Aber selbst dabei sollte man milde sein. Wenn man viel englische Fachliteratur liest (und die ist weitgehend auf Englisch), dann ist es oft das englische Wort oder die englische Formulierung, die einem als Erstes in den Sinn kommt. Genau so, wie ich mir das mit 14 gewünscht hatte.

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