Vergewaltigung und Verantwortung

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema sexuelle Gewalt.

«Dieses Thema der Mitverantwortung wird in der jetzigen #MeToo-Debatte aber nicht angesprochen, oder habe ich da etwas verpasst?»: Peter Schneider gibt Antwort zu Verantwortung bei Vergewaltigung.  Foto: Ronen Tivony (NurPhoto via Getty Images)

«Dieses Thema der Mitverantwortung wird in der jetzigen #MeToo-Debatte aber nicht angesprochen, oder habe ich da etwas verpasst?»: Peter Schneider gibt Antwort zu Verantwortung bei Vergewaltigung. Foto: Ronen Tivony (NurPhoto via Getty Images)

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Ich möchte eine grundsätzliche Frage an Sie richten. 1958 wurden meine Schwester und ich (19 und 17 Jahre alt) von drei Männern vergewaltigt. Trotz grosser Schwierigkeiten (wir hatten keine Namen, sondern nur eine unvollständige Autonummer) haben wir sie angezeigt. Wir gingen davon aus, wenn wir das nicht melden und die drei so eine Tat wiederholen würden, seien wir mitschuldig. Dieses Thema wird in der jetzigen #MeToo-Debatte aber nicht angesprochen, oder habe ich da etwas verpasst? Meine Frage ist: Ist diese Denkweise der Mitverantwortung richtig? Oder sollte man darüber hinwegsehen? Übrigens wurden die drei zu zwei Jahren Haft verurteilt. E.S.

Liebe Frau S.

So wie ich die #MeToo-Diskussionen verstanden habe, ging es sogar zu einem beträchtlichen Teil um gerade diese Verantwortung. Oft stand gar nicht die Forderung nach Bestrafung eines Täters im Vordergrund (was manche Anschuldigungen sogar rechtsstaatlich problematisch erscheinen liess), sondern darum, Machtausübungssysteme und Abhängigkeits-Konstellationen zu denunzieren, die sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung ermöglicht und begünstigt haben.

Es ist wichtig, dass solche Täter – ebenso wie die Exponenten des in den sozialen Medien grassierenden, strafrechtlich relevanten Hate Speech – angezeigt und zur Rechenschaft gezogen werden, nicht zuletzt um ihnen und der Öffentlichkeit kundzutun, dass der Rechtsstaat nicht gewillt ist, eine Art Gewohnheitsunrecht in Kauf zu nehmen. Schwierig wird es, wo es darum geht, diese rechtsstaatliche, institutionelle Verantwortung in Form einer moralischen Anzeigepflicht auf die Opfer zurück- und umzu­verteilen. Vergewaltigung ist zu Recht ein Offizial- und nicht ein Antragsdelikt.

Aber tatsächlich erfahren die Strafverfolgungsbehörden meistens nur durch eine Anzeige von einer Vergewaltigung. Es wäre wünschenswert, wenn jedes Opfer einer Vergewaltigung dieses Verbrechen auch anzeigen würde. Aber ich habe grosse Bedenken, einem früheren Opfer die moralische Mitverantwortung für und damit auch Mitschuld an zukünftigen Vergewaltigungen desselben Täters zu geben. (Eine solche Mitschuld gibt es in Fällen von tatenloser Mitwis­serschaft wie oftmals bei Kindesmissbrauch und -misshandlung.)

Viele Vergewaltigungs­opfer glauben ohnehin, eine Mitschuld an dem zu tragen, was ihnen angetan wurde. Was sie manchmal sogar von einer Anzeige abhält. Ich glaube nicht, dass es richtig ist, diesem Schuldgefühl bezüglich der Vergan­genheit noch eine reale Verantwortung für die Zukunft hin­zuzufügen.

Erstellt: 25.09.2019, 14:06 Uhr

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