Was ist eigentlich «unnützes Wissen»?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu Wissen, das man nicht unbedingt braucht – aber trotzdem wertvoll ist.

Wir sammeln viel wissen, das wir nicht jeden Tag brauchen. «Unnütz» ist es deswegen nicht.

Wir sammeln viel wissen, das wir nicht jeden Tag brauchen. «Unnütz» ist es deswegen nicht. Bild: Keystone

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Neulich erkundete ich unsere Schulbibliothek. Dabei fiel mir auf, dass viele Bücher in den unterschiedlichsten Genres mit dem Titel «unnützes Wissen» versehen sind. Wieso gibt es diese Texte überhaupt, wenn ihr Inhalt unnütz ist? Und wie wird definiert, ob und wieso Wissen nichts nützt? Beim Durchblättern solcher Bücher stellte ich fest, dass oft irgendwelche «Fun Facts» über dieses und jenes aufgelistet sind. Aber die sind dann ja eben «Fun», sie bescheren den Lesern Freude. Damit erfüllen sie einen Zweck und sind somit nicht unnütz. Oder doch? S.M.

Liebe Frau M.

Ihre tolerante Haltung gegenüber den «Fun Facts» gefällt mir. Der Begriff «unnützes Wissen» ist ohnehin kokett, er meint wahrscheinlich Wissen, mit dem man in Quizshows punkten könnte, aber nicht unbedingt in akademischen Prüfungen. Man meint damit, dass manches Wissen «irgendwie» wichtiger für die Allgemeinbildung ist als anderes. Aber wie genau? Einen essenziellen Unterschied zwischen unnützem, unwichtigem und nützlichem und daher wichtigem Wissen gibt es nämlich nicht.

Die Frage ist ja stets, für welchen Zweck ein Wissen nützlich ist – und sei es eben nur dafür nützlich, dass es, wie Sie sagen, Freude bereitet. Was seinerseits übrigens nicht nur eine Eigenart der oftmals kuriosen «Fun Facts» ist, sondern von Wissen überhaupt. Wenn ich mit der chemischen Tafel der Elemente etwas anfangen kann, dann ist das vergnüglich, auch wenn es für mich in diesem Moment keinen Nutzen haben mag. Wenn ich eine lateinische Inschrift auf einem Grabstein entziffern kann, ist das nur beschränkt nützlich, aber es macht mir Freude, wie einem alles Freude bereitet, das spielerisch funktioniert. Karl Bühler nennt das Funktionslust. Geschichtliche Zusammenhänge erschliessen sich beispielsweise nicht vor allem durch die Aufeinanderfolge von Daten wichtiger Ereignisse, sondern durch ein Netz von «Facts», deren Nützlichkeit für diese Erschliessung von Zusammenhängen nicht von vornherein feststeht.

Wenn man einmal darüber nachdenkt, aus welcher Art von Wissen eigentlich die eigene Bildung besteht, so wird man, vermutlich mit einiger Überraschung feststellen, dass es ein Konglomerat, ein Kuddelmuddel darstellt, das aus Fakten ganz unterschiedlicher Nützlichkeit, Wichtigkeit, Seriosität, Solidität besteht. Wir können dieses wolkige Wissen immer nur an wenigen Stellen erhärten. Das ist nicht weiter schlimm, solange wir uns dieses improvisierten Charakters unseres Wissens leidlich bewusst sind und für Belehrungen offen bleiben.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 11:52 Uhr

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