Was ist Familienstellen?

Die Antwort auf eine Frage zu schwierigen Rollenspielen.

Das Familienstellen enthält Elemente systemischer Familientherapie und Psychodrama. Foto: Pixabay (Pexels)

Das Familienstellen enthält Elemente systemischer Familientherapie und Psychodrama. Foto: Pixabay (Pexels)

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Meine Freundin hat mir vom ­sogenannten Familienstellen erzählt. Wie ist es möglich, dass Leute einer beliebig zusammengestellten Gruppe in die Rolle der Eltern einer ebenfalls unbekannten, anwesenden Person schlüpfen können, um deren Schwierigkeiten und Krisen innerhalb der Familie (auch Jahre danach) aufzudecken bzw. zu besprechen?
S.S.

Liebe Frau S.

Familienstellen, auch Familienaufstellung genannt, wurde vor allem durch Bert Hellinger bekannt und berüchtigt: Wenn Sie seine Website anschauen, stossen Sie auf eine seltsame Mischung aus Geschäftstüchtigkeit («Beim Original Hellinger® Familienstellen zeigt sich, was in Familien krank macht und den Einzelnen an einem erfüllten ­Leben hindert») und Eso-Sound («Das Familienstellen ist die ­äussere Bewegung eines kos­mischen Geschehens»), die für meinen Geschmack nicht sehr vertrauenserweckend wirkt.

Der Hokuspokus wird wie ­üblich mit dem Attribut der Wissenschaftlichkeit geadelt: «Die Hellinger sciencia® (…) ist eine Wissenschaft von der Liebe des Geistes. Sie ist eine scientia ­universalis, die Universalwis­senschaft von den Ordnungen menschlichen Zusammenlebens, angefangen von den Beziehungen in der Familie (…) bis zu den Ordnungen zwischen den übergreifenden Gruppen.»

In seiner nicht grundsätzlich nur von Hellinger® patentierten Praxis enthält das Familienstellen Elemente systemischer Familientherapie und Psychodrama. Konflikte, die ein Klient hat, werden in eine räumliche Auslege- oder eben: Aufstellungsordnung gebracht, wobei die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen einer solchen Aufstellung als Stellvertreterfiguren für Familienmitglieder stehen.

Im Unterschied zur Gruppentherapie will man so die Wahrscheinlichkeit von Erleuchtungseffekten erhöhen.

Abstand und Nähe der Personen zueinander, ihre Blickrichtungen und ihre Position zum Klienten stellen die Veräusserlichung seiner inneren Problemstruktur dar. In einer solchen nüchterneren Beschreibung, die wahrscheinlich auch einige Familienaufsteller dem Geschwurbel ­Hellingers® vorziehen würden, mag der Ansatz leidlich plausibel erscheinen.

Um also Ihre Frage zu beantworten: In einer Aufstellungsgruppe nimmt – angeblich – spontan und sehr schnell jenes auf Familienmitglieder bezogene Geflecht von Übertragungen und Gegenübertragungen die Form einer räumlichen Konstellation von Personen an, die einem unmittelbar vor Augen führt, was in diesem System nicht stimmt. Im Unterschied zu länger dauernden Gruppentherapien erhöht man so vermutlich die Wahrscheinlichkeit von spektakulären Erleuchtungseffekten. Skeptiker (wie ich) werden ­sagen: Nicht jede Erleuchtung ist auch Enlightenment.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.04.2019, 11:48 Uhr

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