Was tun bei 90 Rappen Trinkgeld?

Die Antwort auf eine Stilfrage zum Verhalten in Restaurants.

Geiz beim Trinkgeld ist stillos. Foto: Keystone

Geiz beim Trinkgeld ist stillos. Foto: Keystone

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Ich bin in einem Restaurant im Service tätig und schon 20 Jahre im Beruf. Ich behaupte von mir, Gästewünsche  – wann immer es geht – zu erfüllen. Und ich bin der Meinung, Trinkgeld ist nur mit gutem Service verdient. Item. Meine Frage bezieht sich auf ein Pärchen, das letztens bei uns gespeist hat, absolut zufrieden mit Küche und Service war und dazu auch sehr nett. Sie bezahlten die Rechnung von unter 90 Franken mit einer 1000er-Note und gaben doch tatsächlich 90 Rappen Trinkgeld. Wie kann man da charmant reagieren? Gesagt habe ich natürlich nett «Danke», aber in den Sinn kam mir eher: «Behalten Sies doch; Sie habens offensichtlich nötiger als ich.» Ich habe mich natürlich mit Kollegen darüber unterhalten, und wir waren einhellig der Meinung, dann lieber kein Trinkgeld als so ein eventuell als Beleidigung (?) gemeintes.
D. S.

Liebe Frau S.,
nach meinen Ferien befand ich mich ja nachgerade in einem Zen-artigen Zustand. Ich war in Minne mit der Welt und mir und begegnete meiner Umgebung mit Milde und Nachsicht. Nicht einmal dem Taxifahrer, der mich am ersten Arbeitstag um ein Haar über den Haufen gefahren hat, rief ich Schlötterlig hinterher. Aber dann las ich Ihr Mail. Und es war fertig mit Milde und Nachsicht und Zen. Was selbstverständlich nicht Ihre Schuld ist, liebe Frau S., sondern jene dieses Pärchens. Denn das haut jetzt doch dem Fass den Boden raus.

Ich hole gerne aus: Erstens wirft man nicht mit 1000er-Noten um sich. Weil man das Gegenüber damit in der Regel in Nöte bringt. Es ist also unhöflich. Zudem wichtigtuerisch, und dann wirkt es auch noch überaus halbseiden. Alles ganz schlecht. Zweitens: Wenn man schon einen auf dicke Hose macht, dann bitte bis zum Schluss, also bis zum Trinkgeld. Schmürzeligkeit ist der Gipfel der Stillosigkeit und zudem schäbig, die Abwesenheit von Grosszügigkeit ein schwerwiegender Charaktermangel. Drittens: Man gibt – bei tadellosem Service – anständig Trinkgeld. Es ist eine Frage des Respekts der Bedienung gegenüber, wie Sie zu Recht sagen. Bei knapp 90 Franken Rechnung würde ich jetzt fünf Franken für das absolute Minimum halten, charmant dünkte mich, auf 100 aufzurunden.

Ich verneige mich vor Ihnen, liebe Frau S., wie Sie so übermenschlich souverän auf dieses Pflockpärchen reagierten. Sie haben das mit dem Zen eindeutig genuin drauf. Kann man bei Ihnen eventuell einen Kurs besuchen?


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Erstellt: 05.09.2016, 14:04 Uhr

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