Was will diese Schulpolitik?

Die Antwort auf eine höhere Bildungslücke um einen sozialen Witz.

Auf seltsame Weise vererbt sich höhere Bildung wie grösseres Vermögen: Chemieunterricht am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl in Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Auf seltsame Weise vererbt sich höhere Bildung wie grösseres Vermögen: Chemieunterricht am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl in Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Die Schulpolitik des Kantons Zürich ist mir ein Rätsel. Einerseits importiert man gymnasial und akademisch gebildete Arbeitskräfte und beklagt zugleich deren Überzahl. Andererseits wird die Gymi-Quote schöngeredet, obwohl gut gebildete junge Leute ja gebraucht würden. Bemerkenswert ist zudem, dass die Gymi-Quote entlang des Zürichberg konstant und signifikant höher ist als in der Agglo. Müssen Familien, denen gymnasiale Bildung wichtig ist, umziehen?
S. C.

Liebe Frau C.
Tatsächlich macht es den Anschein, dass die Grand Crus unserer Bildung wegen der dortigen Bodenbeschaffenheit und des besonderen Mikroklimas vor allem an der Goldküste und am Zürichberg gedeihen. Dies, während Spreitenbach oder Schwamendingen besser für die Produktion solider Landweine geeignet sind. Unsere Gesellschaft braucht schliesslich auch tüchtige Handwerksleute und nicht nur Gstudierte mit zwei linken Händen, die von ihren Eltern in eine akademische Karriere gedrängt wurden, obwohl sie selber doch viel lieber Zimmerleute geworden wären. Im Stil dieses Narrativs wird die Diskussion über Bildung und Gymnasialquote gerne geführt. Die Deko-Kirsche dieses Diskurses ist dann der Hinweis auf Fälle bekloppter Helikoptereltern, die ihre Kinder durch die Gymi-Prüfung klagen. Solche Debatten zu führen, ist anregender und lustiger, als sich mit der schlichten Wahrheit bekannt zu machen: dass das Bildungssystem als wichtiger Bestandteil der sozialen Maschine fungiert, die auf geheimnisvolle, aber zuverlässige Weise den Status quo der vorherigen Generation reproduziert. Bildungsauf- und -absteiger, die jeder kennt, sind Ausnahmen, über die man lieber redet als über die Regel.

Auf seltsame Weise vererbt sich höhere Bildung wie grösseres Vermögen. Bildung ist eben nicht der Bereich, in dem die Karten in jeder Generation neu gemischt werden, vielmehr wird immer aufs Neue das alte Blatt verteilt. Die Pointe dieses sozialen Witzes liegt darin, dass die Verteidiger der niedrigen GymiQuote beanspruchen, im Namen der Unterprivilegierten zu sprechen, wenn sie die Würde der Berufslehre verteidigen, den falschen Ehrgeiz der Eltern geisseln und auf die guten Möglichkeiten hinweisen, die ein hochbegabtes Arbeiterkind in diesem System jederzeit dank Stipendien habe. Dass die Bildungschancen der wirklichen Kinder in diesem Spiel statistisch dann doch wieder nach Einkommen und Bildung der Eltern verteilt sind – das muss an der Natur liegen, wie man ja aus dem Weinbau und der ­Bibel weiss: Alle sind berufen, doch nur wenige auserwählt.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2016, 16:03 Uhr

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