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Wer ist vorbildlich?

Die Antwort auf eine Leserfrage, wie Lehrer ihre Vorbildfunktion bewahren können.

Abhängig vom Urteil anderer: Man wird von Schülern zum Vorbild gemacht.
Abhängig vom Urteil anderer: Man wird von Schülern zum Vorbild gemacht.
Fredrik von Erichsen, Keystone

Wie kann man als Lehrer ein Vorbild bleiben? C. G.

Lieber Herr G.

Ich möchte mit einer Gegenfrage antworten: Soll man als Lehrer überhaupt ein Vorbild werden, sein oder bleiben? Es ist paradox: Gerade der Anspruch eines Lehrers, ein Vorbild zu sein, disqualifiziert ihn doch für die Rolle als Vorbild. Denn dieser Anspruch impliziert ein grobes Missverständnis dessen, wie man zum Vorbild wird. Nämlich nicht durch eigenen Entschluss, sondern dadurch, dass man von anderen (in diesem Fall: den Schülern) als Vorbild betrachtet wird.

Der Vorbildcharakter eines Menschen ist keine Eigenschaft an sich, kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern etwas, das nur abhängig vom Urteil anderer existiert. Diese anderen sind zudem meistens nicht einer Meinung, was sie vorbildlich finden: Was dem einen als vorbildhaft erscheint, findet der andere eher verachtenswert.

«Ein Lehrer, der von sich aus die Haltung des Vorbildlichen zu verströmen sucht, wird deshalb leicht zu einer verächtlichen Gestalt.»

Das beginnt schon – ein beliebtes Thema in der Diskussion über Lehrer – mit dem Kleidungsstil: Was der eine als salopp und sportlich schätzt, erscheint dem anderen als schlampig. Man kann es gut finden, dass ein Lehrer sich nicht mit Äusserlichkeiten aufhält und es bei Trekking-Sandalen, T-Shirt und Cargo-Hose bewenden lässt; aber man kann ebenso gut den ausgefeilten modischen Stil einer Lehrerin als Zeichen ihrer Kultiviertheit schätzen. Man soll es als Lehrer mit dem Rauchen, Saufen, Fluchen, Mülltrennen, SUV-Fahren halten, wie man will; man sollte den Verzicht darauf nur nicht damit verkaufen, dass man schliesslich ein Vorbild sein möchte. Denn das Schielen darauf, ob man wohl für seine Schüler ein Vorbild ist, hat etwas Ängstliches und Musterschülerhaftes an sich. Wer selber einmal Schüler war (also so ziemlich jeder), weiss, dass man Musterschüler nicht besonders schätzt – ausser natürlich zum Abschreiben.

Das liegt nicht daran, dass Schüler Leistungen nicht zu würdigen wüssten, sondern daran, dass sie einen verständlichen Widerwillen gegen die subalterne Haltung haben, aus der heraus die Leistungen erbracht werden: Es ist das autoritätsgläubige Gefallenwollen, das nervt. Ein Lehrer, der von sich aus die Haltung des Vorbildlichen zu verströmen sucht, wird deshalb leicht zu einer halb bedauernswerten, halb verächtlichen Gestalt. Die Schüler spüren die Absicht – und sind verstimmt.

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