Wie viel Finderlohn ist korrekt?

Die Antwort auf eine Stilfrage betreffend die Belohnung für eine Fundsache.

10 Prozent des Wertes der Fundsache gilt als angemessen. Foto: Keystone

10 Prozent des Wertes der Fundsache gilt als angemessen. Foto: Keystone

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Ich habe kürzlich nachts um halb eins mitten auf der Strasse mit dem Auto einen Stopp gerissen, weil ich ein Handy am Boden liegen sah. Ich hob es auf. Das Display zeigte die Namen mehrerer Anrufer an. Weil ich dachte, dass die Person, die das Handy verloren hat, bestimmt sehr verzweifelt ist, begann ich die Namen zu googeln, landete einen Treffer und mailte die Person an. Am nächsten Morgen meldete sich ein Mann bei mir, wir trafen uns zur Übergabe. Er sagte knapp Merci und drückte mir eine Flasche Portwein in die Hand. Ich fand das undankbar. Sein Telefon hatte einen Wert von rund 1000 Franken. Wäre nicht ein Finderlohn von 10 Prozent angemessen gewesen?
F. B.

Liebe Frau B.,

bevor ich Ihr Mail las, hatte ich gerade darüber nachgedacht, ob es lohnenswert wäre, sich über einen Rolex-Träger zu ärgern. Der hatte ein Verständnis für Manieren an den Tag gelegt, das sich umgekehrt proportional zu seiner demonstrativen Mann-von-Welt-Attitüde verhielt. Trotz intensivstem In-mich-Hineinhorchens verspürte ich dann aber wenig Lust, mich mit ihm zu beschäftigen. Dafür war ich genau in der richtigen Stimmung für Ihre Frage.

Wenn man sich ehrenhaft verhält, dann muss dieser ehrenhaften Handlung – wie der Ihren – Selbstlosigkeit zugrunde liegen. Es muss aus der tiefen Überzeugung geschehen, das Richtige zu tun, die Motivation sozusagen einem reinen Herzen entspringen. Man darf nicht schon eine wie auch immer geartete Belohnung im Kopf haben; das ist nicht nur nicht schön, es macht auch die Vornehmheit der Geste zunichte.

Nicht zu streng sein

Trotzdem verstehe ich Sie. Sie dachten an 10 Prozent Finderlohn – was tatsächlich als angemessen gilt –, weil Sie sich so sehr bemüht hatten. Und Wein-Präsente wirken halt oft ein wenig lieblos, so, wie wenn die Flasche schon seit Weihnachten rumgestanden und ohnehin im Weg gewesen wäre. Aber vielleicht dachte Ihr Gegenüber, es wäre unhöflich, einen Blauen zu überreichen, und postete deswegen extra einen Portwein. Seien Sie daher nicht zu streng mit ihm. Er hats ja versucht.

Und vor allem: Handeln Sie nächstes Mal genau gleich, liebe Frau B. Seien Sie weiterhin hilfsbereit und liebenswürdig. Man darf sich nie nach unten anpassen oder die Dinge zu sehr verkommen lassen, wie es einst eine Leserin so hinreissend formulierte, erst recht nicht aus Trotz oder Enttäuschung. Man bewahrt Haltung und bleibt beinhart höflich. So manifestiert sich Klasse. Eine Rolex reicht dafür nicht.


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Erstellt: 10.07.2016, 17:42 Uhr

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