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Wie weit geht die Gender-Inflation?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Geschlechtsidentität.

Wer Facebook auf Englisch nutzt, kann zwischen Dutzenden Geschlechter-Optionen wählen und diese kombinieren. Bild: PD
Wer Facebook auf Englisch nutzt, kann zwischen Dutzenden Geschlechter-Optionen wählen und diese kombinieren. Bild: PD

In Kalifornien werden neu ­erfundene Geschlechter bereits auf den Autonummernschildern eingraviert oder im Pass ­vermerkt: Agender, Bigender, Genderfluid, Nonbinary, Greygender, Intergender, Pangender, Trygender, Genderqueer etc. Facebook hat 51 Geschlechts­optionen. In Schweden oder Australien gibt es bereits geschlechtsfreie Schulen. Wird diese ­Bewegung sich durchsetzen? J. R.

Lieber Herr R.

Das weiss ich so wenig wie Sie. Was ich aber weiss, ist, dass in der Geschlechterfrage gehörig etwas in Bewegung gekommen ist. Man kann natürlich darüber lächeln, dass die Dekonstruktion geschlechtlicher Identitäten ­einhergeht mit einer Inflation neuer Identitäten. Aber man kann auch sehen, dass damit eine (in meinen Augen jedenfalls) wünschbare Entwertung des Konzepts der Identität überhaupt einhergeht. Die Selbstverständlichkeit, mit der gepredigt wird, dass DER Mensch doch eine IDENTITÄT brauche, ist mir ­immer auf den Keks gegangen. Als wäre «Identität» nicht ohnehin etwas Zusammengesetztes, etwas, über das man sich in der Regel wenig Gedanken machen muss und das erst dann kompakt und spürbar wird, wenn diese vage Identität sich durch andere Identitäten bedroht fühlt.

Mit dem Begriff «gender» ist in den Blick gerückt, dass die Herleitung sozialer Kategorien aus biologischen Kategorien nicht funktioniert. Auch der Sex ist nicht so simpel binär codiert, wie man gerne tut. Es ist ja immer erheiternd, wenn Evolutionisten mit urzeitlichen geschlechtlichen Wesenheiten argumentieren, als gäbe es Bereiche, zu denen die Evolution seit 30'000 Jahren keinen Zutritt mehr gehabt hätte. Dass Kategorien natürlich und gesellschaftlich zugleich sind, ist gerade unter evolutionärem Gesichtspunkt kein Widerspruch.

Die Gender-Inflation, auch wenn sie manchmal komisch anmuten mag, ist realistischer als die Bestimmung «männlicher Homosexueller» oder «weibliche Heterosexuelle» – als hätten die solcherart zugeordneten Menschen 24-Stunden-Jobs in einer bestimmten Verwendung ihrer jeweiligen Geschlechtsorgane.

Je genauer man eine sogenannte geschlechtliche Identität beschreiben müsste, desto länger würde die Beschreibung. Eine simple Ergänzung durch Attribute wie «masochistische Tendenzen» oder «leichte fetischistische Neigung» würde nicht ausreichen. Die Geschlechts­akte eines Menschen ist eine endlose story in progress. Wie diese Akten ins allgemeine Register einsortiert werden, ist ein mal mehr, mal weniger sinnvoller Verwaltungsakt. Und Verwaltungsakte haben eine Geschichte.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

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