Wie ausgewogen ist der Faktencheck?

Harte Kritik von der FDP nach dem «Arena»-Check zur Altersvorsorge: «grobe Mängel», «nicht glaubwürdig». Eine Replik.

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FDP-Politiker Alain Schwald hat in einem Blogpost unseren Faktencheck zur SRF-Abstimmungs-«Arena» über die Altersvorsorge 2020 attackiert. Der Hauptvorwurf lautet, bei den von uns überprüften Aussagen handle es sich mehrheitlich nicht um Fakten, sondern um Meinungen. Zudem würden wir Relevantes ausser Acht lassen und seien unausgewogen: Wir hätten die Befürworter gegenüber den Gegnern bevorzugt.

Wir sind uns sehr bewusst, dass es eine fliessende Grenze gibt zwischen wissenschaftlich falsifizierbarer Behauptung («Die Erde ist rund/flach») und subjektiver Wertung, die vordergründig gleichberechtigt neben andere Wertungen tritt («Die Erde ist klein/gross»). Das Wesen einer politischen Debatte liegt indes gerade in der bewusst herbeigeführten Vermengung dieser Kategorien: Meinungen werden bevorzugt als Fakten herausgestellt, aus Fakten unzulässige Schlüsse gezogen. Daher prüfen wir – wo möglich – Fakten nicht isoliert, sondern im Kontext des Arguments.

So stuften wir die «Arena»-Aussage von Salomè Vogt (Avenir Jeunesse), die unter 30-Jährigen würden durch die Reform «zu sehr belastet», als eher falsch ein: Sie wird durch Vergleichsgrössen nicht gestützt. Welches sind diese Vergleichsgrössen? Es sind die in der politischen Debatte erwogenen Alternativen zur Altersvorsorge 2020. In keinem dieser Vorschläge wird die junge Generation geschont – insbesondere nicht in demjenigen, für den die FDP (Schwalds Partei) bis ganz zuletzt im Nationalrat kämpfte.

Zu diesem Modell liegen detaillierte Berechnungen des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) vor. Sie zeigen, dass die meisten unter 30-Jährigen, vor allem Schlechtverdienende, beim FDP-Modell mehr Geld abliefern müssten als mit der Altersvorsorge 2020. Auf die Zahlen des BSV haben wir über einen Link hingewiesen, damit die Leserinnen und Leser sie selber nachprüfen können. Die Tabellen zeigen auch, dass ein Teil der jungen Generation mit dem FDP-Modell tatsächlich auf höhere Renten käme (sofern die Betreffenden denn das Rentenalter erreichen). Schwald nimmt das zum Anlass, uns Einseitigkeit vorzuwerfen: Wir hätten keine Kosten-Nutzen-Analyse erstellt. Damit weitet er die Thematik freilich ins Uferlose. Der Gegenwert einer Investition relativiert nicht deren Dimensionen. Was die Jungen als «Belastung» spüren, sind die allmonatlichen Abzüge auf ihrem Lohnausweis.

Zum Vorwurf macht uns Schwald auch, dass wir die Abstimmungsvorlage einzig dem Nationalratsmodell gegenüberstellen – «als wüsste man genau, wie die neue Reform aussehen würde, wenn AV2020 abgelehnt wird». Schwald verschweigt dabei, dass seine FDP dieses Modell ausdrücklich als Grundlage für ihren «Plan B» nach einem allfälligen Abstimmungssieg ausweist. Es als exemplarische Vergleichsgrösse heranzuziehen, ist somit gerechtfertigt. Alle diese Argumente, Erwägungen und Belege sind im Faktencheck transparent dargelegt.

In einem Punkt müssen wir Schwald allerdings recht geben: Der Jung-FDP-Politiker kritisiert, die von uns überprüfte Aussage von Karin Keller-Suter («Wenn das Volk Nein sagt, ist der AHV-Ausbau vom Tisch») sei eine politische Einschätzung, keine faktische Aussage und somit in einem Faktencheck nicht zulässig. Das ist richtig. Wir werden künftig noch genauer darauf achten, nur Aussagen mit einem faktischen Gehalt zu checken.

Bleibt am Ende der Vorwurf der «Unausgewogenheit». Tatsächlich waren in diesem Faktencheck die Gegner öfter im Unrecht als die Befürworter. Wer dies kritisiert, unterliegt freilich einem Missverständnis. Ausgewogen muss nicht das Ergebnis sein, sondern die Herangehensweise der Faktenchecker. Es war, ist und bleibt unsere Intention, bei einer Debatte die Behauptungen beider Lager gleichermassen kritisch zu durchleuchten. Die Debatte zur Altersvorsorge 2020 bildete da keine Ausnahme.

Schwald hält letztlich selber fest, dass die «meisten der neun Faktenchecks in ihrer Einschätzung von richtig oder falsch in die richtige Richtung» gingen. Trotzdem kommt er zu einem uneingeschränkt negativen Fazit: «Alles in allem muss man leider sagen, dass der Faktencheck des ‹Tages-Anzeigers› grobe Mängel aufweist und deshalb kein guter und glaubwürdiger Faktencheck ist.» Wir finden, das ist kein Fakt, sondern eine Meinung.

Trotzdem sind wir froh um harte, fundierte Kritik: Sie zwingt uns dazu, unsere Arbeit immer wieder zu hinterfragen und genau hinzuschauen, ob wir einhalten, was wir versprechen. Nur die ständige Auseinandersetzung mit den eigenen professionellen Standards schafft letztlich die Glaubwürdigkeit, die ein Faktencheck braucht und der Leser, die Leserin verdient.

Erstellt: 15.09.2017, 16:44 Uhr

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