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RomanverfilmungFranz Biberkopf im Jetzt

Alfred Döblins Klassiker «Berlin Alexanderplatz» wurde neu verfilmt – die Hauptfigur ist nun ein Flüchtling.

Der Drogendealer Reinhold (Albrecht Schuch, l.) verführt Francis (Welket Bungué) zum Bösen.
Der Drogendealer Reinhold (Albrecht Schuch, l.) verführt Francis (Welket Bungué) zum Bösen.

Franz Biberkopf aus dem Roman von Alfred Döblin heisst jetzt Francis (Welket Bungué). Er stammt aus Guinea-Bissau, ist als Immigrant in Berlin gelandet, seine Gefährtin ist auf der Bootsüberfahrt im Mittelmeer ertrunken. Langsam erholt er sich vom Trauma und will, wie der Protagonist aus dem Buch von 1929, nur eines: ein guter Mensch sein.

Ein wenig wirkt diese Version von «Berlin Alexanderplatz», als sei sie auf dem Reissbrett eines Drehbuchseminars entstanden: Was, wenn Franz Biberkopf, dieser urdeutsche Kraftprotz von einem Zementarbeiter, eine Person of Colour wäre? Gedreht worden ist der Film allerdings vor den aktuellen «Black Lives Matter»-Protesten. Und doch ist dies der Clou und auch ein wenig das Problem der Neuverfilmung: Ihr liegt diese eine Idee zugrunde, die alles zu überdecken droht.

Gedreht hat den Film Burhan Qurbani, ein Deutscher afghanischer Herkunft. Aufgefallen ist er 2015 mit «Wir sind jung. Wir sind stark», einem Drama über eine Nacht der rassistischen Ausschreitungen in Ros­tock-Lichtenhagen. Jetzt hat er die Essenz von Döblins Roman auf fünf Kapitel verdichtet, Handlungsort ist nicht mehr das schwüle Berlin der 1920er-Jahre, sondern die moderne Grossstadt mit ihren Flüchtlingszentren und Drogenumschlagplätzen im Park. Aber das Grundthema des Strebens, ein guter Mensch zu sein, und des ewigen Scheiterns daran bleibt das gleiche.

«Der Biberkopf, das bin ich», hatte schon Rainer Werner Fassbinder gesagt, als er die Jahrhundertfigur 1980 in einer TV-Serie präsentierte. Diese dauerte vierzehn Stunden, die Neuverfilmung jetzt drei, aber mit Welket Bungué in der Rolle des Franz Biberkopf ist dieser immer noch die perfekte Identifikationsfigur. Die moderne Gesellschaft spiegelt sich an ihm, er arbeitet sich hoch im Milieu, dient als Blitzableiter und Brandbeschleuniger. All das wird furios erzählt, ab und zu allerdings mit erhobenem Zeigefinger: Schaut, schaut, so kann es einem gehen!

Das Verrückte dabei: Das Eine-Idee-Prinzip verpufft im Lauf des Films selber. Als interessanteste Figur entpuppt sich nämlich nicht Franz Biberkopf. Und auch nicht seine Gefährtin Mieze (Jella Haase), die er so dramatisch verliert. Nein, es ist Reinhold, den Albrecht Schuch mit unwider­stehlicher Verführungskunst spielt. Das ist ein klassischer, weisser Bösewicht, wie er im Buche steht.