Frauen können mehr als Männer

Krimi der Woche: «Lola» von Melissa Scrivner Love ist ein aufregender und aussergewöhnlicher Ghetto-Gang-Thriller.

Ihr Vater war Polizist, die Mutter Gerichtsstenografin – und Melissa Scrivner Love schreibt Krimis. Bild: Poisonedpen.com

Ihr Vater war Polizist, die Mutter Gerichtsstenografin – und Melissa Scrivner Love schreibt Krimis. Bild: Poisonedpen.com

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Der erste Satz
Lola steht am Rand des verdorrten Rasenvierecks ihres und Garcias Garten.

Das Buch
Nachdem sie jemanden umgebracht hat, kocht sie gerne. Lola Vazquez, die Titelfigur des Romans «Lola» der US-Autorin Melissa Scrivner Love, ist eine aussergewöhnliche Krimi-Protagonistin. «Sie wiegt nur achtundvierzig Kilo, samt Jeans, Sneakers und nassen Haaren. Der Rest der Welt nimmt sie kaum je wahr, und sie findet es gut, das meist niemand sie kommen sieht.»

Lola, Mitte zwanzig, ist die Freundin von Garcia, der eine kleine Latino-Gang anführt, die an ein paar Strassenecken in South Central Los Angeles Drogen verkauft. So soll es jedenfalls aussehen. Tatsächlich ist aber Lola, die gerne unauffällig im Hintergrund bleibt, die Chefin. Von Männern hält sie nicht sehr viel, sie benutzt sie für ihre Zwecke, auch Garcia und ihren Bruder Hector. Sie hat früh «gelernt, wie sie es anstellen muss, damit sich Männer von ihr nicht bedroht fühlen. Diese Fähigkeit hat ihr schon mehr genutzt als jedes Schokokuchenrezept.»

Von den meisten Frauen in ihrem Umfeld hält Lola nicht viel mehr als von den Männern. Sie mögen einen guten Schokokuchen hinkriegen, wenn sie nicht, wie etwa Lolas Mutter, im Drogensumpf verkommen sind und für den nächsten Schuss ihre Kinder an Pädophile verschachern. Wie das Lola als Kind passiert ist, geschieht es jetzt der kleinen Lucy, weshalb Lola sie ihrer drogensüchtigen Mutter einfach wegnimmt. Als Lucy in einem Frauen-Fitnessclub fragt, warum denn hier nur Frauen seien, sagt Lola: «Frauen legen einfach strengere Massstäbe an sich an.» Warum, will die Kleine wissen. «Weil sie mehr können als Männer.»

Aber eigentlich hat Lola gar nicht Zeit, ein Kind aufzuziehen, denn auf der Strasse ist gerade ein Umbruch im Gang. Unabhängige Lieferanten machen dem mexikanischen Kartell den Markt streitig, und Lolas Gang steckt zwischen den Fronten. Da stösst Lola auf eine andere starke Frau, mit der sie sich auf Augenhöhe sieht. Und heckt mit ihr einen gefährlichen Plan aus. Denn sie will die Macht übernehmen: «Sie will endlich als das auftreten, was sie ist – Lola Vasquez, die kommende Ghetto-Queen.»

Melissa Scrivner Love, erfolgreiche Drehbuchautorin für TV-Serien, erzählt in ihrem ersten Roman eine packende, fast schon feministische Ghetto-Gang-Geschichte, die unter die Haut geht, hart und düster, aber gleichzeitig immer auch emotional. Lola zeichnet sie als gebrochene Figur: unerbittlich geworden durch ihre Geschichte, und doch liebevoll zu manchen Mitmenschen, sie erkennt das Leid, das Drogen bringen, macht aber trotzdem ihr Geschäft damit. «Lola» ist ein aufregender Thriller. Eine Fortsetzung folgt: In den USA ist soeben das Sequel «American Heroin» erschienen.

Die Wertung

Die Autorin
Melissa Scrivner Love, Jahrgang unbekannt (ca. 1980), stammt aus Frankfort im US-Bundesstaat Kentucky. Ihr Vater war Polizist, die Mutter Gerichtsstenografin. Nach dem Highschool-Abschluss 1998 ging sie an der Vanderbilt University nach Nashville, wo sie Russisch studierte. Da sie schon immer gerne schrieb, besuchte sie auch Schreibkurse und die Drehbuchklasse. An der New York University machte sie einen Master-Abschluss in Englisch. 2004 ging sie nach Los Angeles, um in der Filmindustrie Arbeit zu suchen. Sie konnte sich da rasch etablieren und Folgen für bekannte TV-Serien wie «CSI Miami», «Person of Interest» und «Rosewood» schreiben; für eine Episode von «Person of Interest» wurde sie mit dem renommierten Edgar ausgezeichnet. «Lola», in den USA 2017 erschienen, ist ihr erster Roman. Im Februar dieses Jahres ist die Fortsetzung «American Heroin» erschienen, die auf Deutsch im nächsten Jahr erscheinen wird. 2012 heiratete Melissa Scrivner den kalifornischen Comedy-Autor David Love, seit 2014 hat das Paar eine Tochter. Die Familie lebt im Stadtviertel Pacific Palisades in Los Angeles.

Melissa Scrivner Love: «Lola» (Original: «Lola», Crown, New York 2017). Aus dem Englischen von Sven Koch und Andrea Stumpf. Suhrkamp, Berlin 2019. 392 S., ca. 23 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 20.03.2019, 10:12 Uhr

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