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Krimi der WocheFriedrich Nietzsche ermittelt in Basel

Wolfgang Bortlik lässt in seinem neuen Roman «Allzumenschliches» den jungen Philologen anno 1869 in der Schweiz einen Mord untersuchen.

Soll helfen, einen Kriminalfall zu lösen: Friedrich Nietzsche.
Soll helfen, einen Kriminalfall zu lösen: Friedrich Nietzsche.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Der erste Satz

Kommen Sie ruhig, haben Sie keine Angst.

Das Buch

Gerade mal 24 war Friedrich Nietzsche, der später als Philosoph berühmt gewordene klassische Philologe aus Deutschland, als er an der Universität Basel Professor wurde. Es ist eine wilde Zeit in der Stadt am Rhein: Vor ein paar Monaten gab es den ersten Streik, und jetzt tagt die von Karl Marx mitbegründete Internationale Arbeiterassoziation im Café National. Der bekannte russische Anarchist Michail Bakunin ist angereist, um die Abschaffung des Erbrechts zu propagieren. Das gutbürgerliche Basel ist beunruhigt.

Vor diesem Hintergrund hat Wolfgang Bortlik, der schon mehrere in der Jetztzeit angesiedelte Basler Krimis veröffentlicht hat, seine neue «Criminalgeschichte» angelegt. Schon der Titel «Allzumenschliches» verweist auf Nietzsche.

Über eine Woche im September 1869 erstreckt sich die in 39 «Capitel» gegliederte Geschichte. Ein Toter am Rheinufer, offensichtlich gewaltsam getötet, steht im Mittelpunkt. Es ist ein Geheimpolizist, der im Auftrag von Bürgermeister Carl Felix Burckhardt den Arbeiterkongress ausspioniert hat. Für den Polizeihauptmann Weiss ist das «ein blutigblödes Durcheinander», und er hat keine Ahnung, wie er den Täter ermitteln könnte.

Ein Basler Grossbürger will die Tat einem jungen Arbeiter anhängen, mit dem seine Tochter angebandelt hat. Doch deren Freundin bittet ihren Freund Nietzsche, mit dem sie Klavier spielt, um Hilfe. Auch dieser hat von Forensik keine Ahnung, stellt aber fest: «Es ging hier um Logik. Es war ein philologisches Problem, wie ein Übersetzen aus den alten Sprachen. Es gab Fährten und Spuren, aber nur eine führte zum Ziel.»

Der Kriminalfall und seine Lösung beanspruchen letztlich nur einen kleinen Teil des Romans. Denn daneben widmet sich Bortlik gerne allerlei historischen Abschweifungen. Der Autor kennt sich nicht nur mit Nietzsche aus, sondern vor allem auch mit den alten Anarchisten. So erfährt man vom Kongresskonflikt zwischen den Marx-Anhängern aus Deutschland, die den Staat übernehmen wollten, und den Bakunin-Freunden aus der Westschweiz, die den Staat abschaffen wollten, aber amüsiert sich auch über Anekdoten aus dem Basel jener Zeit. Über Familien wie die Burckhardts oder Sarasins, die in der Stadt das Sagen hatten (und teils immer noch haben).

Dass man gerne weiterliest, auch wenn historische Fakten den fiktiven Kriminalfall immer wieder zur Nebensache machen, liegt daran, dass Bortlik dabei nicht dröge doziert. Er erzählt mit Charme und Witz, und er würzt die Sprache mit Ausdrücken aus der Zeit. So bleibt die Lektüre unterhaltsam, und dies nicht nur für Basler.

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★☆
  • Spannung: ★☆☆☆☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★★☆
  • Gesamteindruck: ★★★

Der Autor

Während mehrerer Jahre schrieb er wöchentlich ein Sportgedicht für die «NZZ am Sonntag»: Wolfgang Bortlik.
Foto: Rolf Spriessler

Wolfgang Bortlik, geboren 1952 in München, kam mit seiner Familie als 13-Jähriger in die tiefe Schweizer Provinz: in das obere Wynental im Aargau. Er studierte, ohne Abschluss, Geschichte, Soziologie und Publizistik an den Universitäten Zürich und München. Danach arbeitete er im sogenannten Zwischenbuchhandel.

In den 1980ern gehörte er zu den führenden Figuren in der Aarauer Underground-Kulturszene. Er war Sänger und Schlagzeuger bei verschiedenen Bands, darunter der Kult-Punk-Combo Bermuda Idiots, gab die anarchistische Zeitschrift «Alpenzeiger» heraus und betrieb eine kleine Buchhandlung und Galerie.

1981 war er Mitgründer des Zürcher Verlags Edition Moderne, dessen literarisches Programm er verantwortete. Heute gibt der Verlag ausschliesslich Comics heraus. Bortlik schrieb nicht nur für den «Alpenzeiger», sondern im Lauf der Jahre auch für zahlreiche weitere Medien, vom Comic-Magazin «Strapazin» bis zu «20 Minuten». Für die «NZZ am Sonntag» schrieb er während mehrerer Jahre wöchentlich ein Sportgedicht.

1998 veröffentlichte er seinen ersten Roman, «Wurst & Spiele» (Nautilus, Hamburg). Nicht nur da war Fussball ein wichtiges Thema. Diesem Sport widmete Bortlik mehrere Publikationen, darunter den Gedichtband «Am Ball ist immer der Erste» (Limmat-Verlag, Zürich 2006) und das Sachbuch «Hopp Schwiiz. Fussball in der Schweiz oder die Kunst der ehrenvollen Niederlage» (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008).

In den letzten Jahren veröffentlichte er drei in Basel spielende Krimis mit Discountdetektiv Melchior Fischer. «Allzumenschliches» ist sein neunter Roman. Bortlik war 1993 von Aarau nach Basel gezogen, wo er unter anderem als Hausmann, Autor, Buchhändler und Fussballtrainer tätig war. Heute lebt er in Riehen.

Wolfgang Bortlik: Allzumenschliches. Gmeiner, Messkirch 2020. 249 S., ca. 22 Fr.