Die innovativste Stadt der Welt

Medellín entwickelt sich vom Gewalt-Moloch zum kolumbianischen Silicon Valley. Wie schafft die Metropole das?

Sie symbolisiert den Wandel Medellíns: Die Rolltreppe für die Bewohner des Armenviertels Comuna 13. Foto: Fredy Builes (Reuters)

Sie symbolisiert den Wandel Medellíns: Die Rolltreppe für die Bewohner des Armenviertels Comuna 13. Foto: Fredy Builes (Reuters)

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Das Erste, was sich Medellíns Bürgermeister Aníbal Gaviria morgens in seinem Büro anschaut, ist die Mordstatistik des Vortages. Seit er am 1. Januar 2012 sein Amt antrat, habe sich an 70 Tagen in keinem der 16 Stadtbezirke ein Tötungsdelikt ereignet. Das verschaffe ihm jeweils einen Moment der Zufriedenheit. Medellíns internationales Image war jahrzehntelang von Gewalt geprägt, und um diesen Ruf endgültig abzustreifen, ist die Überwachung der Mordsta­tistik entscheidend. 920 Morde waren es vergangenes Jahr, 38 pro 100 000 Einwohner. Damit nahm Medellín auf der Liste der weltweit gewalttätigsten Städte den 35. Rang ein. «Das ist ungenügend, eindeutig ungenügend», sagt der jugendlich wirkende, Jeans tragende Gaviria (48), und schiebt sogleich nach: «Aber es ist der tiefste Wert, den wir jemals hatten.»

Es sind zwei Orte, die symbolisch für das alte und das neue Medellín stehen. Zum einen das Grab des 1993 von einer Sondereinheit erschossenen Drogenbarons Pablo Escobar im Friedhof Jardines Montesacro: eine schwarze, von Hortensien gesäumte Gedenkplatte, daneben die Gräber von Escobars Bruder, seiner Mutter, eines Cousins. Noch immer ist Escobars letzte Ruhestätte ein Wallfahrtsort für Touristen mit Hang zu Mafia­romantik, für Bewunderer ohne Bewusstsein für die vom Capo begangenen Verbrechen, für Angehörige der Unterschicht, denen er damals einen Sportplatz oder ein Haus schenkte.

An diesem Samstagmorgen im Mai liegt das Grab lang verlassen, ehe zwei argentinische Touristen erscheinen, um sich vom Friedhofswärter vor der historischen Stätte fotografieren zu lassen. Später legt ein Mann um die fünfzig eine Rose nieder, steht schweigend und mit gesenktem Kopf da, entfernt sich.

Der Ort, der Medellíns Kampf um eine bessere Gegenwart und Zukunft symbolisiert, ist eine Wand im Erdgeschoss des Bürgermeisteramts, von den Angestellten Wall of Fame genannt. An ihr hängen die Auszeichnungen, welche Medellín in den letzten Jahren erhalten hat: die kolumbianische Stadt mit dem besten Geschäftsklima, verliehen von der Wirtschaftszeitung América Economía. Preis für die Bekämpfung der Armut, verliehen von der UNO. Auszeichnung der Ratingagentur Fitch für den verantwortungsvollen und transparenten Einsatz öffentlicher Finanzmittel. Iberoamerikanischer Preis für digitale Städte. Und der 2013 vom «Wall Street Journal» und der Citibank verliehene Preis für die innovativste Stadt der Welt.

Einst die blutigste Metropole

Zwei Jahre vor Escobars Tod betrug Medellíns Mordrate 380 Fälle auf hunderttausend Einwohner. Wohl noch nie war eine Stadt, die sich offiziell nicht im Krieg befand, derart gefährlich. Im honduranischen San Pedro Sula, gegenwärtig die blutigste Metropole der Welt, liegt die Mordrate bei 187.

Als sich zu Zeiten Escobars das Medellín- und das Cali-Kartell bekämpften, als der Kokainbaron ein Kopfgeld von 4000 Dollar für jeden getöteten Polizisten aussetzte, als die «Gruppe der von Escobar Verfolgten» nicht nur die Gefährten des Capo ermordete, sondern auch seine Angehörigen und Anwälte, brachten die Bewohner von Medellíns Elendsvierteln an Strassen und vor Brachflächen Plakate an: «Leichen abladen verboten.»

Doch selbst der Untergang des Medellín-Kartells brachte der Stadt keine Erlösung. In den Elendsvierteln rangen Paramilitärs und linke Guerilleros um die Vorherrschaft, während sich die einstigen Killergruppen des Medellín- und Cali-Kartells in Nachfolgekämpfe verstrickten. 2002 wählte das Volk den aus Medellín stammenden Anwalt und Grossgrundbesitzer Álvaro Uribe zum Präsidenten. Eine seiner ersten Amtshandlungen bestand darin, die Operation Orion zu lancieren: den militärischen Angriff auf Medellíns Hochburgen des Verbrechens und der politischen Agitation, insbesondere auf jene der Guerilla. Über die damals vom Militär begangenen Übergriffe, über die Zahl der Toten, Verschwundenen, Hingerichteten streitet man sich bis heute. Militärisch war die zweitägige Operation erfolgreich, sank Medellíns Mordrate binnen eines Jahres doch um fast 50 Prozent.

Stadt des ewigen Frühlings

Medellín, 1675 von den Spaniern gegründet, liegt auf 1538 Metern im Aburrá-Tal in den mittleren Anden. Seines ganzjährig milden Klimas wegen nennt man es auch Stadt des ewigen Frühlings, es ist bekannt für seine Orchideen, für seine Textil-, Möbel-, Tabak- und Maschinenindustrie. Schön im touristischen Sinn ist die mit drei Millionen Einwohnern zweitgrösste Stadt Kolumbiens nicht. Medellín ist zugleich moderne Finanzmetropole und ruheloser Volksbasar. Wenn die Polizei in den engen Strassen und auf den Plätzen des Zentrums aufmarschiert, um Früchteverkäufer, Trödelhändler, Maiskolbenbrater und Verramscher von Raubkopien zu vertreiben, dauert es keine halbe Stunde, ehe die Phalanx der Überlebensakrobaten ihre Territorien zurückerobert. «Seit Jahrzehnten beschlagnahmt die Polizei unsere Ware, und wir sind immer noch da», sagt ein Händler.

Medellíns weisse Oberschicht diniert, debattiert, trinkt und tanzt in den Lokalen des Stadtteils Parque Lleras. Einige Strassenzüge weiter erheben sich die Bürotürme von Banken und internationalen Unternehmen. Medellíns Bewohner, Paisa genannt, gelten als besonders gastfreundlich und besonders geschäftstüchtig, ihre oft dem Singsang verfallende Sprechweise ist unverkennbar, und wer jemals ihre Freundlichkeit erlebt hat, fragt sich, wie ausgerechnet diese Stadt zur gewalttätigsten des Planeten werden konnte. Auf den Hügelzügen im Norden und Osten liegen Elendsviertel aus rötlichem Backstein. Nachts wirkt ihre Beleuchtung wie ein flackernder, hoch über der Stadt liegender Kranz.

Wie ist Medellín binnen eines Jahrzehnts von der gewalttätigsten zur innovativsten Metropole der Welt geworden? Ihren Aufstieg verdankt sie einer Mischung aus linksgrünen Sozialutopien und kapitalistischer Geschäftstüchtigkeit, aus konzeptionellem Wagemut und planerischer Seriosität.

2004 wurde der grüne Mathematiker Sergio Fajardo zu Medellíns Bürgermeister gewählt. Sein Motto lautete: «Den Ärmsten nur das Beste.» Sein Ziel bestand darin, die Bewohner der Elendsquartiere näher an das Zentrum und die Geschäftsviertel zu holen, indem er deren Wege verkürzte. Unter Fajardo und seinem Nachfolger wurden neue Verkehrsmittel geschaffen und mit den bestehenden zu einem System aus Metro, Bussen und Seilbahnen vereinigt. Brauchte man früher von der Siedlung Santo Domingo ins Zentrum zwei Stunden, sind es heute dank Seilbahn 20 Minuten. Das auch international beachtete Aushängeschild des Verkehrskonzepts ist eine Rolltreppe, das die Bewohner des Armenviertels Comuna 13 auf 160 Meter Länge steil den Hügel hinaufträgt.

Zudem liess Fajardo in den Elendsvierteln nicht nur Schulen und Kindergärten, sondern auch Bibliotheken und Kulturzentren errichten. Medellíns heutiger Bürgermeister Gaviria sagt: «Was als naiver Wunschtraum erschien, hat sich bewahrheitet: Es ist möglich, Kriminalität und Gewalt durch Kultur zu besiegen. Oder zumindest zurückzudrängen.»

Der Staat ist präsent

In Lateinamerika haben Sozialprogramme und sonstige Projekte zugunsten der Armen oft den Beigeschmack des Gutgemeinten. Nach kurzer Zeit scheitern sie an Ineffizienz, Vernachlässigung, Gleichgültigkeit. In Medellín ist es anders: Die Metro ist sauberer als in jeder europäischen Grossstadt, nicht ein einziger Wagen ist verschmiert oder beschädigt. Der Kindergarten Buen Comienzo (guter Anfang), ausschliesslich besucht von Kindern armer Familien des Quartiers Ciudadela Nuevo Occidente , ist hell, geräumig, gut eingerichtet und professionell betreut. Die öffentliche Bibliothek Tomás Carrasquila bietet Lese- und Computersäle, Nachschlagewerke, Literatur. Laut der Verwaltung der insgesamt mehr als dreissig städtischen Bibliotheken beträgt der Anteil nicht oder beschädigt zurückgegebener Bücher weniger als drei Prozent.

In den Stationen der Seilbahn San Javier, die auf einer Länge von drei Kilometern über Wellblech, verwinkelte Gassen, schmale Steige und Hinterhöfe führt, über die hermetischen, abweisenden Zonen der Armut, helfen Uniformierte den Passagieren in die Gondeln. Ein Angestellter der Rolltreppe in der Comuna 13 sagt, selbst die Mitglieder der Drogengangs würden die Installation respektieren. «Auch Verbrecher haben Mütter. Und früher musste sich die Mutter eines Killers 350 Stiegen hochschleppen.» Für Gaviria besteht der Kern von Medellíns Erfolg darin, dass der Staat heute präsent ist, wo er jahrzehntelang fehlte. Und dass sich seine Funktionäre bemühen, nicht herablassend zu wirken.

55 Prozent seines Budgets wendet Medellín für Erziehung und Gesundheit auf. Mehr als 80 Prozent werden investiert, während der Aufwand für Administration und Beamtenlöhne mit 12 Prozent vergleichsweise gering ist. Das finanzielle Rückgrat der Stadt bildet das öffentliche, aber nach marktwirtschaftlichen Kriterien geführte Firmenkonglomerat «Empresas Públicas de Medellín» (EPM). Die 55 zu EPM gehörenden Unternehmen produzieren Energie, verteilen Gas und Wasser, sind in den Sparten Telefonie, Internet und Fernsehen tätig, zunehmend auch international. Rund 30 Prozent des Gewinns fliessen in die Stadtkasse, vergangenes Jahr waren es 600 Millionen Dollar. EPM ist eines der wenigen parastaatlichen Unternehmen Lateinamerikas, die nie in einen grossen Korruptionsskandal verwickelt waren.

Die Stadt im Aburrá-Hochtal hat sich zudem zu einem Magneten für innovative Technologien entwickelt, zu einem kolumbianischen Silicon Valley. Ihr durchschnittliches Wirtschaftswachstum betrug während des vergangenen Jahrzehnts 10 Prozent.

Und doch bleiben Schatten

Und doch liegen weiterhin Schatten über der Stadt. Niemand weiss, ob und wann zwischen den Verbrecherbanden in den Armenvierteln wieder Krieg ausbricht. Vermögen und Einkommen sind ungerecht verteilt, der Anteil der Armen schwindet zwar, liegt aber noch immer bei 20 Prozent. Selbst Bürgermeister Gaviria räumt ein, dass die massiven Investitionen in die Bildung bisher nicht den erwünschten Erfolg brachten. In nationalen Tests und bei Pisa-Studien schneiden Medellíns Schüler schlecht ab, was Gaviria zufolge daran liegt, dass sich Investitionen in Schulen und Universitäten nur längerfristig auswirken. «Aber wenn es in einigen Jahren nicht bessert, haben wir etwas falsch gemacht.» Und doch hat Medellín endlich einmal eine lateinamerikanische Erfolgsgeschichte nicht nur angefangen, sondern auch fortgeschrieben.

Erstellt: 12.06.2014, 06:27 Uhr

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