Die Ästhetik des Alltags

Schweizer Design ist weltberühmt für seine formvollendete Verknüpfung von Nützlichkeit und Schönheit: Eine grosse Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung zeigt nun über 800 Objekte aus den letzten 100 Jahren.

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Nehmen wir zum Beispiel den Sparschäler Rex. Ein paar Gramm Aluminium sind das nur, so geformt, dass sie möglichst gut in der Hand liegen, während man einer Gurke ratzfatz die minimal nötige Hautdicke abschält. Oder ihr je nach Gusto ein adrettes Streifenmuster verpasst. Wenn Wirtschaftlichkeit, Funktionalität und Ästhetik dergestalt aufeinandertreffen, dann ists Design in Bestform – und völlig legitim, selbst Küchenhilfen royale Namen zu verpassen, wie eben 1936 geschehen bei der Zena AG in Affoltern am Albis.

Dies lehrt uns zweierlei: Erstens, dass so etwas wie gestalterische Zeitlosigkeit tatsächlich existiert. Denn Rex könnte, wenn man ihn sich so ansieht, genauso gut in den Sechzigern entstanden sein. Oder in den Achtzigern. Und zweitens, dass das hiesige Design schon zu seiner typisch zupackenden Unaufgeregtheit gefunden hatte, lange bevor das englische Wort in den Alltagssprech einging.

Wohin mit den Geranien?

Weitere Beispiele gefällig? Bitte schön: Denken Sie nur an Willy Guhls Blumenkistchen aus Eternit, entstanden in der Aufbruchsstimmung der Fünfzigerjahre. Heil dir, Helvetia, dass du deine Geranien in den Wurf eines Hochschuldozenten pflanzen kannst! (Dass Frau Guhl während der Entwicklungsphase kaum durchs heimische Bad kam, weil sich darin die Entwurfsmodelle ihres Gatten meterhoch stapelten, ist der Preis, den man für einen Klassiker gern zu zahlen bereit ist.) Oder denken Sie an den Kippschalter der Adolf Feller AG: Den hat jeder schon einmal betätigt. Und wer will noch über die Nachteile von vergilbendem Kunststoff streiten, wenn Max Bill höchstselbst einst konstatierte, dies sei «vielleicht die endgültige Form eines Lichtschalters überhaupt»?

Kein Wunder also, hat Bills Liebling es jetzt gar aufs Cover der fast 400 Seiten starken Publikation «100 Jahre Schweizer Design» geschafft, die das Zürcher Museum für Gestaltung weniger als Begleitung denn als Erweiterung der gleichnamigen Ausstellung herausgegeben hat, die noch bis Februar 2015 am spektakulären neuen Standort auf dem Toni-Areal zu sehen ist. Und so sehr sich ein Besuch der Schau auch lohnt – neben 800 Objekten bietet sie Film-, Foto- und Textmaterial zuhauf –, so zwingend ist (nicht nur) für Design-Aficionados die Investition in dieses Buch. Der Katalog kostet nicht viel mehr als vier Eintrittskarten, er wird garantiert immer wieder konsultieren werden: sei es als Nachschlagewerk, sei es als Bildband, sei es als Inspiration für Einrichtungs- und Umbauwütige.

Die Liebe zum Modulmöbel

Nach Jahrzehnten gegliedert und jeweils von einer Übersicht über die zeitgeistigsten Schlüsselobjekte eingeleitet, sind die Kapitel gespickt mit mal fundierteren, mal beschwingteren Texten – etwa zu des Schweizers Liebe für Modulmöbel oder zu der Frage, was eigentlich einen guten Designer ausmache. (Es antwortet, kurz und klar, Gastautor Daniel Freitag: holistisches Denken – und Mut zum Dreck.) So spannt sich, während man vor- und zurückblättert, der Bogen von den freitagschen LKW-Planen zum Werkstoff Aluminium; von Jean Tinguelys Nachkriegs-Schaufensterentwürfen zum En-Soie-Foulard auf Amy Winehouses Kopf; vom Kult-Güseleimer Patent Ochsner zur Pop-Swatch mit Specktranchenoptik.

Und von der Gründung des Schweizerischen Werkbunds SWB (auf dessen 100. Geburtstag Schau und Publikation terminiert wurden) zu den zahllosen Versuchen, sein bierernstes, jahrzehntelanges Ästhetikdiktat mit witzigen Protestaktionen aufzubrechen. Susi und Ueli Berger versuchten es mit dem Mundwinkelheber «Keep Smiling 74» – den man, dank der abgedruckten Anleitung, gleich selber basteln kann –, Stefan Zwicky mit «Grand confort sans confort, dommage à Corbu», dieser Persiflage auf den (nach wie vor in jedem Wartezimmer stehenden) Ledersessel von Design-Übervater Le Corbusier. Zwickys Scherzversion aus Beton ist heute selbst ein Klassiker – genauso wie das Gesamtwerk von Trix und Robert Haussmann, das nichts anderes war als die visuell, sagen wir: herausfordernde Retourkutsche auf die verkopfte Moderne.

Zwischen Norden und Süden

All dies und noch viel mehr findet sich in «100 Jahre Schweizer Design» und ist doch nicht der Grund, warum das Buch ein – selbstredend tadellos gestaltetes – Standardwerk geworden ist. Sondern weil es in seiner Gesamtheit aufzeigt, dass das Schweizer Design von der humorlosen Coolness des Nordens ebenso weit weg ist wie von der überbetonten Fröhlichkeit des Südens. Und vor allem weil es sich nicht scheut, das Typische der Schweizer Formsprache zwischen Bodenständigkeit, Bünzlitum und dem Drang nach Unabhängigkeit zu verorten. Kurz: Weil es den Rex in jedem von uns weckt.

Christian Brändle, Renate Menzi, Arthur Rüegg, Museum für Gestaltung (Hg.): 100 Jahre Schweizer Design. Lars Müller Publishers, Zürich 2014. Deutsch oder Englisch. 352 S., 50 Fr. im Museumsshop.

Die Ausstellung im Schaudepot des Zürcher Museums für Gestaltung (Toni-Areal) dauert bis 8. Februar 2015. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2014, 08:01 Uhr

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