Die Wasserballerin

Das Geheimnis dieses Sports liegt unter der Wasserlinie. Danach zu tauchen, wäre aber falsch.

Kopf hoch! Wasserball zieht einen ziemlich runter. (Video: Reto Oeschger und Lea Blum)

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Das Wasser bis zum HalsTeil 1

Ein Glück, habe ich mir vorher keine Youtube-Videos angeschaut. Hätte ich die Muskelpakete gesehen, die da aus dem Wasser spicken, mir hätte geschwant, dass solche Körper extreme Anstrengungen voraussetzen.

Dass Wasserball hilft, fitter zu werden, hatte ich mir schon gedacht. Zudem bewege ich mich gern im Wasser, vor allem im Sommer und draussen. Diszipliniert im Hallenbad in einer Bahn hin und her zu schwimmen, ist meine Sache jedoch nicht. Einem Ball hinterherzuhechten hingegen schon, das kenne ich vom Fussball: Der Ball will erobert werden, darum rennt man, solange die Puste es zulässt – und gibt alles.

So stelle ich mir das auch beim Wasserball vor: Ich will versuchen, mit diesem Mannschaftssport meine eigene Trägheit auszutricksen. Gleichzeitig habe ich durchaus Respekt vor den Anstrengungen des Spiels im Wasser. Mir ist klar, dass das Wasser so tief sein wird, dass ich nicht abstehen kann. Dass ich mich nicht auf dem Ball ausruhen darf, erfahre ich erst später. Denn die Regeln des Wasserballs verbieten es, faul herumzuhängen. Auch am Beckenrand und am Tor darf man sich nie und nimmer festhalten.

Freude über jeden Fan

Als ich zum ersten Mal zum Training des Studenten Wasserball Zürich (SWZ) in der Schulschwimmhalle erscheine, begrüsst mich mein Coach Holger Hendrichs mit ungespielter Freude. Die Wasserballer wissen um ihr Randsport-Dasein und freuen sich über jede, die ihre Sportart einmal ausprobieren will.

Die Aufwärmübungen kann ich gerade noch bewältigen, ohne schlapp zu machen: ins Wasser hüpfen, Längen kraulen, Brustschwimmen, rückwärts. Sogar Delfin wird hier praktiziert. Wie man auf diese Weise vorwärtskommt, ohne abzusaufen, war mir schon immer ein Rätsel. Als ich frage, ob mir einer zeigen kann, wie Delfin geht, lacht mir einer der Spieler zu: «Wir wissen das auch nicht so richtig, aber wir machen hier einfach alles.»

Dann gilt es, den Ball vor mir herzutreiben, während ich auch selber vorwärtskommen soll. Holger erklärt, dass ich den Ball wie mit einer Welle vor mir herstosse, ohne ihn unbedingt zu berühren. Das will noch geübt werden.

Spannend wird es, als wir anfangen, uns den Ball zuzuwerfen. Wie soll ich den Kopf über Wasser halten und gleichzeitig meinen rechten Arm in der Höhe? Als ich dann auch noch den Ball von einer Hand in die andere werfen soll, stehe ich endgültig vor der Wahl: absaufen oder kapitulieren?

Doch alles ist eine Frage des geübten Beinschlags: Wenn ich meine Beine bewege wie beim Brustschwimmen, aber eines nach dem anderen, kann ich sozusagen im Wasser stehen. Holger macht es vor. Für die gefühlte Dauer von 1,5 Sekunden klappt es dann mit dem Handwechsel. Als Nächstes werfen wir uns den Ball zu. Den soll ich mit einer Hand auffangen. Bei allen ausser dem Goalie wird nämlich abgepfiffen, wenn sie zwei Hände am Ball haben. Uff! Da bin ich jetzt aber mit meinen kleinen Frauenhänden entschieden im Nachteil. Weil der Ball nass ist und dadurch griffiger, klappt es mit dem einhändigen Fangen dann schliesslich doch noch.

Den Ball hochspicken

Bis wir dann die Würfe üben, die laut Holger beim Torschuss am meisten ­Erfolg versprechen. Die Wurfhand bleibt in der Höhe – wobei der intensive Beinschlag helfen soll, den Kopf über Wasser zu halten –, dann täuscht der Wurfarm ein paar Mal eine Wurfbewegung an, um den Torwart zu irritieren. Der wirkliche Torschuss erfolgt dann so, dass der Ball in einer Art V-Form auf dem Wasser aufklatscht und wieder in die Höhe spickt. Mit dieser Technik bin ich endgültig überfordert. Aber es ist schliesslich mein allererstes Training.

Während der letzten halben Stunde gibt es beim Training des SWZ dann noch ein richtiges Spiel. Doch die durchtrainierten Wassersportler kraulen so schnell hin und her, dass ich echt nicht mehr mitkomme. Ich bin schon so erschöpft, dass ich gerade noch begreife, dass die eine Mannschaft blaue Kappen trägt und die gegnerische weisse.

Einfach auf das Spiel wartenTeil 2

Bei meinem ersten Einsatz als Wasserballerin war ich nach einer Stunde technischem Training total erschöpft. Das anschliessende Spiel habe ich vom Beckenrand aus verfolgt. Nicht begriffen habe ich, warum der Schiedsrichter in den 4-mal 8  Minuten so oft abpfeift. Fouls unter der Wasseroberfläche? Da bekam ich offenbar vieles nicht mit. Heute hat mir Coach Holger Hend­richs die Regeln erklärt: Eine Mannschaft bekommt den Ball und hat dann 30 Sekunden Zeit, ein Tor zu schiessen. Gelingt das nicht, pfeift der Schiedsrichter ab, der Ball geht an die anderen. Das Spiel ist also sehr konterintensiv. Sobald der Ball die Mannschaft wechselt, spritzt es im ganzen Becken, und alle hechten zum Tor am anderen Ende.

Wenn es sich um unseres handelt, werde ich blitzschnell von der Angreiferin zur Verteidigerin. Dazu muss man ­sagen, dass unsere Hobbymannschaft heute mit vier Leuten pro Mannschaft spielt anstatt mit sieben. Ich soll die Angreiferin vorne rechts decken. Damit sie nicht unbemerkt von mir wegschwimmt, darf ich sie festhalten. Daran muss ich mich erst gewöhnen. Man hat ja gewisse soziale Hemmungen. Wenn ich vor dem gegnerischen Tor auf einen Pass warte und mich die Verteidigerin anfasst, irritiert mich das. Alle Spieler sagen mir, Wasserball sei ähnlich körperlich wie Rugby. Nur dass man nicht so ineinanderknalle, weil das Wasser die Bewegungen ausbremse.

Mit dem Kopf dabei sein

Das Hin-und-Her-Hechten im Wasser­widerstand powert mich aus. Zum Glück darf ich relativ oft zur Erholung an den Beckenrand. Wie beim Eishockey gibt es beim Wasserball fliegende Wechsel. Vom Rand aus versuche ich, das Spiel im Auge zu behalten und die Angriffs- und Verteidigungstaktik zu verstehen.

Holger erklärt mir, dass Wasserball ein Spiel sei, bei dem man auch mit dem Kopf dabei sein müsse. Wer die Spieldynamik überschaue und vorwegnehme, könne sich manchen Einsatz und eine Menge Kräfte sparen. Ich spare schon deswegen Kräfte, weil ich es oft gar nicht schaffe, mit den anderen wieder zu unserem Tor zurückzuschwimmen, um es zu verteidigen. Ich warte dann einfach, bis das Spiel wieder zu mir kommt.

Teamkollegen und Gegner schnellen derweil in filmreifen Posen aus dem Wasser. Aus der Höhe werfen sie den Ball so in Torrichtung, dass er auf der Wasseroberfläche abprallt und die Flugbahn eine V-Form annimmt. Gegen diese Bälle sind die Torwarte meistens machtlos. Mein Coach meint es aber einfach gut mit mir. So oft er kann, wirft er den Ball in Richtung meiner Linksaussenposition vor dem gegnerischen Tor. Und schliesslich schaffe ich es dann tatsächlich: Mein Ball landet im Netz. Tor! Mein allererstes Wasserballtor!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2016, 11:31 Uhr

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