Ein bewegtes Liebespaar

Emma und Georg Herwegh, beide vor 200 Jahren geboren, liebten sich in kriegerischen Zeiten – und lebten etliche Jahre in Zürich.

Radikale Freiheitskämpfer: Emma und Georg Herwegh. Bilder: Friederike Miethe / Conrad Hitz (Stadt- und Dichtermuseum Liestal)

Radikale Freiheitskämpfer: Emma und Georg Herwegh. Bilder: Friederike Miethe / Conrad Hitz (Stadt- und Dichtermuseum Liestal)

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Ihr Leben liest sich wie ein Roman. Der schöne Dichterstar und die reiche Bürgerstochter, eine Romanze, eine Revolution, Affären, eine Schlacht, ein Gefängnisausbruch – alle Zutaten für einen Bestseller sind vorhanden. Die Haupt­figuren: Emma und Georg Herwegh, geboren vor 200 Jahren (Emma am 10., Georg am 31. Mai 1817). Das radikal­demokratisch gesinnte Paar kämpfte für Freiheit und Gleichheit in einer reaktionären Zeit, in der Rechte und Institutionen, die uns heute selbstverständlich erscheinen, noch in weiter Ferne lagen.

Die Geschichte beginnt in Berlin. Dort gerät einer gebildeten und talentierten, aber mit ihrem Leben unzufriedenen Bürgerstochter ein Buch in die Hände. Es ist in Preussen verboten und wird dennoch überall gelesen: Die «Gedichte eines Lebendigen», die der junge Stuttgarter Dichter Georg Herwegh im Schweizer Exil geschrieben und 1841 im «Literarischen Comptoir Zürich und Winterthur» publiziert hat, werden vor allem von jungen Menschen begeistert aufgesogen. Ihr mitreissender Stil und ihr Freiheitspathos trifft den Geist einer Epoche, in der das aufstrebende Bürgertum sich an überholten Strukturen reibt und nach mehr Rechten verlangt.

Auch Emma Siegmund sehnt sich nach Veränderung – und nach dem «edlen Dichter» jener Verse. Als sie erfährt, dass er auf einer Promotionsreise für seine Zeitschrift, den «Deutschen Boten aus der Schweiz», nach Berlin kommen wird, setzt sie alles daran, ihn zu treffen. Eine Woche später sind sie verlobt.

Unter den Legionären als einzige Frau: Emma Herwegh, in Männerkleidern und mit Pistolen bewaffnet.

Die Verbindung nützt beiden. Emma ist als Tochter eines Seidenwarenhändlers eine reiche Frau. Durch ihren Mann gewinnt sie wiederum politischen Einfluss. Die Brautbriefe bezeugen, wie stark sie voneinander hingerissen waren; und trotz etlicher Krisen, Enttäuschungen und Georgs Affären standen sie bis zum Schluss zusammen.

Zürich verweigert Asyl

Leicht ist ihr Leben nicht. Herwegh sitzt immer wieder zwischen den Stühlen. Eine Audienz beim preussischen König Friedrich Wilhelm IV. bringt ihm als «untertänigem Revolutionär» den Spott der Radikaldemokraten ein. Derselbe König verbietet aber den «Deutschen Boten aus der Schweiz», und als Herwegh mit einem provokativen Brief antwortet, wird er aus Preussen ausgewiesen. In seine Heimat Württemberg kann er nicht zurück, da er 1839 nach einem Streit mit einem Offizier in die Schweiz geflüchtet ist und als Deserteur gilt.

Auch Zürich will ihn nicht. Der Zürcher Polizeirat teilt mit: «Es möchte dem Herrn Herwegh in Berücksichtigung 1) dass er nach seiner eigenen Erklärung als Redakteur des Deutschen Boten politische Tätigkeit ausüben werde, 2) dass dadurch leicht unangenehme Verhältnisse und Verwicklungen mit fremden Staaten herbeigeführt werden könnten, die verlangte Aufenthaltsbewilligung nicht gestattet, sondern demselben insinuiert werden, innert acht Tagen den hiesigen Kanton zu verlassen.»

In ihrem Pariser Salon versammeln sich Karl Marx, Michail Bakunin, Victor Hugo, Franz Liszt und George Sand.

Im liberalen Kanton Baselland hegt man weniger Vorbehalte gegen Republikaner. Die Gemeinde Augst verleiht Herwegh das Bürgerrecht gegen die beträchtliche Gebühr von 600 Franken und einen Feuereimer, weitere 500 Franken fallen für die Kantonsregierung an.

Emma und Georg lassen sich in Paris nieder. In ihrem Salon versammeln sich Karl Marx, Michail Bakunin, Victor Hugo, Franz Liszt, George Sand. 1848 wird der «Bürgerkönig» Louis Philippe gestürzt; die Herweghs sind begeistert. Nicht nur in Frankreich, in ganz Europa gärt es. In Wien und Berlin werden Barrikaden errichtet, im Badischen versammelt Friedrich Hecker 800 Freischärler um sich. Die deutschen Emigranten und Handwerker in Paris gründen die «Deutsche Demokratische Legion», politischer Präsident wird Herwegh.

Mit hehren Idealen im Gepäck, aber nur mit Sensen und rostigen Gewehren ausgerüstet, macht sich die 649 Mann starke Legion auf, um sich Hecker anzuschliessen. Unter ihnen als einzige Frau: Emma Herwegh, in Männerkleidern und mit Pistolen bewaffnet. Mehrmals überquert sie als Kundschafterin die feindlichen Linien. Doch Hecker wird geschlagen, die Legion irrt erschöpft durch den Schwarzwald, bis sie von einer Kompanie württembergischer Infanterie gestellt wird. Das Ehepaar Herwegh kann bei einem Bauern unterschlüpfen und später in Bauernkleidern über die Brücke nach Rheinfelden flüchten. Jetzt, da beide steckbrieflich gesuchte Hochverräter sind, wird das Baselbieter Bürgerrecht zum lebenswichtigen Schutz.

«Mann der Arbeit, aufgewacht!»

Herwegh gerät in eine Lebenskrise. Seine politischen Feinde bringen bösartige Gerüchte über seine Feigheit in der Schlacht auf, die sich zum Teil bis heute halten. Sein Ruf ist zerstört, sein Schwiegervater streicht die jährliche Geldzuwendung auf ein Minimum zusammen. Ausserdem beginnt Herwegh eine Affäre mit Natalie Herzen, der Frau seines Freundes Alexander Herzen, die im Skandal endet und zur zeitweiligen Trennung von Emma führt.

Ab 1853 lebt das Ehepaar wieder gemeinsam in Zürich und versammelt trotz schrumpfender Mittel erneut einen illustren Kreis um sich, zu dem Gottfried Semper, Richard Wagner und Gottfried Keller gehören. Von hier aus schickt Emma 1854 dem italienischen Revolutionär Felice Orsini in Buchdeckeln versteckte Feilen ins Gefängnis, mit denen er die Gitterstäbe seiner Zelle durchsägt. Hier schreibt Georg auf Anfrage des deutschen Arbeiterführers Ferdinand Lassalle das «Bundeslied», aus dem seine wohl berühmtesten Verse stammen: «Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! / Alle Räder stehen still, / Wenn dein starker Arm es will.»

Die letzten Jahre des Dichters sind geprägt von Armut. Georg Herwegh stirbt 1875 völlig mittellos in Baden-Baden (eine Amnestie hatte ihm die Rückkehr nach Deutschland ermöglicht), Emma Herwegh lebt noch bis 1904 in Paris und pflegt das Andenken an ihren Mann. Begraben sind beide «in freier republikanischer Erde» auf dem Friedhof von Liestal (BL). Ihr Nachlass wird im Dichter- und Stadtmuseum Liestal gezeigt und im Jubiläumsjahr neu präsentiert: Gemälde und Fotografien, Eheringe und Haarlocken, Manuskripte und Tagebücher sind da zu sehen – und natürlich Emmas Pistolen.

www.dichtermuseum.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2017, 18:32 Uhr

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