Der Quantensprung des Comics

Das Luzerner Comic-Festival Fumetto zeigt zum 25-Jahr-Jubiläum die enorme Entwicklung der neunten Kunst.

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Tristesse herrschte an diesem Abend im August 1993: Robi Müller, Gründungs­figur und Direktor des Comixfestivals Fumetto, versackte mit seinem Mitstreiter Urs Hangartner in einer Luzerner Hotelbar; keiner sonst war zum Planungstreffen gekommen. Plötzlich rief die Barkeeperin: «Die Kapellbrücke brennt!» Das Duo zog zur Brücke, die dem jungen Festival einen unerwarteten Boost verschaffen sollte. 1992 hatte man voller Elan einen Comicwettbewerb ausgerichtet und die eingesandten Blätter im legendären Jugendkulturhaus Wärchhof ausgestellt: ein Erfolg. Man dachte weiter, dachte grösser. Aber ironischerweise bescherte diese Katastrophennacht vom Sommer 1993 Fumetto die nötige Aufmerksamkeit: Schweizerische und bekannte ausländische Comiczeichner schufen, unter der Überschrift «Fumetto», für die beschädigten Brückengiebel dreieckige Bildtafeln, die dort rund drei Monate hingen und einen steten Besucherstrom generierten.

Die Altstars

Einer dieser Kapellkünstler war Max. Er, der seinen Künstlernamen als Hommage an den Surrealisten Max Ernst gewählt hat, ist der King des spanischen Comics und besuchte das Fumetto 2005 als Stargast aufs Neue. Eine umfassende Retrospektive seines Werks, das in den Siebzigern mit subversiven, antifrankistischen, als «obszön» verpönten Arbeiten von sich reden machte, reiste jüngst von Spanien bis Mexiko. Am Fumetto 2016 zeigt der 1956 in Barcelona geborene Künstler Blätter aus den letzten 15 Jahren. Sie führen exemplarisch vor, wie sich der von Robert Crumb inspirierte Underground-Wilde mit der Zeit – die ästhetische Neuorientierung setzte 1984 ein, im Geburtsjahr von Max’ Tochter – zum experimentellen Erzähler, zum narrativen Abstrakten, entwickelte: ein ­Paradebeispiel für ein ganzes Kapitel europäische Comicgeschichte.

Ein Glanzstück für den neuen Stil des alten Comic-Kämpen sind die Strips mit Bardín, dem «Superrealisten». Der kleine Mann mit dem Kugelkopf eines Kindes und den Falten eines Greises, der 1999 seinen ersten Auftritt bei Max hatte, zieht durch bunte Panel-Landschaften à la Dalí und stellt Fragen über Leben, Tod, Wirklichkeit. Welcher Gott der wahre ist, womöglich gar eine dreiäugige Mickymaus, wird Bardín freilich nie erfahren. Das seltsame Geschöpf taumelt durch einen quasiphilosophischen, halbtheologischen Irrsinn. Es ist, kontrapunktisch, in zugänglicher Ligne claire gezeichnet und in kurze, rechteckig formatierte Storys gepackt.

Auch Max’ neuer Held Nicodemus im schwarzweissen Band «Vapor» (2012) sucht das Eigentliche hinter dem Oberflächlichen und verkriecht sich in die Wüste. «Ich habe die Schnauze voll von der Welt und den Menschen, den Ideen und Dingen, den Wörtern und Bildern», kreischt der langnasige, dürre Eremit. Aber das Getue kauft ihm keiner ab, nicht mal sein Schatten. Denn so leicht lässt der Künstler, der auf Mallorca lebt und mit seinem angegrauten Rauschebart seinerseits wie ein Aussteiger anmutet, sich selbst nicht davonkommen: Im Minimalen sucht er die Essenz und lacht sich gleichzeitig dafür aus. Die ­Ästhetik ist um einige Grade kühler als in den Siebzigern; doch die Fragen brennen mindestens ebenso heiss.

Die Alternativen

«Heute muss man nicht mehr von ‹Underground› sprechen», sagt Festivalleiterin Jana Jakoubek. «Was in Luzern ausgestellt wird, ist keine ‹Gegenkultur›. Vielleicht gibt es die so gar nicht mehr. Aber es ist auch kein Mainstream. Am besten passt wohl der Begriff ‹Alternative Comic›.» Der Themenhorizont der Künstler wurde breiter. Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll, «épater le bourgeois»: Das alles gehört zur Folklore des Comicaufbruchs, des Erwachsenwerdens der neunten Kunst in den Siebzigern. «Eine Weile wars chic, US-Epigone zu sein», sagt die gebürtige Tschechin, die bei der Geburt des Festivals elf Jahre alt war. «Man war fasziniert vom Mut, alles herauszukotzen; Stil war weniger wichtig.» Aber allmählich verschob sich der Verkauf der Comics von den Headshops zu den Buchläden; es entstanden Independent- Verlage, die den Zeichnern drucktechnisch und vertriebsmässig einen Quantensprung ermöglichten. Der Comic wurde intellektuell, kunstaffin.

Autobiografie, Reportage, Graphic Novel, philosophisch grundierte Experimentalstrips, illustrative Splash-Page-Sammlungen: Heute gibt es nichts, was es nicht gibt. Das Fumetto fühlt dieser Kunst den Puls, ist offen fürs Grenzüberschreitende, auch räumlich.

Die Frauen

Zur 25. Ausgabe des Festivals sind die Granden von einst wieder mit von der Partie: eben Max und der Italiener Lorenzo Mattotti – der erste offizielle Stargast des Festivals –, die beide 1994 die Brücke verschönten. Oder der Brite Tom Gauld, der 2008 als Artist-in-Residence seine minimalistischen Maschinenmenschen vorstellte. Der grosse amerikanische Reportage-Pionier Joe Sacco wiederum taucht in Luzern in seine frühe Ära als Rockband-Chronist und zeichnendes Groupie ab. Auch die abgedrehten Underground-Helden des Niederländers Joost Swaarte aus den Siebzigerjahren dürfen ans Fumetto 2016 – ihr Schöpfer als diesjähriger Artist-in-Residence dazu.

Und ja, es ist nicht zu übersehen: Die Geschichte des alternativen Comics wurde von Männern geschrieben. Als ­Jakoubek ihr Amt 2012 antrat, hatte es nur einmal einen weiblichen Stargast gegeben: Anke Feuchtenberger, die schon 1994 auf der Brücke dabei gewesen war. «Erst seit einigen Jahren ist die neunte Kunst weiblicher. Inzwischen halten sich beim Wettbewerb die Geschlechter die Waage.» Da hätten Vorbilder, Lehrende wie die Deutsche Feuchtenberger, die Österreicherin Ulli Lust oder die Belgierin Dominique Goblet (alle in den Sechzigern geboren) geholfen, vermutet Jakoubek – und auch die Abkehr vom Kruden sowie die Öffnung des Comics fürs Biografische und Experimentelle.

Bei den elf Hauptausstellungen allerdings sind die Frauen noch nicht angekommen. Eine einzige Einzelausstellung wird von einer Frau bestückt, der Südfranzösin Caroline Sury. Einst für ihr schrilles Schaffen und ihr Underground-Verlagskollektiv «Le Dernier Cri» bekannt, hat auch sie inzwischen eine autobiografische Kehre gemacht. Mit ihren an Art brut und Ethnokunst erinnernden Scherenschnitten und Illustrationen hat sie einen eigenen Weg in die neue Innerlichkeit eingeschlagen.

Die Zahlen

Es gibt mehr Frauen und insgesamt mehr Fans. 1997 lag die Besucherzahl noch bei rund 10 000, seit 2004 hat sie sich bei 50 000 eingependelt; 60 Prozent sind zwischen 15 und 44 Jahre alt. Gestemmt wird das jeweils neuntägige Mammutprogramm – das sich dezidiert von klassischen Verlags- und Verkaufsmessen unterscheidet und eine Kunstplattform bietet – unter anderem mit rund 260 000 Franken aus der öffentlichen Hand; das sind 40 Prozent des Gesamtumsatzes. «Niemand kann reich werden mit Comics», sagt Jakoubek und lacht. Aber sie hat keine Angst vor der Nische: «Dafür glüht, wer am Fumetto mitmacht, vor echter Leidenschaft.»

Fumetto: 16. bis 24. April. Fumetto-Kunstbuch mit 41 Zeichnern aus 25 Jahren. Limitierte Ausgabe. 78 Fr.

Erstellt: 12.04.2016, 17:52 Uhr

Ein Lob für Conradin Wahl

Auf jeder Seite der diesjährigen Talent-­Publikation «Fumetto-Schleuder» – ein Kontrapunkt zum retrospektiven Jubiläumsprogramm – findet sich ein Quartett fein gezeichneter Cartoons: hier ein Mann, der einen anderen auf seinen Schultern trägt; da ein paar tollende Affen; dort das Männerpaar, das sich der Affenschar nähert. Was nichts als zarte Aperçus sein könnten, entwickelt sich in fünf mehrseitigen, nicht jugendfreien Kapiteln zu bitterbösen Anekdoten über Herrschaft und Unterwerfung. Conradin Wahl, 1988 in Frankfurt a.?M. geboren und seit einigen Jahren in Luzern daheim, reduziert Strich und Szenerie in seinen Arbeiten stets maximal und aufs Wesentliche; hier illustrieren die englischen Sprechblasen dazu den Diskurs der Macht. Der Getragene dirigiert seinen Träger zum Zoo, zu den Huren, zum Besäufnis. Aber sogar, als er endlich komatös herumliegt, lässt ihn sein Leibsklave nicht im Stich. Wahl ist – dieser Kalauer sei erlaubt – eine ganz hervorragende Wahl als diesjähriger «Nachwuchskünstler im Rampenlicht». Er nutzt die Sequenzialität der neunten Kunst, um leichtfüssig auf den Punkt gebrachte Erzählungen von ausgewachsener psychologischer Tiefenschärfe zu schaffen. Eine bestechende Verbindung aus Tradition und Originalität. (ked)


Conradin Wahl: Zwei. Reihe: Fumetto-schleuder. Edition Fumetto. 48 S., 10 Fr.

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