Fürsprecherin der Kleinsten

Soziale Kompetenzen fallen nicht vom Himmel: Die Psychologin Heidi Simoni erforscht, wie kleine Kinder zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft werden.

Zu viele Kinder würden einsam oder nur mit Erwachsenen aufwachsen, sagt Heidi Simoni. Foto: Giorgia Müller

Zu viele Kinder würden einsam oder nur mit Erwachsenen aufwachsen, sagt Heidi Simoni. Foto: Giorgia Müller

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Kinder sind wunderliche Wesen, vor allem im jüngsten Alter: So verletzlich und schutzbedürftig, dann doch wieder zäh und hartnäckig und nicht selten schon sehr schlau. «Kinder überraschen mich immer wieder, sie sind so faszinierend», sagt Heidi Simoni, welche die Frühentwicklung von Kindern seit über 15 Jahren erforscht. «Die Art wie sie sich ausdrücken, wie sie sich ein Bild von der Welt machen, ist jedes Mal ein Abenteuer.» Doch wie wachsen diese Fürsorge und Anerkennung heischenden Wesen in unsere Gesellschaft hinein, wie gelingt die Sozialisation in der heutigen Schweiz?

Heidi Simoni, 57 Jahre alt, studierte Psychologin, ist seit acht Jahren Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind. Sie ist öfter in den Medien präsent, weil sie und ihr Team immer wieder Auskunft geben müssen zur Entwicklung und Erziehung von Kindern – und noch viel zu oft zu Fragen des Kinderschutzes. Ohne Hast setzt sich die gebürtige Baslerin in ihrem erst vor zwei Wochen bezogenen Büro im Zürcher Industriequartier an den runden Tisch, nicht ohne vorher einen Kaffee angeboten zu haben. Ihr Lieblingsbild – der Nachdruck eines Gemäldes von Paul Klee mit dem Titel «Haupt- und Nebenwege» – steht noch am Boden.

Das Institut hat vielfältige Aufgaben: Erforschung der frühkindlichen Entwicklung in einem bestimmten Umfeld, zum Beispiel in Kinderkrippen, Beratung und Ausbildung von Fachpersonen im Vorschulbereich. Ein wichtiger Teil sind auch Gutachten im Auftrag von Kindesschutzbehörden und Gerichten, zum Beispiel in Betreuungsregelungen von getrennten Eltern. Simoni setzt sich in solchen Fällen mit Eltern und Behörden und immer auch mit den Kindern zusammen, um herauszufinden, was denn für das Kind wirklich das Beste ist. «Und oft behaupten beide Eltern vehement, dass nur ihr Weg der einzig Richtige sei.»

Aufpassen, wie es Papi und Mami geht

Manchmal staunt Heidi Simoni, wie unglaublich schnell schon kleine Kinder eine Situation erfassen. Fasziniert erzählt sie von einem fünfjährigen Jungen. Heidi Simoni wurde als Gutachterin in einem Besuchsrechtsstreit beigezogen. Doch schon in der ersten Sitzung stellt der kleine Bub klar, dass er sich nicht noch mit einer weiteren Person herumschlagen könne. Er müsse schon jedes Mal aufpassen, wie der Papi und die Mami dreinschauten, wenn er zwischen ihnen hin und her wechsle. Bald jedoch erkannte der Junge, dass er die Treffen mit ...di Simoni auch nutzen könne, um seine eigenen Ideen einzubringen. («Später», ergänzt Simoni, und ein Hauch Stolz und Freude huscht über ihr Gesicht, «hat der Junge ab und zu seine Mutter daran erinnert, dass es Zeit sei, wieder mal zur Frau Simoni zu gehen.»)

Kinder haben feine Antennen, um die Erwartungen der Eltern aufzunehmen. Und sie möchten diese Erwartungen erfüllen. Kinder brauchen von klein auf weit mehr als nur Nahrung, wenn sie Hunger haben, oder Pflege, wenn sie krank sind. Diese Erkenntnis steht am Anfang des Instituts, das die Kinderärztin Marie Meierhofer im Jahre 1957 mit einer Handvoll engagierter Mitkämpferinnen gründete. Damals hiess es Institut für Psychohygiene im Kindesalter. Marie Meierhofer forschte Ende der 50er-Jahre auch in Zürcher Säuglingsheimen, und sie drehte einen eindrücklichen Film dazu. 30 Kindchen lagen da in ihren Bettchen, in blütenreinen Laken und Auskleidungen, im Akkord geschöppelt, in wenigen Minuten gebadet. Viele stammten aus Gastarbeiterfamilien oder waren Kinder «gefallener» Frauen, also lediger Mütter. Der Film zeigt die Folgen emotionaler und sozialer Vernachlässigung. Er schockierte damals und rüttelt noch heute auf. Eine Fernsehversion unter dem Namen «Im Schatten des Wohlstandes» wurde nach der Erstausstrahlung von den Behörden sogar verboten.

«Oft behaupten beide Eltern, ihr Weg sei der einzig Richtige.»Heidi Simoni

«Klar sind das Extrembeispiele», sagt Heidi Simoni, «aber damals war ein derartiger Umgang mit Säuglingen üblich. Und wer weiss, vielleicht muten wir auch heute unseren Kindern im guten Glauben Dinge zu, die ihnen einfach nicht guttun.» Zum Beispiel der fehlende Austausch mit anderen Kindern, ganz besonders im frühen Alter. Dieser sei wichtig für die Sozialisation der Kinder, sagt Simoni, die in einem ihrer früheren Forschungsprojekte den Erwerb von sozialen Kompetenzen im zweiten Lebensjahr untersuchte. Dass Kinder von Geburt weg soziale Wesen seien, werde heute noch viel zu wenig zur Kenntnis genommen, trotz klarer Befunde auch aus der modernen Hirnforschung.

Heute rücken soziale Kompetenzen erst dann in den Vordergrund, wenn sie zum Beispiel im Kindergarten fehlen — wenn das Kind stört oder gegenüber anderen Kindern unbeholfen oder grob werde. «Wir Fachpersonen aus dem Frühbereich wundern uns darüber», sagt Heidi Simoni. «Soziale Kompetenzen fallen nicht vom Himmel, sondern jedes Kind hat von klein auf auch diesbezüglich eine Entwicklungsgeschichte.» Diese werde zwar wesentlich von aufmerksamen und liebevollen Eltern geprägt, also von dem, was man gemeinhin Erziehung nennt. Aber ebenso auch vom frühen und regelmässigen Kontakt mit anderen Kindern. Diese böten ein unglaubliches Übungsfeld, in dem die Kinder lernen, wie man streitet, wie man hilft. So lernen die Kleinen im Alltag, sich in einem sozialen Umfeld einzubringen und darin Verantwortung zu übernehmen.

Die Schweiz ist wenig kinderfreundlich

Ist das ein Plädoyer für die Betreuung in der Krippe? So eng will es Simoni nicht sehen. Sie selber hatte im Alter von 23 Jahren einen Sohn, den sie mit Unterstützung seiner vier Grosseltern grosszog, bevor sie ihre Forscherkarriere startete. Ob Kinder ihre Kameraden in der Krippe, zu Hause in der Familie oder in der Nachbarschaft treffen, ist unwesentlich. Aber noch zu viele Kinder wachsen heute einsam – oder nur mit Erwachsenen – und zu verinselt auf, vor allem auf dem Lande.

In den neuen, blitzblanken Büros des Instituts in einem Neubau an der grössten Ausfallachse des Zürcher Industriequartiers riecht es nach frischem Beton. Im Gestell in Heidi Simonis Büro fallen ein Korb mit ein paar Handpuppen aus Plüsch auf sowie einige Buntstifte. Draussen rollt der Verkehr, ein Sattelschlepper hupt und tönt wie ein Schiffshorn. Speziell kinderfreundlich scheint dem Besucher der Standort im Schatten des Prime Tower nicht zu sein. «Sie haben den Raum, in dem wir uns mit den Kindern treffen, nicht gesehen», wehrt sich die Schweizer Kleinkindexpertin.

Wäre der neue Standort bezeichnend für Schweizer Kinderwelten, dann wäre das Institut wohl die kindergerechte Insel in einer harschen Umgebung. Denn die Schweiz sticht nicht gerade als kinderfreundliches Land hervor. Beim Mutterschafts- und beim Vaterschaftsurlaub etwa sei die Schweiz im internationalen Vergleich weit zurück, viele Väter und Mütter hätten zu wenig Zeit für das Zusammensein mit ihren Kindern – und zwar nicht nur bei der Geburt und im ersten Lebensjahr, sondern zum Beispiel auch beim Übertritt der Kinder in die Schule. Es sind auch solche Rahmenbedingungen, die Heidi Simoni mit ihrer Arbeit im Marie-Meierhofer-Institut für das Kind verbessern will.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2015, 23:56 Uhr

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