Der König von Bern

Eigentlich war er abgeschrieben, nun ist er der Held: Die märchenhafte Saison von YB-Goalie Marco Wölfli.

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Die Hände gehen in die Höhe, es ist die Pose des Siegers. Mit dem Schlusspfiff legt er sich auf den Rücken, um den triumphalen Moment zu geniessen. Aber kaum ist Marco Wölfli am Boden, rennen sie auf ihn zu, Mitspieler, Zuschauer, «gefühlt hundert Menschen» stapeln sich auf ihn, das ist sein Eindruck und ein Bild, das haften bleibt. Ein anderes ist das, wie er, der Goalie, heroisch gefeiert und auf Schultern über den Platz getragen wird. Auf einem Transparent steht: «Wölfli id Nati».

Es ist ein Samstag der wilden Emotionen, der grenzenlosen Freude, der wunderbaren, bleibenden Impressionen. Es ist der Abend, an dem YB erstmals nach 32 Jahren wieder Schweizer Fussballmeister wird. Und eben: Es ist der grosse Abend von Marco Wölfli. Der im August 36 wird. Und der unter normalen Umständen eigentlich nur Zuschauer gewesen wäre. Aber der 23-jährige David von Ballmoos hat im Januar eine gravierende Schulterverletzung erlitten. Darum steht Wölfli wieder im Tor. Er bleibt mit YB 2018 ungeschlagen. Und gegen ­Luzern gelingt ihm eine Aktion, die alles überstrahlt.


Video: Wölfli hält den Penalty

Dank dieser Parade konnte YB am Samstag den Titel feiern. Video: Tamedia/SRF


Just, als nach 75 Minuten die sogenannte YB-Viertelstunde anbricht, droht die Stimmung im Stade de Suisse zu kippen. 1:1 steht es, und der Gegner ­bekommt einen Elfmeter, den ausgerechnet Stürmer Hoarau verschuldet hat. Erlebt YB, erlebt Bern doch noch keine Meisterparty? Valeriane Gvilia läuft an. Und die rechte Hand von Wölfli schnellt hoch, der Ball fliegt an die Latte – es ist das unmissverständliche Signal des Torhüters an seine Kollegen: Wir packen das. Und packen heisst: siegen, Meister werden. Nach 89 Minuten passiert es tatsächlich, Nsame glückt das 2:1. Auf den Tribünen gibt es kein Halten mehr. Nach Matchende stürmen die Zuschauer zu Tausenden den Rasen.

Die Dramaturgie passt perfekt zum Anlass, sie intensiviert die Emotionen. «Fast kitschig» sei der Stoff eigentlich, sagt Wölfli, «aber es hat so sein müssen».

«Sieht cool aus»

Er hat eine Nacht hinter sich, die «nicht nur für mich, sondern auch für die Jungen lang gewesen ist», sagt er mit heiserer Stimme. Als er nach Hause kommt, ist es hell, aber er ist immer noch aufgewühlt. Er sieht Bilder der Partie, sieht, wie er den Elfmeter pariert, und denkt: «Sieht cool aus.» Und er denkt in diesem Moment auch an seinen Vater, der im Oktober verstorben ist. Zu ihm hat er ein enges Verhältnis gepflegt, der Vater hat bei jeder Gelegenheit im Stadion zugeschaut. «Er hat sicher auch jetzt zugeschaut», sagt Wölfli, «und er hat mir in dieser Situation geholfen.»


Video: Wölfli hält den Penalty

Dank dieser Parade konnte YB am Samstag den Titel feiern. Video: Tamedia/SRF


Marco Wölfli ist in Grenchen gross ­geworden. 1999 stösst er zu YB, wird 2002 für ein Jahr an Thun abgegeben, kehrt ­danach zurück. Und bleibt. Im ­November 2008 debütiert er als Nationalgoalie und reist 2010 mit an die WM, insgesamt bringt er es auf elf Länderspiele. Wölfli ist keiner, der das Spektakel sucht. «Für die Galerie brauche ich nicht durch die ­Gegend zu hechten», sagt er. Und: «In den Zeitungen herumposaunen, das ist nicht mein Stil.» Laut werden kann er schon, aber nur auf dem Platz. Das Temperament, die Impulsivität, sagt er, habe er von seiner Mutter. Sie ist Sizilianerin.

Wölfli findet sich damit ab, wie schnell sich Kritiker formieren, bemüht sich, das auszublenden, und tut das, ­indem er sich sagt: «Es ist bei einem Goalie oft so: Entweder ist er das Poulet oder der König.»

Für YB lehnte er einst sogar ein Angebot von Schalke ab.

2014 wird er bei YB von Yvon Mvogo verdrängt, er muss sich an eine neue Rolle gewöhnen. «Der Entscheid war hart für ihn», erinnert sich der damalige Sportchef Fredy Bickel, «aber wie er ­darauf ­reagiert hat, zeugt von grosser Klasse.» Wölfli steckt die Degradierung weg, ­erweist sich als Teamplayer und verlängert den Vertrag. Obwohl er weiss, dass die Jugend den Vorzug erhält. ­Obwohl es – auch aus dem Verwaltungsrat – Stimmen gibt, die fragen: Wie kann man nur mit Wölfli vier Jahre weitermachen?

Er selber hat nie einen Gedanken ­daran verschwendet, aus Bern wegzuziehen. Als ihm Schalke ein Angebot unterbreitete, Ersatztorhüter zu werden, lehnte er ab. «Eigentlich ist es ja ­komisch, auf die Bundesliga zu verzichten», sagt er, «aber YB ist mein Verein, hier gefällt es mir so gut. Wieso soll ich das aufgeben?» Der Rollenwechsel hat weder seine Leidenschaft für den Sport noch die Liebe zu YB beeinträchtigt. Und jetzt bietet sich Wölfli am 27. Mai die Chance, noch einen Pokal zu erringen. Dann geht es im Cupfinal gegen den FCZ.

Erfahrung macht gelassen

Bis mindestens 2019 ist Wölfli noch Goalie bei YB, wobei die Frage ist: Hat er die Ambition, wieder dauerhaft die Nummer 1 zu werden? «Ich lasse alles auf mich zukommen», sagt er an diesem Sonntag und erklärt seine Gelassenheit mit einer Erfahrung, die er als Fussballer gemacht hat: «Es ist halt so in diesem Geschäft: So schnell wie du weg bist, so schnell bist du wieder da. Und umgekehrt.»

Aktuell ist er der König von Bern, aber ihm ist es ganz recht, wenn mit dem Hype um seine Person nicht übertrieben wird. Auf seiner Website steht ein Satz, der viel aussagt über ihn als ­Menschen: «Ich stehe auf der Sonnenseite des Lebens und bin mir bewusst, dass es nicht alle so gut haben wie ich.» Er ist stolz, nun Meister zu sein, klar. Aber ihn hat die Freude der Leute im Stade de Suisse überwältigt, er könnte mit all diesen Bildern problemlos ein ganzes Buch füllen: «Ich habe so viele glückliche Gesichter gesehen. Was gibt es Schöneres?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2018, 22:54 Uhr

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