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«Die Lage in Tibet hat sich massiv verschlechtert»

Am kommenden Montag besucht der Dalai Lama Bern. Migmar Raith, Präsident der Tibeterorganisation GSTF, über die neue tibetische Flüchtlingswelle und die vorbildliche Integration der Tibeter in der Schweiz.

Starke Exilgemeinde: Schweizer Exil-Tibeter demonstrieren während des Internationalen Menschenrechtstags vor Dem UNO-Gebäude in Genf (10. Dezember 2010).
Starke Exilgemeinde: Schweizer Exil-Tibeter demonstrieren während des Internationalen Menschenrechtstags vor Dem UNO-Gebäude in Genf (10. Dezember 2010).
Salvatore Di Nolfi, Keystone
Sympathien aus der Schweizer Bevölkerung: Der Dalai Lama während seines letzten Schweiz-Besuchs in Zürich (10. April 2010).
Sympathien aus der Schweizer Bevölkerung: Der Dalai Lama während seines letzten Schweiz-Besuchs in Zürich (10. April 2010).
Manuel Bauer, Keystone
Erfolgloser Protest: Ein Tibeter verbrennt eine chinesische Flagge während einer Demonstration in Lhasa (14. März 2008).
Erfolgloser Protest: Ein Tibeter verbrennt eine chinesische Flagge während einer Demonstration in Lhasa (14. März 2008).
Reuters
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Seit 2011 sind die Asylgesuche von Tibetern in der Schweiz sprunghaft angestiegen. Warum?

Die politische und wirtschaftliche Lage der Tibeter hat sich massiv verschlechtert in den letzten Jahren. Ihre Sprache und Kultur werden von der chinesischen Regierung unterdrückt und sie sind auch wirtschaftlich stark benachteiligt. 2008, im Vorfeld der Olympischen Spiele, fanden junge Tibeter erstmals den Mut, sich dagegen zu wehren, indem sie friedlich demonstrierten. Doch die chinesische Reaktion war nicht ein Entgegenkommen, sondern eine drastisch verschärfte Repression. Deshalb sind in den Folgejahren sehr viele Tibeter vor der Verfolgung ins Ausland geflohen.

Können Sie die Benachteiligung der Tibeter etwas genauer beschreiben?

Einige Beispiele: Die tibetische Sprache ist in der Schule nicht mehr erlaubt. Die tibetischen Klöster sind allesamt unter staatlicher Kontrolle, die Mönchsgemeinschaften können nicht mehr über sie verfügen. Tibeter haben einen viel schlechteren Zugang zu Bildung und sind auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Lizenzen für Geschäfte werden beispielsweise praktisch nur an Chinesen vergeben, die Tibeter sind als Bürger zweiter Klasse nur für einfache Arbeiten vorgesehen. Besonders problematisch ist die Situation heute für die rund 2,5 Millionen tibetische Nomaden. In ihrem Lebensraum gibt es die weltweit grössten Vorkommen an sogenannten «Seltenen Erden», Metallen, die für die Herstellung von Hightech-Geräten verwendet werden. Weil China diese abbauen will, sollen alle tibetischen Nomaden in einem gigantischen Umsiedlungsprogramm aus ihrem angestammten Territorium verdrängt werden.

Wie weit gehen die Forderungen nach tibetischer Autonomie?

Der Dalai Lama hat sich bereits 1988 vor dem europäischen Parlament mit dem sogenannten Strassburger Vorschlag von der Forderung nach staatlicher Unabhängigkeit losgesagt. Was die Tibeter wollen, ist eine echte Autonomie, das heisst eine Selbstbestimmung über die tibetische Innenpolitik.

Welche Konsequenzen muss man befürchten, wenn man sich in Tibet politisch engagiert?

Man gerät sehr schnell ins Visier der Sicherheitskräfte, wenn man auch nur verdächtigt wird, an einer Demonstration teilgenommen zu haben. Es folgen grundlose Verhaftungen, Folter, Urteile ohne Verhandlungen, langjährige Gefängnisstrafen. Besonders dramatisch ist, dass oft die ganze Familie bedroht und schikaniert wird, wenn ein Mitglied sich politisch engagiert.

Wie sind die zahlreichen Selbstverbrennungen in den letzten Jahren zu beurteilen?

Die Selbstverbrennung ist die radikalste Form des gewaltlosen Protests. Andernorts jagen Widerstandskämpfer Gebäude und Menschen in die Luft; Tibeter wollen diesen Weg aufgrund ihrer buddhistischen Philosophie der Gewaltlosigkeit nicht beschreiten. In den letzten zwei Jahren gab es rund 120 Selbstverbrennungen. Das ist dramatisch.

Tibetische Flüchtlinge waren in der Schweiz immer willkommen, was man nicht von allen Ausländergruppen behaupten kann. Warum ist das so?

Das Bild vom kleinen Bergvolk, das vom übermächtigen Nachbarn bedroht wird, gleicht dem Bild, das die Schweiz gerne von sich selbst zeichnet. Daher konnten sich die Schweizer mit den Tibetern identifizieren. Als um 1960 die ersten Tibeter in der Schweiz aufgenommen wurden, war China zudem der kommunistische Feind der westlichen Welt. Die Kultur der Tibeter galt als friedfertig, ihre Religion war nicht missionarisch. Sie galten als arbeitsfreudige Menschen, die man im Wirtschaftsaufschwung gut gebrauchen konnte. Und man darf nicht vergessen, dass ihre Zahl über viele Jahre sehr gering blieb. Noch um die Jahrtausendwende lebten nur etwa 2000 Tibeter in der Schweiz, jetzt sind es bereits rund 5000.

In der Öffentlichkeit herrscht der Eindruck, Tibeter seien sehr gut integriert.

Das kann ich bestätigen. Soweit ich es mitbekomme, finden die meisten Tibeter und Tibeterinnen schnell eine Arbeit und geben sich Mühe, sich zu integrieren. Mir ist kein Fall bekannt von jemandem, der ernsthaft mit den Behörden in Konflikt geraten wäre.

Was machen die Tibeter bei der Integration besser als andere?

Tibeter sind in der Schweiz sehr gut organisiert. Es gibt die Tibetergemeinschaft, die Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft sowie tibetische Frauen- und Jugendvereine. Wir gehen aktiv auf neue Immigranten zu und versuchen, sie in unsere Strukturen einzubinden, was auch sehr gut funktioniert. Wir bieten Deutschkurse an, helfen bei der Wohnungssuche. Dieses Netzwerk hilft enorm. In den diversen Vereinen können die neu Angekommenen ihre Kultur weiter pflegen. Das gibt ihnen geistigen und kulturellen Halt.

Welches sind Ihre Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft Tibets?

Das Schlimmste wäre für mich, wenn die Auswanderungsbewegung so lange anhält, bis die Tibeter in ihrem eigenen Land nur noch eine marginalisierte Minderheit sind. Ich wünsche mir, dass die Tibeter in Tibet wieder eine Zukunft sehen, dass die Gespräche mit der chinesischen Regierung wieder in Gang kommen und irgendwann zu einer echten Autonomie führen, so dass beispielsweise auch der Dalai Lama nach Tibet zurückkehren und in Lhasa leben könnte.

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