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«Kid of the Year»Für Ariana Grande oder Justin Bieber schwärmt sie nicht

Das «Time Magazin» hat zum ersten Mal ein «Kind des Jahres» gekürt. Die erst 15-jährige Gitanjali Rao ist unter 5000 nominierten Kindern ausgewählt worden – und Angelina Jolie schaut schon zu ihr auf.

«Kind des Jahres»: Die 15-jährige Gitanjali Rao aus dem US-Bundesstaat Colorado.
«Kind des Jahres»: Die 15-jährige Gitanjali Rao aus dem US-Bundesstaat Colorado.
Foto: Vivien Killilea (AFP)

Die Wissenschaftler, die Gitanjali Rao aus dem Fernsehen kennt, sind ältere, meist weisse Männer. Die 15-Jährige selbst ist weder alt noch männlich noch weiss – was sie nicht daran gehindert hat, sich den Naturwissenschaften zu verschreiben. Das Mädchen aus dem kleinen Ort Lone Tree im US-Bundesstaat Colorado hat unter anderem ein Gerät entwickelt, das Bleirückstände im Trinkwasser erkennt, und eine Software gegen Cybermobbing. Nun wurde Rao zum ersten «Kid of the Year», zum Kind des Jahres des Time-Magazins gekürt.

Seit fast hundert Jahren wählt das Magazin eine Person des Jahres, die die Welt besonders beeinflusst hat – im guten wie im schlechten Sinne. Hauptsächlich Männer wurden seit 1927 ernannt, unter den wenigen Frauen war die Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 – und im vergangenen Jahr die Klimaaktivistin Greta Thunberg mit damals 16 Jahren die jüngste «Person of the Year». Für die neue Kategorie, das Kind des Jahres, kamen nur Kinder und Jugendliche aus den USA infrage – und naheliegenderweise nur solche, die einen positiven Einfluss auf die Welt haben.

Experimentieren im Hinterhof nicht nach Mamas Gusto

Den hat Gitanjali Rao, die sich gegen 5000 Kandidatinnen und Kandidaten durchsetzte, in mehrerlei Hinsicht. Als vor rund fünf Jahren mehr als hunderttausend Menschen in Flint, Michigan, durch kontaminiertes Trinkwasser vergiftet wurden, entwickelte Rao «Tethys»: ein Kästchen in der Grösse eines Federmäppchens mit Kohlestoff-Nanoröhren darin und einer Batterie, das per Bluetooth den Bleigehalt von Trinkwasser an eine App übermittelt. Rao war dankbar, dass sie im Labor einer Wasserfabrik ihre Erfindung weiterentwickeln durfte, sagte sie einmal in einem Interview, denn ihre Mutter habe es nicht so gern gesehen, wenn sie im Hinterhof mit Blei experimentierte.

Nun lächelt die junge Amerikanerin vom Time-Cover herunter, in Turnschuhen und mit zahlreichen Medaillen um den Hals. Das Gewinnerinnen-Interview führte Angelina Jolie, und es ist die Schauspielerin, die dabei wie ein Fan wirkt: «Ich bin einfach so glücklich, dich ein bisschen kennenzulernen», sagt Jolie. Denn irgendwann könne sie mal über Rao sagen: «Ich habe sie einmal getroffen.»

Kein Ruhm über Nacht

Für ihr Trinkwassertestgerät wurde Rao bereits «America's Top Young Scientist» 2017, mit gerade mal zwölf Jahren stand sie auf der Forbes-Liste der besten «30 unter 30» in der Kategorie Wissenschaft. Das Time-Magazin zeichnete Rao nun auch deshalb aus, weil sie andere Kinder dazu bringe, ihre Neugierde in Erfindungen umzusetzen. In Workshops arbeitete Rao mit insgesamt 30'000 Schülerinnen und Schülern daran, Ideen zu entwickeln, Dinge zu erfinden, Produkte herauszubringen. Trotz der Auszeichnungen wirkt sie bescheiden. «Es gibt so viele Probleme, die wir nicht geschaffen haben, die wir jetzt aber lösen müssen», sagte sie zu Jolie über ihre Generation. Sie hoffe, einen «kleinen Teil» dazu beitragen zu können.

Während andere Mädchen in ihrem Alter früher Teenager-Zeitschriften lasen und heute auf Tiktok unterwegs sind, liest Rao am liebsten die MIT Technology Review, ein Wissenschaftsmagazin des Massachussetts Institut of Technology (MIT) und sagt Sätze wie: «Alles in der Schule macht einfach super Spass.» Sie schwärmt nicht für Ariana Grande oder Justin Bieber, sondern für die «tollen Leute an Unis wie dem MIT oder Harvard, die so eine tolle Arbeit mit Technologie leisten», wie sie sagt. Jolie kommentierte, es sei ihr ein wenig so vorgekommen, als habe sie mit einer 60-jährigen Wissenschaftlerin in Genf gesprochen.

Rao versucht da zu beruhigen: Sie mache schon auch Sachen, die 15-Jährige so machen, vor allem im Lockdown. Sie backe zum Beispiel sehr viel, schliesslich sei das auch eine Wissenschaft, wenn auch eine, die sie nicht besonders gut beherrsche. Immerhin ein Brot sei ihr neulich gelungen. Darauf sei sie stolz.

6 Kommentare
    Ronnie König

    Du bist noch zu jung das zu verstehen, ein Satz den wir alle kennen. Wirklich? Ich verstehe vor allem, dass viele meinen und doch nicht verstehen, ausser wenn man mit dem Herzen denkt. Tut man beides, dann verschwindet vielleicht das Blei aus dem Wasser, aber man verschwendet seine Zeit nicht für eine H-Bombe. Und am Ende kann man sein banales Brot doch auch noch selber backen. Fantastisch.