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Epidemiologe über Festivals«Für die zweite Jahreshälfte bin ich optimistisch»

Der Epidemiologe Marcel Tanner über die Aussichten, ob und in welcher Form im Sommer wieder Grossveranstaltungen stattfinden können.

Luc Oggier, Teil des Mundart-Erfolgsduos Lo & Leduc, beim Heimkonzert auf dem Gurten im Jahr 2019.
Luc Oggier, Teil des Mundart-Erfolgsduos Lo & Leduc, beim Heimkonzert auf dem Gurten im Jahr 2019.
Foto: Keystone

Angesichts der weiterhin angespannten Situation ist davon auszugehen, dass auch im zweiten Corona-Jahr die grossen Openairs in der Schweiz nicht stattfinden können. Die Veranstalter zeigen sich skeptisch, zumal sie jetzt, in der entscheidenden Vorbereitungsphase keine Planungssicherheit haben und viele Acts im Sommer voraussichtlich nicht touren können oder werden. Epidemiologe Marcel Tanner schätzt die Lage ein.

Rechnen Sie damit, dass Open-Air-Musikfestivals im Sommer stattfinden können?

Wenn wir die angelaufene Impfaktion konzentriert durchführen, und wenn wir es schaffen, mit gezielten Massnahmen die Übertragung und die Ausbreitung der neuen Mutation in den Griff zu bekommen, dann bin ich zuversichtlich. Frühsommer wird knapp werden, aber für die zweite Jahreshälfte bin ich optimistischer.

Bis Ende Februar sind in der Schweiz die Risikogruppen geimpft. Bis Juni der willige Rest der Bevölkerung. Haben wir also im Sommer die angestrebte Herdenimmunität, die Grossveranstaltungen wieder möglich macht?

Logistisch ist dieser Impfplan realistisch, vor allem seit nun auch der Moderna-Impfstoff in der Schweiz zugelassen wurde und damit mehr Dosen zur Verfügung stehen. So rückt aus epidemiologischer Sicht auch die Herdenimmunität näher – also die Immunität durch Impfung und durchgemachter Covid-19-Erkrankung.

In grossen Menschenmengen zu feiern ist bis auf Weiteres nicht möglich: Fans beim Konzert von Patent Ochsener beim Gurtenfestival 2019.
In grossen Menschenmengen zu feiern ist bis auf Weiteres nicht möglich: Fans beim Konzert von Patent Ochsener beim Gurtenfestival 2019.
Foto: Keystone

Maskenpflicht und Schutzkonzepte wären dann hinfällig?

Sicher nicht auf einen Schlag. Das hängt von den Ergebnissen weiterer Studien ab. Die Impfung ist nicht der Zauberschlag. Wir müssen noch mehr Fragen klären: Wie lange ist man immun? Oder ist man trotz Impfung noch für andere ansteckend? Und welches sind eventuelle seltene Nebenwirkungen? Diese Forschung wird nun ebenfalls gemacht. Von den Ergebnissen hängt auch ab, wie schnell wir in eine Normalität zurückkehren können.

Könnte es sein, dass wer sich im Februar impft, im Sommer wieder angesteckt werden kann?

Das ist beim gegenwärtigen Stand des Wissens eher unwahrscheinlich. Wie lange die Impfwirkung anhält, werden die jetzt dringlichen Studien ergeben.

Unsere Gesellschaft hat ihr Verhalten bereits geändert und ist während dieser Pandemie vorsichtiger geworden.

Marcel Tanner

Wer sich mit Corona angesteckt hat, soll bloss vier Monate lang immun sein. Könnte das also auch auf die Impfwirkung zutreffen?

Da fehlen schlicht die Daten. Wir wissen aus der Schweiz und aus vielen anderen Ländern, dass es selten ist, dass jemand eine zweite Infektion und Erkrankung durchmacht. Läge dieser Wert bei 20 bis 30 Prozent, wären wir skeptisch. Doch dies ist nicht der Fall. Die ersten umfassenden Analysen nach der Impfung zeigen eine solide, schützende Immunantwort.

Cardi B war einer der grossen Headliner am Openair Frauenfeld im Jahr 2019, 2020 fand aufgrund der Pandemie kein Festival statt.
Cardi B war einer der grossen Headliner am Openair Frauenfeld im Jahr 2019, 2020 fand aufgrund der Pandemie kein Festival statt.
Foto: Keystone

Die Impfung soll eine Wirkung von 95 Prozent aufweisen. Bei einem durchgeimpften Publikum von 20‘000 wären dann immer noch 1000 Leute ungeschützt. Ist dieses Risiko zu vernachlässigen?

Nein, das muss man immer berücksichtigen. Doch in einer Menschenmasse stehen diese 1000 ja nicht nebeneinander, sondern sind in der Masse verteilt und werden quasi von den Geimpften und Immunen geschützt.

Es gibt Schwarzmaler, die sagen, dieses Virus werde unser Zusammenleben ähnlich verändern wie Aids den Sex. Könnte es sein, dass wir – trotz aller Zuversicht – auf längere Zeit nie wieder unbeschwert und ungeschützt in grossen Menschenmassen feiern werden?

Einschneidende Ereignisse – das zeigt die Geschichte – werden immer zu Verhaltensänderungen im sozialen Gefüge führen. Menschen aus der Kriegsgeneration haben Gewohnheiten entwickelt, die lange ihren Alltag prägten. Unsere Gesellschaft hat ihr Verhalten bereits geändert und ist während dieser Pandemie vorsichtiger geworden. Stress und damit auch psychische Erkrankungen nehmen zu, man legt mehr Wert auf Hygiene, das Reiseverhalten wird hinterfragt, wir begrüssen uns anders, und es werden mehr Outdoor-Aktivitäten betrieben. Das sind Dinge, die eine Gesellschaft verändern und womöglich bestehen bleiben. All das muss nicht schlecht sein, sondern gibt neue Ausblicke.

Könnte es auch ein Nachholbedürfnis geben? Folgt auf die Pandemie womöglich gar eine Epoche des Exzesses?

Das werden wir sehen. Nach schweren einschränkenden Ereignissen, wie zum Beispiel nach dem Ersten Weltkrieg, war dies feststellbar. Auf die soziale Enthaltsamkeit und die Bürde folgte eine Erleichterung und damit auch eine Enthemmung.

2 Kommentare
    Roland S.

    Wers glaubt. Grippe ist trotz impfung auch weit verbreitet. Der Virus mutiert laufend. Corona wird uns noch Jahre begleiten.