«Das tut weh, wirklich weh»

Im aargauischen Möhlin fieberte die kroatische Gemeinschaft mit ihrem Mann in Moskau mit.

Die Fans würdigen die Leistung der kroatischen Nationalmannschaft. Foto: Fabienne Andreoli

Die Fans würdigen die Leistung der kroatischen Nationalmannschaft. Foto: Fabienne Andreoli

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Bis zur 18. Minute ist noch Hoffnung im Clubhaus in Möhlin. Auf dem Bildschirm stehen die Männer in den rot-weiss karierten Trikots meist vor dem gegnerischen Tor, und in Möhlin klatschen sie und recken kräftige Arme in die Höhe, wenn einer den Ball Richtung Tor schiesst.

Im Final am Sonntagabend steht die Nationalmannschaft des kleinen Kroatien jener der Grande Nation gegenüber. Und obwohl die Schweizer Nati längst aus Russland abgereist ist, ist die Schweiz noch mit einem Mann im Final vertreten: mit Ivan Rakitic. Er, der in Möhlin aufgewachsen ist, ist der erste Mann mit Schweizer Pass in einem WM-Final.

Rot-weiss karierte Röckchen

Eine Stunde vor Spielbeginn füllt sich das Clubhaus des NK Pajde (Fussballclubs Kumpel), den Vater Rakitics ­gegründet hat. Rot-weiss kariert sind die Fahnen auf den Autos davor, rot-weiss kariert sind die Leibchen der Besucher und die Röckchen der kleinen Mädchen. Familien, viele Kroaten, aus der ganzen Region treffen ein, laufend ­werden weitere Bänke herbeigetragen. Nur die Familie Rakitic selber fehlt, ­Vater und Mutter sind in Kroatien, der Bruder ist in Moskau.

Die Besucher sind überzeugt: Ivan wird auch in diesem Spiel ein Goal schiessen. «Er ist eine grosse Persönlichkeit und kann ein solches Spiel entscheiden», sagt Goran Nisandzic. Er sitzt mit seinem Fussballkollegen Ivan Matojelic vor dem Bildschirm und wartet auf den Anpfiff. Und wenn Ivan ein Goal schiesst, so sind sie sich einig, wird er es allen widmen. Nicht nur Kroatien.

Ivan Rakitic hat neben dem roten auch einen blauen Pass, einen kroatischen, und das ist nach Ansicht des Generalsekretärs des Schweizerischen Fussballverbands einer zu viel. Bevor er vom Verband zurückgepfiffen wurde, schlug er vor, dass sich junge Talente ganz zur Schweiz bekennen müssten, wollten sie in das Förderprogramm aufgenommen werden. Etwa damit sie sich in aufgeladenen Situationen nicht dazu hinreissen lassen, mit den Händen Wappen­tiere zu formen.

23 Nationen in einer Nationalmannschaft

Natürlich, die Politik spiele auch im Fussball immer eine Rolle, sagt Goran Nisandzic. Die Ausländer müssten sich in der Schweiz integrieren. Aber ein Land müsse Fussballern mit ausländischen Wurzeln Zeit geben. Sie könnten nicht von einem Tag auf den anderen sagen: Jetzt bin ich nur noch Schweizer.

Beim NK Pajde schaut man nicht auf die Farbe der Pässe der Spieler – man käme nirgends hin. Diese stammen aus 23 Nationen, neben Schweizern, Italienern und Türken spielen auch Männer aus den Ländern Ex-Jugoslawiens vereint zusammen. «Bei uns steht allein der Sport im Vordergrund», sagt Sportchef Aydin Niyazi, der gebürtige Kurde.

Rakitic verwirklicht den Traum seiner Kollegen

Auf dem Bildschirm laufen nun Männer in Blau und Weiss-Rot über den Rasen. Hin und wieder wird Ivan Rakitic gross im Bild eingeblendet. Die blonden Haare aufgestellt, das Gesicht gerötet. Dann ruft in Möhlin manchmal einer «Ivan» und schwenkt dazu die kroatische Fahne. Die ehemaligen Fussballkollegen verfolgten seinen Aufstieg vom Aargau aus, wie er über Basel, ­Gelsenkirchen und Sevilla schliesslich nach Barcelona zum Weltklasse-Club kam und ihren Traum verwirklichte – während sie, wenn überhaupt – noch beim 5-Ligisten Möhlin spielten. Wer hätte gedacht, dass er es so weit bringt?

Ivans Talent zeigte sich früh, wie sich Teamkollege Manuel Bärtschi erinnert. Einmal, sie waren erst vier oder fünf Jahre alt, sollten sie den Ball sauber auf die Grundlinie spielen. Alle Bälle schossen ins Kraut, nur jener von Ivan stoppte exakt auf der Grundlinie. Dreimal hintereinander. «Das konnte kein Zufall sein», sagt Bärtschi. Ein späteres Spiel ging in die Annalen des FC Möhlin-Riburg ein: Ivan stürmte ein ums andere Mal auf das gegnerische Tor zu und hatte am Ende des Spiels 18 der 25 Tore erzielt.

Im Clubhaus wird es still

Und dann kommt die 18. Minute und die Franzosen gehen in Führung. In Möhlin heulen sie auf, schlagen sich die Hände über den Kopf, vergraben das Gesicht darin. Während sich die Blauen auf dem Bildschirm in den Armen liegen, wird es im Clubhaus ganz still. Die Wiederholung zeigt deutlich: Der Ball ist im Netz.

Von da an wird seltener geklatscht, die kroatische Fahne wird kaum noch geschwenkt. Nach dem vierten Goal der Blauen wartet man nur noch auf den ­Abpfiff. Goran Nisandzic reibt sich die Augen und sagt beim Hinausgehen: «Wir waren so nahe dran. Das tut weh, wirklich weh.» Hinter ihm aber, vor dem Bildschirm, stehen alle Männer, Frauen, Kinder auf und heben die rot-weissen Schals in die Höhe. Sie applaudieren ihrer Nationalmannschaft zum hart erkämpften zweiten Platz.


Video: Fans feiern an der Langstrasse

Kroaten und Franzosen feiern in Zürich friedlich nebeneinander. (Video: Tamedia)

Erstellt: 15.07.2018, 23:02 Uhr

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