Für den Titel gäbe er sein letztes Hemd

Als erster Schweizer spielt Ivan Rakitic im Final der Fussball-WM – allerdings für Kroatien. Der Aargauer will mit dem kleinen Land Sportgeschichte schreiben.

Halb nackte Tatsachen für Englands Nationaltrainer Gareth Southgate: Er muss Ivan Rakitic zum Einzug in den WM-Final gratulieren – dieser hatte seine Kleider zum Dank an die Fans verschenkt. Foto: Pixathlon

Halb nackte Tatsachen für Englands Nationaltrainer Gareth Southgate: Er muss Ivan Rakitic zum Einzug in den WM-Final gratulieren – dieser hatte seine Kleider zum Dank an die Fans verschenkt. Foto: Pixathlon

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Vielleicht wird sich Ivan Rakitic am Sonntag, wenn er in Moskau vor dem WM-Final gegen Frankreich das kroatische Nationaltrikot anzieht, an jenen Tag in Möhlin erinnern, als sein Vater das Geschenk öffnete, welches sein Leben verändern sollte.

Auf dem Online-Portal «Player’s Tribune» hat Rakitic kürzlich seinen Werdegang anschaulich beschrieben, seine Kindheit in der Schweiz, die Liebe zu Kroatien, den Stolz auf die Heimat. Und, eben, wie alles mit diesen zwei rot-weiss karierten Leibchen begann, die sein Vater Mitte der Neunzigerjahre in Möhlin aus dem Paket zog. «In diesem Moment wussten mein Bruder und ich, dass wir sie nie mehr ausziehen werden.»

Rakitics Eltern flüchteten 1991 wegen des Krieges in der Heimat in die Schweiz, er wurde beim FC Basel ausgebildet, schaffte über Schalke und Sevilla vor vier Jahren den Sprung zum FC Barcelona. Der ballsichere Stratege ­gewann jede Menge Titel: die Europa League, die Champions League und den Weltpokal.

Er wurde dreimal spanischer Meister, übernimmt bei einem der renommiertesten Clubs der Welt gestalterische Aufgaben – und nun kann er in zwei Tagen seine grandiose Karriere krönen. «Wir würden alle unsere Titel, auch jene in der Champions League, gegen einen WM-Gewinn tauschen», sagte Rakitic nach dem Sieg im Halbfinal gegen England. Fürs Erste begnügte er sich damit, Trikot, Fussballhosen und Stulpen zum Dank den Fans zu schenken.

Ausgerechnet jetzt

Es ist ein langer Weg, den der 30-Jährige gegangen ist, von Möhlin bis Moskau. 2007 ­beschloss er als Mitglied der Schweizer U-21, für Kroatien spielen zu wollen, das trug ihm und seiner Familie Morddrohungen ein. Rakitic ist das prominenteste Beispiel für Fussballer, die in der Schweiz ausgebildet worden waren, ehe sie sich für eine ­andere Auswahl entschieden. Und nun erlebt die Schweiz inmitten der hitzigen Doppelbürger-Debatte der letzten Tage einen sporthistorischen Moment.

Erstmals steht mit Rakitic ein Schweizer in einem WM-Final, der Deutsche Oliver Neuville, der 2002 im Endspiel gegen Brasilien verlor, wuchs zwar im Tessin auf, hatte aber keinen helvetischen Pass. Streng genommen ist Rakitic ja der zweite Schweizer, wobei Schiedsrichter Godi Dienst 1966 höchstens unfreiwillig wegen des Wembley-Tores für England gegen Deutschland eine Hauptrolle einnahm.

Rakitic betont stets, er fühle sich auch als Schweizer, aber die Liebe zu Kroatien sei stärker.

Für Rakitic hat sich der Nationalteamwechsel gelohnt, er wird in Kroatien verehrt und wurde 2015 zum Sportler des Jahres gewählt. Er betont regelmässig, er fühle sich auch als Schweizer, aber die Liebe zu Kroatien sei stärker. «Der Zusammenhalt ist riesig», sagte er während der WM. «Wir haben nur etwas mehr als vier Millionen Einwohner, doch wir spüren die Unterstützung jedes einzelnen.»

Einen Sieg ist Kroatien noch vom Coup entfernt, aus dem Schatten der legendären 98er-Mannschaft ist das aktuelle Team ­bereits getreten. Auch der zehnjährige Rakitic verfolgte 1998, im geliebten Leibchen auf dem Sofa, die Auftritte jener Auswahl, welche die junge Nation nach erst sechs Jahren Unabhängigkeit begeisterte und erst im Halbfinal ausschied – gegen Frankreich.

Erinnerungen an 1998

Auch vor 20 Jahren moderierten zwei formidable Mittelfeldspieler die Angriffe, Zvonimir Boban und Robert Prosinecki, ihre Nachfolger sind Luka Modric und Ivan Rakitic. «Kroatien hat stets technisch starke Fussballer», sagt Rakitic, «die Freude am Spiel treibt uns an.»

Und wegen mangelnder Leidenschaft oder Laufbereitschaft werden die Kroaten am Sonntag kaum scheitern. Rakitic lag am Dienstag noch mit 39 Grad Fieber im Bett, einen Tag später rannte er fast 15 Kilometer gegen England und demonstrierte eindrücklich, warum er der Marathon-Mann dieser Saison ist. Der Final wird sein 71. Pflichtspiel sein, kein Profi weltweit hat mehr bestritten.

«Unsere Mentalität ist grossartig», sagt Rakitic, «wir haben zweimal im Elfmeterschiessen und einmal in der Verlängerung gewonnen. Das sagt alles über uns aus.» Müde seien sie schon ein wenig, aber einen WM-Final würde er auch auf einem Bein bestreiten. «Wir müssen uns weiter von der Euphorie tragen lassen, dann laufen wir von alleine.» In besonders anstrengenden Augenblicken hilft am Sonntag ein Blick auf das Trikot, welches Ivan Rakitic seit jenem Tag in Möhlin so viel bedeutet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2018, 23:43 Uhr

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