Spanien-Legende wettert über Videoschiri

Schwalbe vor dem 1:0 und Diskussionen bei Frankreichs Penalty: Der Umgang mit dem Video-Assistenten während des WM-Finals schlägt hohe Wellen.

Die Schwalbe von Antoine Griezmann und das darauffolgende 1:0 der Franzosen. Video: Tamedia/SRF

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Die Szene widerspiegelt einen Auswuchs des modernen Fussballs. Antoine Griezmann, einer der grossen Stars von Frankreich, liess sich tief in der gegnerischen Platzhälfte fallen. Schiedsrichter Néstor Pitana fiel auf die Schwalbe herein – der anschliessende Freistoss führte zum 1:0. Sehr zum Unmut von Iker Casillas, Spaniens Weltmeistergoalie 2010. Auf Twitter schrieb der 37-Jährige: «Ganz ehrlich, kann die Anwendung des VAR nicht ganz nachvollziehen. Der Schiedsrichter pfeift Foul. Tor für Frankreich. Und nichts passiert.»

Doch nicht nur der Spanier teilte sich öffentlich mit. Uruguay-Stürmer Luis Suárez antwortete: «Du hast recht, Iker. Ausserdem stand Pogba, der in die Situation eingreift, im Offside.»

Zumindest Suárez’ Ansicht wurde von den offiziellen VAR-Bildern als falsch entlarvt. Zum Zeitpunkt der Ballabgabe stand Pogba offensichtlich knapp nicht im Offside.

In dieser Szene offenbarte sich die Schwäche des sonst an der WM bewährten VAR-Systems: Der Freistoss an sich ist zwar keine entscheidende Szene, wird es aber mit dem Eigentor von Mario Mandzukic. Diesen Entscheid im Nachhinein zu revidieren, ist nicht möglich – nur schon weil der VAR nicht mehr eingreifen darf, sobald der Schiedsrichter das Spiel mittels Pfiff wieder aufnimmt.

Ausserdem würde sich die Frage stellen, wie weit ein Fehlentscheid zurückliegen muss, um ihn zu revidieren. Ein Beispiel: Hätte der Freistoss zu einem Eckball geführt und erst dieser dann zum Tor; würde man in diesem Fall den Foulpfiff zurücknehmen müssen? Nicht zuletzt deshalb forderten im Vorfeld viele Stimmen eine ähnliche Anwendung wie im Tennis. So auch Luigi Ponte. Der ehemalige Präsident des Schweizerischen Schiedsrichterverbandes sagt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Die Trainer sollten entscheiden, wann der VAR zum Einsatz kommt.» Man könne ihnen beispielsweise drei Möglichkeiten in einer Partie geben. Liegt der Coach richtig, bleiben die drei Challenges – liegt er falsch, wird eine abgezogen: «Damit würde dem Schiedsrichter etwas Druck entzogen.»

Amhof und Ruefer waren sich nicht einig

Die nächste strittige Szene folgte noch in der gleichen Halbzeit – und wieder wurden die Kroaten benachteiligt. Nach einem Eckball reklamierten die Franzosen ein Handspiel, nach Hinweis von Video-Assistent Massimiliano Irrati konsultierte Pitana die Videobilder und entschied auf Penalty. Währenddessen schaltete das SRF den Schiedsrichterexperten Sascha Amhof ins Büro, der sagte, für ihn wäre es kein Penalty. Zwischenzeitlich fiel ihm Kommentator Sascha Ruefer ins Wort, mit der Meinung, ein Strafstoss wäre zwingend.

Hands oder nicht? Die grosse Diskussion vor dem 2:1 für Frankreich. Video: Tamedia/SRF

Auch später schienen sich die Experten uneinig zu sein. Der deutsche WM-Rekordschiedsrichter Markus Merk kritisierte die Anwendung. Es sei ein «in Unsicherheit entschiedener Elfmeter» gewesen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Dabei dürfen nur klare Fehlentscheide am TV nochmals überprüft werden. Dass die Situation nicht so klar war, bewies Pitana gleich selber. Er verliess zuerst die Überprüfungszone, kehrte zum Bildschirm zurück und entschied erst danach auf Penalty. «Wenn du nicht sicher bist, gibst du ihn nicht», sagte der frühere deutsche Nationalspieler und -trainer Jürgen Klinsmann bei der BBC.

Der frühere Schweizer Spitzenschiedsrichter Urs Meier sagte im ZDF: «Man kann den Elfmeter geben. Ohne Videobeweis hätte es ihn nicht gegeben.» Dem widersprach Casillas auf Twitter: «Der nächste Fehler. Perisic kann die Hand nicht wegnehmen. Matuidi will köpfeln, verfehlt den Ball und trifft ihn nicht mit dem Kopf. Für mich kein Penalty.» Und auch Ponte fand, dass es kein absichtliches Handspiel gewesen sei: «Ich bin mir sicher, dass Perisic den Ball nicht kommen sah.»

Zwar habe es auch positive Beispiele gegeben, dennoch findet Ponte, dass das VAR-System noch nicht ausgereift sei: «Grundsätzlich wäre es eine Hilfe, es gibt aber weiterhin zu viele Fragezeichen.» (fas)

Erstellt: 16.07.2018, 12:49 Uhr

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