Wenn Diktatoren Fussball spielen

Was, wenn der WM-Gastgeber ein Tyrann ist? Erinnerungen an den Sommer 1978 – im repressiven Argentinien Jorge Videlas.

Mit dem WM-Pokal vor Diktator Jorge Videla: Die Argentinier schlugen Holland im Final 1978 mit 3:1. Foto: Keystone

Mit dem WM-Pokal vor Diktator Jorge Videla: Die Argentinier schlugen Holland im Final 1978 mit 3:1. Foto: Keystone

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Am Institut lachten viele, als ich ihnen von meinen Plänen erzählte, als Fussballethnologe an die Weltmeisterschaft in Argentinien zu reisen. Meine Forschungsfrage lautete: Wird die WM dem Land weiterhelfen, oder wird man sie dazu missbrauchen, die Diktatur zu vertuschen? Ich wollte, mit anderen Worten, herausfinden, wie politisch Fussball ist. Unterstützt wurde meine Idee am damals fortschrittlichen ethnologischen Seminar der Universität Zürich nur von wenigen. Fussball war damals längst noch nicht so hip wie heute, es gab keine VIP-Logen in den Stadien, und unter Intellektuellen war die Sportart verpönt.

Man muss kurz daran erinnern, was damals in Argentinien los war: Am 24. März 1976 hatte sich Jorge Videla mit dem Militär an die Macht geputscht. Die Staatspräsidentin Isabel Perón wurde verhaftet, das Parlament aufgelöst, Gewerkschaftsführer wurden ermordet, und in den Gefängnissen wurde gefoltert. Stellvertretend für das Klima im Land die Worte des Brigadegenerals Ibérico Saint-Jean, des Gouverneurs der Provinz Buenos Aires: «Erst werden wir die Subversiven töten, dann ihre Kollaborateure, dann die Sympathisanten, danach die Indifferenten und zum Schluss die Lauen.»

Was heisst es, in so einem Land eine Fussball-Weltmeisterschaft durchzuführen? Das Turnier in Argentinien war ein Tabubruch für den Sport. Seit dem Zweiten Weltkrieg hatte kein Grossanlass mehr in einer Diktatur stattgefunden. Niemand konnte ernsthaft abstreiten, dass General Jorge Videla, der die WM eröffnen würde, der Anführer einer Mörderbande war. Von offizieller Seite allerdings, etwa von den Sportverbänden der WM-Teilnehmer, war darüber kaum etwas zu vernehmen. Auch nicht von der Fifa, die damals aus einer kleinen Truppe von zehn Mitarbeitern mit Sitz an der Zürcher Bahnhofstrasse bestand. Ihr Lehrling hiess Sepp Blatter.

Das Turnier in Argentinien war ein Tabubruch für den Sport.

In Buchhandlungen deckte ich mich deshalb mit Alternativliteratur ein, mit zusammengehefteten Broschüren von Amnesty International über die vielen Zehntausende Verschwundenen und einem Rororo-Büchlein mit dem Titel: «Fussball und Folter – Argentinien ’78». Darin wurde aus einer Umfrage zitiert, die der «Stern» bei deutschen Nationalspielern gemacht hatte, es ging unter anderem um die Folterungen in argentinischen Gefängnissen: Eine überwältigende Mehrheit der Fussballer wollte sich weder über Politik äussern noch sich auch nur darüber informieren lassen. «Die politischen Zustände in Argentinien interessieren mich nicht», sagte der Stürmer Klaus Fischer.

Es gab Ausnahmen, so erklärte Sepp Maier, der Torwart: «Ich werde dem General nicht die Hand schütteln.» Er wurde nicht auf die Probe gestellt, Deutschland schied vorzeitig aus. Dafür verweigerten die holländischen Spieler beim Erhalt der Silbermedaille den Handschlag mit General Videla, was wiederum den Chef des Deutschen Fussballbunds in Rage versetzte. Dieser hatte aber auch im Trainingslager der deutschen Mannschaft den Wehrmachts-Fliegeroffizier und Nazi-Propagandisten Hans-Ulrich Rudel begrüsst und dies mit folgenden Worten gerechtfertigt: «Das Abweisen käme einer Beleidigung aller deutschen Soldaten gleich.»

Einer der Torschützen im WM-Final: Argentiniens Stürmer Mario Kempes. Foto: Getty Images

Die Diskussion, wie politisch Fussballer sind oder sein müssen, gibt es auch heute noch, vierzig Jahre später. Vor einigen Wochen sorgten zwei deutsche Nationalspieler türkischer Herkunft für heftige Reaktionen, weil sie sich mit dem türkischen Autokraten Erdogan trafen. Und jeder Spieler der Favoritenteams kann sich jetzt schon die Frage stellen, ob er Putin bei der Siegerehrung die Hand reichen würde oder nicht.

Kurz nach meiner Ankunft in Argentinien schrieb ich am 1. April in mein Tagebuch: «Ich habe bei einem Freundschaftsspiel zwischen zwei Fabrikmannschaften mitgespielt, sogar ein Tor geschossen, vielleicht werde ich beim nächsten Spiel von der Verteidigung in den Sturm versetzt.»

Alles hatte mit Daniel begonnen, einem Argentinier, den ich zufällig in Zürich im Pub «Oliver Twist» kennen gelernt hatte. Er war auf einer Art Hippie-Reise, ich vermittelte ihm die Wohnung meines Bruders, im Gegenzug öffnete er mir Türen in Argentinien: Am Flughafen in Buenos Aires erwartete mich einer seiner Freunde, der Profifussballer Claudio Premici, der mich zu Daniels Onkel fuhr, dessen Familie mich in der ersten Zeit beherbergte. Daniels Schwester war mit dem Sohn eines Fabrikanten liiert, der mich für sein Team aufbot. Ein anderer Freund Daniels war Sportjournalist bei der Tageszeitung «La Prensa». Ein Profifussballer, ein Fabrikantensohn, ein Sportjournalist: Mit ihren Augen sah ich Argentinien.

Gustavo, der Fabrikantensohn

Nach einem Monat und fünfzig Tagebuchseiten stand ich im überfüllten Kleiderladen «El Revoltijo» und fertigte Säcke aus Plastikgeflecht und Schnur. Es war ein Monat vor WM-Beginn. Gustavo, der Fabrikantensohn, hatte mir die Hilfsarbeit vermittelt. Ich bekam den üblichen Hungerlohn von wöchentlich 15 000 neuen Pesos, mit dem man sich pro Tag ein Essen, ein Päcklein Zigaretten und Fahrkarten für den colectivo leisten konnte.

Die Inflationsrate war schwindelerregend, die U-Bahn erhöhte die Preise wöchentlich. Wechselgeld in Form von Noten wurde im Mülleimer entsorgt. Der Besitzer des «El Revoltijo», den alle Tito nannten, war launisch und misstrauisch, kein angenehmer Zeitgenosse. Die Geschäfte gingen mies. In einer Pause erklärte er mir bei einem Matetee seine Weltsicht: Er hänge, sagte er, immer das Bild jenes Machthabers ins Schaufenster, der gerade regiere. So habe man am wenigsten Probleme.

Die riesigen Projekte frassen die Finanzreserven auf, die Inflation raubte den Menschen die Ersparnisse.

Um zu verstehen, warum das Militär 1976 die Macht ergreifen konnte, muss man zurückblenden: Oberst Juan Domingo Perón, ein begeisterter Faschist, hatte von 1946 an eine erstaunlich fortschrittliche Sozialpolitik betrieben. Er brachte die Industrie voran, verstaatlichte die Eisenbahn, legalisierte Scheidung und Prostitution und suchte einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Um seine Macht zu sichern, etablierte er eigene Gewerkschaften. Bei seiner Wiederwahl 1951 durften dank der damaligen Ehefrau Evita erstmals auch Frauen wählen.

Evitas Tod 1952 läutete das Ende dieser Ära ein. Die riesigen Projekte frassen die Finanzreserven auf, die Inflation raubte den Menschen die Ersparnisse. Perón hatte zunehmend mächtige Gegner: Grossgrundbesitzer, Militär, die katholische Kirche. 1955 wurde er von der Kirche exkommuniziert, kurz darauf gestürzt. Nach achtzehn Jahren im Exil in Francos Spanien durfte er 1973 nach Argentinien zurückkehren und wurde erneut zum Präsidenten gewählt.

Pompöse Eröffnungszeremonie: Im River Plate Stadion in Buenos Aires, 1978. Foto: Getty Images

Als er ein Jahr später starb, hinterliess er eine schwer gespaltene Bewegung: Evita war nach wie vor Idol der Linksperonisten, seine dritte Frau Isabel, damals Präsidentin, stand an der Spitze des rechten Flügels. Das Land versank in ökonomischem und politischem Chaos.Über all das konnte ich in Argentinien mit niemandem reden, schon gar nicht mit meinem Chef, Tito. Die Menschen blendeten die Politik aus, die Diktatur hing wie eine bleierne Decke über dem Alltag.

Claudio, der Fussballprofi

Claudio war Mittelstürmer der Argentinos Juniors und nahm mich mit zum Spiel der Mannschaft gegen Huracán. Es ging um nichts mehr. Die Meisterschaft war praktisch zu Ende, die Nationalspieler – unter anderem Huracáns berühmtester Spieler, René Houseman – waren von Nationaltrainer Luis Menotti bereits ins Vorbereitungscamp für die WM beordert worden. Vorsichtig setzte ich mich auf einen Tribünenplatz, die Baustellenkonstruktion wirkte unsicher.

Hinter dem Mittelstürmer Claudio spielte ein kleiner, nicht sehr athletisch wirkender Junge mit der Rückennummer 10. Der Junge hiess Diego Armando Maradona. Und wie er spielte! Obwohl erst siebzehn, befand er sich bereits in einer eigenen Welt: Jedes Dribbling gelang ihm, er vollführte Tricks mit einer Leichtigkeit, die ich nie zuvor gesehen hatte. Der Ball schien ihm allein zu gehören.

Das Gefühl, das ich beim Betreten des Stadions empfand, werde ich nie vergessen.

Die Argentinos Juniors gewannen 4:1, Maradona schoss alle vier Tore. Auf dem Heimweg war mir schwindlig. Nicht ein einziges Mal war es den Gegnern gelungen, Maradona vom Ball zu trennen. Ich fragte Claudio, wie es sei, mit so jemandem zusammenzuspielen. Er zuckte resigniert die Schultern. Neben dem Grössten wirkt wohl jeder bedeutungslos.

In der Freizeit ging ich zu den Spielen der Boca Juniors. Natürlich war ich Boca-Fan, wie konnte ich anders, Gustavo hatte Saisonkarten für eine ganze Sitzreihe. Das Gefühl, das ich beim Betreten des Stadions «La Bombonera» empfand, werde ich nie vergessen. Keine Arena auf der Welt ist so eindrücklich: Die Tribünen des als Hufeisen konstruierten Stadions gehen fast senkrecht nach oben. Es scheint mir heute nur logisch, dass Maradona an diesem unvergleichlichen Ort seine Karriere startete und auch beendete.

Angel, der Journalist

Wer je in Buenos Aires war, wird sagen: Wenn eine WM, dann hier. Nirgendwo sonst, London und Rio de Janeiro vielleicht ausgenommen, ist die Dichte an berühmten Fussballmannschaften so hoch. Angel, der Sportjournalist von «La Prensa», führte mich in die Soziologie der städtischen Vereine ein: San Lorenzo und Independiente sind typisch spanische Klubs. River Plate ist der Klub der Reichen, San Telmo jener der Armen. Boca ist der italienische Arbeiterverein vom Hafen, Racing war der Klub von Perón. Wie Boca zu seinen Klubfarben Blau und Gelb kam? 1905 sassen die Vereinsgründer im Hafen und sagten sich: Die Farben des nächsten Schiffes, das einlaufen wird, die nehmen wir. Es war ein schwedisches Schiff.

Angel wurde mein bester Freund. Einmal gestand er mir, dass er in seinem Leben drei Vorbilder habe: Sigmund Freud, Che Guevara und Norberto «Beto» Alonso – der Star seines Lieblingsklubs River Plate.

Am 19. Mai schüttelte ich Luis Menotti die Hand. Für die Uneingeweihten: Luis Menotti ist einer der grössten Fussballtrainer der Geschichte, in etwa das, was Stanley Kubrick für den Film oder Leonard Bernstein für die klassische Musik waren.

«Beim Fussball der Linken spielen wir nicht nur, um zu gewinnen.»Luis Menotti

Zu meiner Begegnung mit Menotti kam es so: Angel hatte mich ins Trainingslager der Nationalmannschaft mitgenommen, das Camp – ein kleiner Trainingsplatz und ein paar verstreut liegende Häuser, kein Luxus – befand sich etwa fünfzig Kilometer ausserhalb von Buenos Aires. Die Atmosphäre war familiär, die Dutzend Journalisten unterhielten sich zwanglos mit den Spielern. Zwischen zwei Zigarettenzügen prophezeite «El Flaco», der Dünne, wie Menotti von allen genannt wurde, dass der unauffällige Ardiles ein Schlüsselspieler werden würde.

Dass grosse Fussballtrainer Kette rauchen und cool sind, war in den 1970er-Jahren nichts Aussergewöhnliches. Dass sie lange Haare tragen und engagierte Linke sind, hingegen schon. Die politischen Überzeugungen übertrugen sich auch auf den Spielstil, den Menotti anstrebte: «Beim Fussball der Linken spielen wir nicht nur, um zu gewinnen, sondern auch, um besser zu werden, um Freude zu empfinden, um ein Fest zu erleben, um als Menschen zu wachsen», schrieb er einmal. Dass ausgerechnet er die WM für die Junta gewonnen hat, scheint paradox. Aber ihn darauf anzusprechen, wäre undenkbar gewesen. Politik war auch im Trainingscamp tabu.

3:1 nach Verlängerung: Argentinien jubelt über den Weltmeistertitel, Holland am Boden. Foto: Keystone

Ich sah Mario Kempes, mein grosses Idol, der wenige Wochen später WM-Torschützenkönig werden sollte. Ich sprach mit den Spielern Fillol, Ortiz und Alonso. Es ging um Taktik und die Sorge um Verletzte. Ortiz, der linke Flügel, rauchte so fleissig wie Menotti. Draussen sassen Luque und Ardiles in einem Auto, wahrscheinlich wollten sie in den Ausgang. Passarella, der Kapitän und sprunggewaltige Libero, stiess zu uns und grüsste Angel freundlich. Er war von River Plate, Angels Lieblingsverein, so wie viele in der Nationalmannschaft.

Ein weiteres scheinbares Paradox: Der mysteriöse Menotti, ein grosser Gegner der Kommerzialisierung im Fussball, rekrutierte seine Spieler vornehmlich von den «Millionarios» aus River Plate. Nur einer, Alberto Tarantini, war von «meinen» Boca Juniors, dem Arbeiterverein. Doch ich gestehe: Nach zahlreichen Matchbesuchen bei meinem Lieblingsklub sah ich ein, dass Menotti zweifellos die damals besten Fussballer des Landes in seine Auswahl berufen hatte.

Wie ich die Lust am Fussball verlor

Doch was machte ich da eigentlich? Ich dachte über Aufstellung und Taktik nach und freute mich, meine Idole zu treffen, anstatt mich um mein Forschungsprojekt zu kümmern. Ich glaube, ich erlebte den grossen argentinischen Widerspruch am eigenen Leib: Man ist begeisterter Fussballfan und zugleich ein Gegner des Regimes, das wiederum vom Erfolg des nationalen Fussballs profitiert.

Dabei hatte ich längst schon eigene Erfahrungen mit der Militärdiktatur gemacht. Tagebucheintrag vom 17. April:

«In der Nähe meines Hotels bemerkte ich, dass uns ein Polizeiauto folgte. Als wir durch die Strasse Sarandé fuhren, heulte plötzlich die Sirene. Das Polizeiauto kam auf uns zu. Es waren drei Polizisten im Wagen. Einer zielte aus dem fahrenden Auto mit einer Pistole auf uns, Kopfhöhe, ein anderer machte das Zeichen zum Anhalten. Angel stoppte den Wagen. Wir streckten die Hände in die Höhe und stiegen aus. Wir mussten die Hände auf das Dach des Wagens legen und die Beine spreizen. Ein Polizist richtete die Maschinenpistole auf uns. Ich wagte nicht, mich zu bewegen oder mich umzuschauen. Ein zweiter Polizist fuhr das Polizeiauto vor unseren Wagen, um den Verkehr nicht aufzuhalten. Dann richtete auch dieser seine Waffe auf uns. Der Dritte tastete uns ab, von oben bis unten. Ich weiss nicht, was Angel gefragt wurde, ich hörte nur, dass er sagte, er sei Journalist und ich komme aus der Schweiz. Der Polizist sah sich meinen Pass an. Er fragte, wie lange ich schon hier sei. Das Gesicht des Polizisten sah ich nicht genau. Sein Helm reichte ihm tief ins Gesicht, ein breiter Riemen baumelte ums Kinn. Unhöflich, kalt, präzise Fragen, er schien die Machtposition zu geniessen. Er durchsuchte den Kofferraum, das ganze Auto. Dann zogen die Polizisten ab, ohne noch ein Wort zu sagen.»

Ich war kein Fussballethnologe, sondern bloss ein naiver Tourist.

Auf der Weiterfahrt erzählte ich Angel von meiner Reiselektüre, den Broschüren von Amnesty International und dem Büchlein «Fussball und Folter – Argentinien ’78». Angel schlug sich mit der Hand an den Kopf. Ob ich wahnsinnig sei, rief er. Wenn ich bei der Einreise kontrolliert worden wäre oder die Polizisten die Bücher gefunden hätten, würden wir alle verschwinden.

Als ich endlich zurück im Hotel war, versteckte ich die Lektüre und fühlte mich elend: Statt den Kontakt zu Widerstandsgruppen oder politischen Journalisten zu suchen, genoss ich den Fussball – und dies erst noch mit Gustavo, dem Fabrikantensohn und Kapitalisten, der mit dem Regime unter einer Decke steckte. Jemand hatte mir erzählt, dass seine Fabrik den Stoff lieferte, aus dem die Militäruniformen gemacht wurden. Ich war kein Fussballethnologe, sondern bloss ein naiver Tourist, der mit seiner Anwesenheit die WM und damit das Regime unterstützte.

Als die WM begann, ging ich trotzdem zu den Spielen. Das Stehplatzticket für die Partie Argentinien–Ungarn erhielt ich im Vorverkauf für rund zehn Franken. Ich stand ganz oben, hoch über den Toren, im Oval des River-Plate-Stadions. Das Stadion ist keine Fussballarena wie «La Bombonera», man befindet sich viel zu weit weg vom Spielfeld, die Stimmung schien aufgesetzt, wirkliche Leidenschaft konnte ich nicht erkennen.

In Argentinien sah ich vieles, was sich im Fussball später weltweit durchsetzen sollte.

Die Arena füllte sich schnell, ich trat an ein Stahlrohrgeländer, um mir etwas Luft zu verschaffen. Der Druck der einströmenden Massen wuchs, ich wurde gegen die Absperrung gedrückt. Angst und Panik erfassten mich, als sich die Metallstangen langsam bogen. Doch die Argentinier um mich herum blieben merkwürdig gelassen, sie riefen und signalisierten den nachrückenden Menschen, dass sie zurückbleiben sollten – bis der Druck tatsächlich nachliess.

In Argentinien sah ich vieles, was sich im Fussball später weltweit durchsetzen sollte. Zum Beispiel die vielen Bälle, die während eines Spiels neben dem Platz von den Balljungen gehütet wurden und zum Einsatz kamen, sobald der Spielball ins Aus flog. Der Grund waren die Wassergräben, die in einigen argentinischen Stadien die Tribüne vom Rasen trennten. Richtig, Wassergräben – die Gitter, die in Europa Tragödien wie jene von Hillsborough und auch jene von Heysel verschuldeten, brauchte man dort nicht.

Ich war noch ein weiteres Mal im Stadion, beim Vorrundenspiel Spanien gegen Österreich. Es fand in der kleineren, neu errichteten Arena von Vélez Sársfield statt. Aber ich hatte die Freude an der WM verloren, direkt am nächsten Tag eilte ich zu meinen Fabrikkollegen in Pompeja, einem armen Vorstadtviertel von Buenos Aires, wir hatten ein Spiel: Der Platz war holprig, die Luft staubig.

Grosse Unterstützung: Die feiernden argentinischen Fans, 1978. Foto: Getty Images

Ich spielte wieder Verteidiger. Unser Mittelstürmer stand mit einer Zigarette im Anstosskreis. Wir verloren, weil Gustavo, der Sponsor unserer Mannschaft, sich wieder einmal als Torhüter aufgestellt hatte – aber hier erlebte ich die grosse Unbeschwertheit und Freude, die ich am Fussball so liebte und die der WM fehlte. Bei der Familie Ceruti, wo wir am Samstagabend Pizza assen, sassen wir lange beisammen und diskutierten die neusten Gerüchte: Der grössenwahnsinnige Vorstand der Boca Juniors wolle einen Teil des Hafens zuschütten und eine Arena für 250 000 Zuschauer errichten.

Bei den Cerutis begann ich allmählich zu verstehen: Die WM ist bloss der kapitalistische Auswuchs einer Sportart. Der Fussball an sich ist ein soziales Phänomen, das in den Amateurvereinen der Quartiere stattfindet. Die Weltmeisterschaft verfolgte ich fortan nur noch nebenbei am Fernsehen. In der Partie gegen Italien wurde für Argentinien Norberto «Beto» Alonso eingewechselt, Angels Idol. «Beto» war von Luis Menotti für die WM nachnominiert worden – auf Anweisung von General Carlos Lacoste, Mitglied der Militärjunta und Fan von River Plate. Da war sie wieder, die Verbindung von Diktatur und Fussball.

Junta – Argentinien 1:0

Natürlich gewann Argentinien die WM. Somit wurde auch die im Büchlein «Fussball und Folter» von Christian Graf von Krockow formulierte Hoffnung widerlegt, dass das Turnier der Militärdiktatur schaden werde, weil es den Beweis liefere, «dass die freiheitliche Demokratie im Vergleich mit dem totalitären Staat nicht nur die bessere, die humanere und die gerechtere, sondern auf längere Sicht die erfolgreichere und effektivere Staatsform ist, auch im Bereich des Sports». Der Weltmeistertitel war ein Prestigesieg für die Junta. Heute weiss man, dass er nicht nur im sportlichen Wettkampf errungen worden war: Das entscheidende Spiel der Argentinier gegen Peru war gekauft worden.

Mit Angel ging ich trotzdem ins Zentrum von Buenos Aires, um zu feiern, nahe der Casa Rosada, dem Regierungssitz. Zum ersten Mal in jenen Wochen kam so etwas wie Begeisterung auf. Von der Junta liess sich niemand blicken, man hatte wohl Respekt vor den vielen Menschen. Und tatsächlich – die Menschen nutzten den seltenen Moment der Freiheit. Unter die «Ar-gen-tina!»-Gesänge mischten sich «Che Guevara!»-Rufe, zuerst zaghaft, dann immer deutlicher.

Bis heute kann ich nicht sagen, ob ein WM-Boykott die Diktatur Jorge Videlas verkürzt hätte.

Später sollte der Nationaltrainer Menotti sagen, der Weltmeistertitel sei ein Sieg über die Diktatur gewesen. Von diesem Sieg über die Diktatur spürte ich im Land nichts. Ich blieb noch bis Ende September 1978 in Argentinien. Im Landesinneren war es, als hätte die WM nie stattgefunden. Argentinien sollte bis 1983 eine Diktatur bleiben, erst der Falklandkrieg veränderte die Verhältnisse.

In all diese Widersprüche verwickelt, verlor ich meine Forschungsfrage aus den Augen. Bis heute kann ich nicht sagen, ob ein WM-Boykott die Diktatur Jorge Videlas verkürzt hätte. Sicher ist für mich bloss, dass den Satz, den ich ebenfalls in meinem Rororo-Büchlein fand, heute niemand mehr so formulieren würde, schon gar nicht im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft in Russland: «Im internationalen Sport steckt das Modell einer Weltgesellschaft in Frieden und Freiheit, die einzige Hoffnung auf die Menschenrechte überall in der Welt.»

Zurück in Zürich übte ich wie vergiftet einen Trick, den ich Maradona abgeschaut hatte. Um mit dem Ball zu jonglieren, nahm er ihn nicht wie die meisten mit einem Fuss hoch, sondern kickte ihn sich mit dem rechten Absatz auf den linken Fuss, um ihn dann hinter dem rechten Bein vorbei in die Luft springen zu lassen. Meine Feldforschungen in Argentinien raubten mir die Illusion von der Unschuld des Fussballs. Aber sie haben mir einen kleinen Trick geschenkt, der mir daheim in der Schweiz ziemlichen Respekt verschaffte.

Toni Saller, geboren 1956, in der Saison 1979/80 Torschützenkönig in der dritten Liga, ist Ethnologe und freier Autor. Seine Lizenziatsarbeit von 1984 trug den Titel: «Immer am Ball – Eine ethnologische Untersuchung eines Freizeit-Fussballvereins mit einer Geschichte des Fussballs».

(Das Magazin)

Erstellt: 16.06.2018, 11:17 Uhr

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