Brasiliens liebster Saubermann

Nationaltrainer Tite setzt auf Disziplin. Damit die Künstler zaubern können.

Der Trainer der Seleção weiss: «Die DNA des brasilianischen Fussballs sind immer Qualität und Talent.»

Der Trainer der Seleção weiss: «Die DNA des brasilianischen Fussballs sind immer Qualität und Talent.» Bild: Andre Penner/Keystone

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Der Mann geniesst in der Heimat Heldenstatus. Und damit das so bleibt, sollte Brasilien dringend den sechsten WM-Titel gewinnen. Tite (gesprochen: «Tschitschi») wird der Trainer gerufen, dem die Landsleute fast geschlossen vertrauen, seine Popularitätswerte sind überragend, verbunden mit einem Saubermannimage gilt der 57-Jährige für viele gar als perfekte Staatschefbesetzung. Tite aber hält wenig von Politik, er findet, der Fussball könne die schwerwiegenden Probleme Brasiliens nicht lösen. «Die Seleçao darf nicht missbraucht werden», fordert er.

Die Seleçao im Videoporträt:

Tite ist ein kritischer Geist. Anfang Juni griff er an einer Pressekonferenz das Kreditkartenunternehmen Mastercard an, weil dieses 10 000 Mahlzeiten an das UNO-Welternährungsprogramm spenden will, wenn die Superstars Neymar und Lionel Messi ein WM-Tor erzielen. «Mastercard, ich muss jetzt mal etwas ansprechen», sagte Tite. Diese Spendenaktion sei sehr schön, aber noch besser wäre es, würden die Mahlzeiten bezahlt werden, wenn Brasilien und Argentinien ein Tor schiessen würden. «Wir arbeiten als Team. Solche Aktionen können frustrierend sein.» Mastercard ist auch Sponsor der brasilianischen Auswahl.

Diese Episode verdeutlicht den ausgeprägten Solidaritätsgedanken Tites. Er hat seinen Künstlernamen dem letzten WM-Coach Brasiliens zu verdanken. Luiz Felipe Scolari trainierte Ende der Siebzigerjahre Adenor Leonardo Bacchi beim Kleinclub Caxias - und verwechselte ihn mit einem Talent namens Tite.

Smarte Entscheidungen

Als Spieler war der neugetaufte Tite kein Überflieger, und als Trainer tingelte er lange durch Brasilien, elf Vereine betreute er in 26 Jahren. Erst bei Corinthians, dem zweitbeliebtesten Club des Landes hinter Flamengo, reüssierte er dank einem für die Liga revolutionären Ansatz aus moderner Trainingslehre und attraktivem Spielstil. Mit dem Verein aus So Paulo gewann Tite zweimal die Meisterschaft (2011, 2015), die renommierte Copa Libertadores (2012) und im gleichen Jahr die Club-WM.

Lange hatten ihn Beobachter und Fans als Nationaltrainer gefordert, doch selbst nach der WM 2014 kam überraschend erneut Carlos Dunga zum Zug. Aber weil Dunga vor zwei Jahren an der Copa America in der Vorrunde an den Exoten Peru und Ecuador scheiterte, wurde Tite endlich berufen. «Ein Traum geht in Erfüllung», sagte er.

Der Kader der brasilianischen Nationalmannschaft:

Tite stammt aus dem Süden des Landes, wie Scolari und Dunga, aus einer Gegend mit vielen europäischen Einwanderern. Dieser Einfluss ist auch bei ihm erkennbar, er legt Wert auf eine starke Organisation, auf Anstand, Disziplin, Gemeinschaftssinn. Das 4-3-3-System ist die Basis. Dem «Kicker» erklärte Tite im Frühling seine Philosophie. Demnach geht es in zwei Dritteln des Feldes darum, die Kontrolle zu halten. Im letzten Drittel, ganz vorn, dürfen die Akteure kreativ sein, sie besitzen Freiheiten, stets aber im Dienst des Teams. Es spielt, auch Mastercard weiss nun Bescheid, keine Rolle, wer trifft.

«Nur glückliche Spieler sind gute Spieler»

Die Auftritte Brasiliens unter Tite waren erfolgreich, oft spektakulär, manchmal brillant. Aus der Lachnummer wurde der WM-Topfavorit. Dem routinierten Fussballlehrer ist es gelungen, die Abhängigkeit der Auswahl von Neymar zu verringern. Und er hat mit klugen Massnahmen das Team stabilisiert. So holte er die starken Verteidiger Thiago Silva und Marcelo zurück, beorderte den giftigen Balldieb Casemiro ins defensive Mittelfeld, gab Techniker Philippe Coutinho eine wichtige Rolle, beförderte den hochbegabten Youngster Gabriel Jesus mit 19 Jahren ins Nationalteam. Und Tite mag das schöne Spiel durchaus, schwärmt von Zico, Socrates, Garrincha, ist sich aber nicht zu schade, Abräumer Casemiro ins Zentrum zu stellen. Er sagt: «Die DNA des brasilianischen Fussballs sind immer Qualität und Talent.»

Tites Stützpunkt vor der WM war Rio, doch er reiste oft, kreuz und quer durch Europa, ging auf Wünsche und Sorgen der Fussballer ein. «Nur glückliche Spieler sind gute Spieler», sagt Tite. Er gilt als Freund der Fussballer, lacht mit ihnen, spricht viel. Und er ist ein treuer Chef. 15 von 23 WM-Spielern Brasiliens standen schon im ersten Aufgebot Tites 2016.

Erstellt: 17.06.2018, 10:52 Uhr

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