Das Glück ist rund

Über die Faszination des Fussballs und warum wir die WM am Radio verfolgen sollten.

Ungefähr 2000-mal soll der Ball in einem Spiel getreten werden. Spielen die Spanier, dann sind es noch einige 100-mal mehr: Xavi Hernández 2012 im WM-Qualifikationsspiel gegen Frankreich. Bild: Getty Images

Ungefähr 2000-mal soll der Ball in einem Spiel getreten werden. Spielen die Spanier, dann sind es noch einige 100-mal mehr: Xavi Hernández 2012 im WM-Qualifikationsspiel gegen Frankreich. Bild: Getty Images

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Der Ball, er rollt und fliegt und flattert, und manchmal hüpft er und flitzt und saust und kullert wieder um die ganze Welt, mehr als vier Wochen lang. Und es wird gefiebert, gehofft, geträumt, gerätselt, gebangt, gejammert, geflucht, gejubelt, gelitten, gefeiert.

Ungefähr 2000-mal soll der Ball in einem ganzen Spiel getreten werden, spielen die Spanier und solche, die wie Spanien spielen, sind es noch einige 100-mal mehr, denn die Spanier und jene, die wie Spanien spielen, berühren den Ball gern sehr oft und immer wieder, ganz zart und leicht­füssig, schwebend fast, nach links, nach rechts, nach vorn, nach hinten, wieder von neuem, im Kreis herum, wenn es hier keine Lücke gibt, dann tut sich vielleicht dort eine auf, der Ball ist eine Blume, die beschützt und gepflegt wird. Für viele ist dies reinste Poesie, für andere Langeweile.

Aber 2000-mal oder einige 100-mal mehr bedeutet auch, es hätte jedes Mal eine andere Möglichkeit gegeben. Den Ball zu treten, sei immer, schrieb einst einer, ein Rendezvous mit der Zukunft und gleichzeitig mit der Ungewissheit und damit dem Glück. Was wäre passiert, wenn . . .? Der Pass nicht nach links, sondern nach rechts? Vielleicht hätte alles anders geendet.

Fussball ist so einfach. Es braucht so wenig. Eine Fläche, ob Rasen oder Beton, Sand oder Kies, das Tor kann auch mit Dosen oder nur Socken markiert werden, und eben einen Ball, der einst aus Leder war und heute ein Hightechgerät ist.

Fast alle von uns haben schon einmal gespielt. ­Irgendwo. Fussball bedeutet auch Kindheitserinnerungen. Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano, der von sich selbst sagt, er sei das schlimmste Holzbein der Bolzplätze seines Landes gewesen, führte einmal ein Gespräch mit einer deutschen Theologin. «Wie würden Sie einem Kind erklären, was Glück ist?», fragte er. «Ich würde es ihm nicht erklären, ich würde ihm einfach einen Ball zuwerfen, damit es spielt», sagte sie.

Es ist Weltmeisterschaft. Und so reden und schreiben wieder alle, und es reden und schreiben auch solche, die sonst gern schnöden über dieses einfache Spiel, aber weil WM ist, weil es fast alle bewegt, weil Fussball jede andere Sportart überstrahlt und sich alles um den Ball dreht, weil jeder glaubt, mitreden zu können und zu ­dürfen, bewegt es auch viele, darüber zu reden und zu schreiben. Fussball schafft es auch in die Feuilletons, es wird vieles interpretiert, oft zu vieles.

Eigentlich müsste man in unserer Zeit der Bilder, die alles deuten sollen und doch manchmal nicht die Wahrheit sagen, wieder wie früher Fussball verfolgen. Am Radio. Nur hören, nichts sehen, aber sich vieles vor­stellen, das Spielfeld, die Position der Spieler, die Gesten, die Trikots, sich also selbst Bilder machen. Nur die eine Stimme, die Geräusche aus dem Stadion dazu. Nicht selbst urteilen können, ob es nun gut oder schlecht war, der Pass in diesem Moment gescheit oder nicht, das Tor vielleicht vermeidbar.

Am Schluss bleibt die Melancholie, wie nach einer Liebe, noch ein letzter Satz, ein letztes Wort, zurück ins Radiostudio. Jetzt Musik.

Erstellt: 12.06.2018, 08:15 Uhr

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